Gegen den Strom. Gegen Bashar al-Assad

15. Juni 2011, 10:22
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Eine junge Aktivistin kämpft im Drusendorf Majdal Shams, in dem von Israel kontrollierten Teil der Golanhöhen, gegen die konservative Gesellschaft und für ein freies Syrien

Eine junge Aktivistin kämpft im Drusendorf Majdal Shams, in dem von Israel kontrollierten Teil der Golanhöhen, gegen die konservative Gesellschaft und für ein freies Syrien. Ihr Name ist Shefa und sie ist 25. Als eine, die gern mit den Traditionen bricht, hat sie sich in dem kleinen Ort schon einen Namen gemacht. „Ich bin nicht scheu zu sagen, was ich zu sagen habe. Ich bin eine Minderheit, aber die richtige", sagt sie selbstbewusst.

Seit dem „Nakba-Tag" am 15. Mai, als hunderte Palästinenser aus Syrien die Grenze zu Israel stürmten, ist es wieder ruhig geworden in dem 8.800-Seelen-Dorf. Graue und braune Einfamilienhäuser sind hier wie Stufen den Berg hinauf gebaut. Es ist ruhig und die Sonne steht gerade im Mittagszenit. „Ich weiß, es ist sehr früh. Aber ich brauche ein Bier", sagt Shefa.
Wir gehen in eines der wenigen Lokale hier. Die Bar heißt „Undefined". Weil die Drusen hier auch „undefined" sind, erklärt sie. Die meisten Bewohner von Majdal Shams sind nämlich keine israelischen Staatsbürger, sondern haben nur eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung. Aus der Sicht der syrischen Behörden sind sie immer noch Syrer. Shefa ist sich nicht so ganz sicher, wohin sie gehört. Aber wofür und wogegen sie ist, das weiß sie genau.

Seit Beginn der Proteste in Syrien ist sie in ständigem Kontakt mit Anti-Regime-Aktivisten, verbreitet Informationen und schreibt politische Texte. Sie tauschen sich über geheime Facebook-Gruppen aus, können Nachrichten aber nie so schicken, dass man einen direkten Zusammenhang herstellen kann. „Ich kenne sie und sie kennen mich. Aber wir können nie direkt in Kontakt treten. Das wäre zu gefährlich." Shefa weiß, wovon sie spricht. Auch wenn sie auf der israelischen Seite der Grenze sicher ist, die Foltermethoden der syrischen Geheimpolizei - der Muhabarrat - kennt sie zu gut. „Sie kontrollieren deinen Atem", sagt sie.

Gemeinsam mit 98 anderen Aktivisten aus dem Golan hat Shefa ihre Solidarität mit der „syrischen Revolution" in einem Manifest veröffentlicht. „Ihr seid die Stimme und wir das Echo", beginnt die Erklärung an das syrische Volk. Von den 99 Unterzeichnern sind heute nur mehr 83 übrig. Der Rest hat dem Druck der eigenen Gesellschaft nachgegeben. Viele Drusen hier unterstützen das Regime Bashir al-Assads. In diese Sympathie mischt sich aber auch Angst, dass Regime-Kritik für die Drusen auf der anderen Seite der Grenze gefährlich werden könnte.
Shefa wird ihre Stimme für das Manifest nicht zurückziehen. Dafür sei es schon zu spät, meint sie. Es wisse ohnehin schon jeder, was sie macht. Wegen ihr, muss ihre Familie viel einstecken. Sie bekommen böse Blicke auf der Straße und werden zu keinen Hochzeiten und Begräbnissen mehr eingeladen. „Mein Familienname, mein politischer Aktivismus und die Tatsache, dass ich eine Frau bin, sind zu viel für die Religiösen und Konservativen im Dorf." Ihre Mutter, sagt Shefa, klage immer sie wäre verflucht, weil sie ein so schlaues Mädchen zur Welt gebracht hat. Auch ihre Freunde haben versucht, sie von ihrem Weg abzubringen. „Wenn der Golan wieder an Syrien geht, werden sie dich hängen", habe sie eine Freundin gewarnt.

Für Shefa wird Majdal Shams immer mehr zum Käfig aus Glas. Jeder weiß, was sie tut, aber weg kann sie vorerst auch nicht. Aber sie denkt viel darüber nach, wie es weitergeht. „Ich gehöre nicht hierher, das weiß ich", sagt sie. Auswandern sei eine Option, vielleicht nach Europa. Einige Tage nach dem Treffen lese ich in einem ihrer Status-Updates auf Facebook: „Ich wünschte, ich könnte meinen Namen ändern." (Andreas Hackl, 15.6.2011, derStandard.at)

  • Die Aktivistin Shefa im Lokal "Undefined".
 
    foto: hackl

    Die Aktivistin Shefa im Lokal "Undefined".

     

  • Das Drusendorf Majdal Shams.
    foto: hackl

    Das Drusendorf Majdal Shams.

  • Ein tiefer Graben soll das Überqueren der Grenze am Golan erschweren.
    foto: hackl

    Ein tiefer Graben soll das Überqueren der Grenze am Golan erschweren.

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