Zersiedelung weiter fördern, ja oder nein?

15. Juni 2011, 09:54
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Sollen Einfamilienhäuser gefördert saniert werden können? Darüber wurde kürzlich von Experten eifrig diskutiert - und auch über Garagenplätze im Wohnbau

Ist es sinnvoll, die bereits fortgeschrittene Zersiedelung Österreichs mit der geförderten Sanierung von Einfamilienhäusern weiter zu unterstützen? Das war eine der Kernfragen einer Podiumsdiskussion zum Thema "Nachhaltiges Planen und Bauen - ohne Sanierung?" Ende vergangener Woche in Wien. Und die von der Bundeskammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten (bAIK) ins Erste Bank Event Center geladenen Experten redeten auch gar nicht lange um den heißen Brei herum: Das Einfamilienhaus sei volkswirtschaftlich betrachtet "die teuerste Wohnform", die Förderung der Sanierung dieser Objekte eigentlich "ein Wahnsinn", meinte Georg Pilarz, Vorstandschef des oberösterreichischen gemeinnützigen Wohnbauträgers Giwog. Die Fördermillionen sollten eher in die dichter verbauten Gebiete fließen, darin waren sich die Teilnehmer an der Veranstaltung weitgehend einig.

Sabine Gretner, Planungssprecherin der Wiener Grünen, verwies neben der notwendigen Infrastruktur wie Straßen und Abwasserkanal auch auf die sozialen Folgekosten der Zersiedelung, die die Gemeinden zu tragen hätten - etwa mit der Bereitstellung von "Essen auf Rädern" für ältere Bewohner. Diese Kosten würden in dünn besiedelten Gemeinden um mehr als das Zwanzigfache über dem städtischen Bereich liegen.

Mehr Sanierung als Neubau

Architekt Georg W. Reinberg, Mitglied des Nachhaltigkeits-Ausschusses der bAIK, hielt allerdings auch fest, dass bei der Altbausanierung "fünf Mal so viel CO2 eingespart werden kann wie im Neubau" - weil ein Altbau mittlerweile von einem Heizwärmebedarf von 120 kWh/m²/Jahr (und mehr) etwa im Fall einer Passivhaus-Sanierung auf nur noch einen Wert von 20 kommen kann. Im Neubau sei zumindest Niedrigstenergie ohnehin schon Standard, so Reinberg sinngemäß. Dass derzeit rund eineinhalb Mal mehr Geld an Wohnbauförderung (vom Bund werden dafür jährlich 1,8 Milliarden Euro den Ländern zur Verfügung gestellt) in die Sanierung fließe, sei deshalb gerechtfertigt. Der Architekt räumte aber auch ein, dass Einfamilienhausbesitzern "schon bei der Errichtung mehr Umweltverschmutzung erlaubt wird als Mehrfamilienhaus-Bewohnern".

"Im Bereich der Einfamilienhäuser finden die höchsten CO2-Emissionen statt - nach dieser Logik müsste man deshalb den Eigenheimbereich am stärksten sanieren. Das kann aber nicht das Nonplusultra sein", erklärte auch Franz Köppl, Mietrechtsexperte der Arbeiterkammer. Soll man also Eigenheim-Besitzer mit sanftem Druck zur Sanierung zwingen? Köppl zog hier einen Vergleich zum Katalysator, der vor zwei Jahrzehnten für Pkws schrittweise verpflichtend eingeführt wurde, und forderte, dass der Staat auch bei der Sanierung "ordnungspolitisch eingreifen" sollte. 

"Neubau für Junge am wichtigsten"

Einmal mehr gab sich Köppl auch als Mahner wider den Sanierungs-Boom, der zu Lasten des Neubaus ginge, zu erkennen. Auch als Frage der Generationengerechtigkeit sei "der geförderte Neubau für junge Wohnungssuchende das Wichtigste - alles andere können sie sich nicht leisten." Im Miet-Bereich würden die Kosten der Sanierung vor allem "die Mieter und der Staat" (wegen der Förderungen, Anm.) tragen, kritisierte Köppl weiters, und forderte die Verlängerung der Refinanzierungsfristen. Bei geförderten Sanierungen seien diese mit nur 10 bis 15 Jahren eindeutig zu kurz, so Köppl, er sprach sich für eine Verlängerung auf 30 Jahre aus. "Dadurch würden die Mieten nicht schon 15 Jahre nach der Sanierung wieder steigen können, sondern länger reduziert bleiben müssen."

Giwog-Chef Pilarz erklärte hierzu, dass man im Gegensatz zu Gewerbe- und Industriebauten (30 Jahre) oder Büroimmobilien (50 Jahre) bei Wohnimmobilien eine wesentlich längere Lebensdauer von bis zu 100 Jahren annehme, Refinanzierungszeiträume von 30 bis 40 Jahren wären deshalb durchaus sinnvoll. 

11.000 "Sanierungsschecks" vergeben

Wifo-Expertin Margarete Czerny berichtete die neuesten Zahlen der laufenden "Sanierungsscheck"-Aktion des Bundes. Bis Anfang Juni sind demnach 11.000 Anträge auf Förderung eingegangen, rund 60 Prozent der für heuer reservierten 100 Millionen Euro seien damit praktisch vergeben. Die "Hebelwirkung" der Förderung - also das Verhältnis an Fördersumme zu den damit ausgelösten Gesamtinvestitionen - habe sich weiter verbessert, so Czerny: Nach dem ohnehin schon beachtlichen Hebel von 1:8 im Jahr 2009 (1 Euro an Förderung löste 8 Euro an Investitionen aus) liege man mittlerweile bei 1:11.

Das alles sei aber nur "ein Tropfen auf den heißen Stein"; die Kyoto-Strafzahlungen würden bis zu einer Milliarde Euro ausmachen, so Czerny. Neben der Anhebung der Sanierungsrate auf drei Prozent - und nach 2020 auf über fünf Prozent - forderte sie außerdem mehr Planungsbewusstsein und die Schaffung einer innovativen, architektonisch hochwertigen Baukultur.

Teure Garagen unter Beschuss

Mit der Frage nach der "Trennung von Wohnen und Parken" wurde vom Publikum das Thema Infrastruktur angesprochen, was auch auf dem Podium eine Diskussion rund um geförderte Garagenplätze auslöste. Köppl kritisierte, dass der verpflichtende Bau von einer Garage je Wohnung den sozialen Wohnbau sinnlos verteuere, überdies würden viele dieser Garagenplätze nicht genutzt: In Floridsdorf und Donaustadt betrage der Leerstand 50 bis 60 Prozent, so der AK-Wohnrechtsexperte. Gretner gab bekannt, dass mit dem Koalitionspartner SPÖ bereits akkordiert sei, das Wiener Garagengesetz im nächsten Jahr neu zu verhandeln. (Martin Putschögl, derStandard.at, 15.6.2011)

  • Diskutierten angeregt über Sanierungen, Neubau und Garagenplätze (v.l.n.r.): Architekt Georg W. Reinberg, Giwog-Chef Georg Pilarz, Grünen-Mandatarin Sabine Gretner, Moderator Peter Huemer, Wifo-Ökonomin Margarete Czerny, AK-Wohnrechtsexperte Franz Köppl.
    foto: bernhard wolf

    Diskutierten angeregt über Sanierungen, Neubau und Garagenplätze (v.l.n.r.): Architekt Georg W. Reinberg, Giwog-Chef Georg Pilarz, Grünen-Mandatarin Sabine Gretner, Moderator Peter Huemer, Wifo-Ökonomin Margarete Czerny, AK-Wohnrechtsexperte Franz Köppl.

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