Podiumsdiskussion

Zersiedelung weiter fördern, ja oder nein?

Martin Putschögl, 15. Juni 2011, 09:54
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    foto: bernhard wolf

    Diskutierten angeregt über Sanierungen, Neubau und Garagenplätze (v.l.n.r.): Architekt Georg W. Reinberg, Giwog-Chef Georg Pilarz, Grünen-Mandatarin Sabine Gretner, Moderator Peter Huemer, Wifo-Ökonomin Margarete Czerny, AK-Wohnrechtsexperte Franz Köppl.

Sollen Einfamilienhäuser gefördert saniert werden können? Darüber wurde kürzlich von Experten eifrig diskutiert - und auch über Garagenplätze im Wohnbau

Ist es sinnvoll, die bereits fortgeschrittene Zersiedelung Österreichs mit der geförderten Sanierung von Einfamilienhäusern weiter zu unterstützen? Das war eine der Kernfragen einer Podiumsdiskussion zum Thema "Nachhaltiges Planen und Bauen - ohne Sanierung?" Ende vergangener Woche in Wien. Und die von der Bundeskammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten (bAIK) ins Erste Bank Event Center geladenen Experten redeten auch gar nicht lange um den heißen Brei herum: Das Einfamilienhaus sei volkswirtschaftlich betrachtet "die teuerste Wohnform", die Förderung der Sanierung dieser Objekte eigentlich "ein Wahnsinn", meinte Georg Pilarz, Vorstandschef des oberösterreichischen gemeinnützigen Wohnbauträgers Giwog. Die Fördermillionen sollten eher in die dichter verbauten Gebiete fließen, darin waren sich die Teilnehmer an der Veranstaltung weitgehend einig.

Sabine Gretner, Planungssprecherin der Wiener Grünen, verwies neben der notwendigen Infrastruktur wie Straßen und Abwasserkanal auch auf die sozialen Folgekosten der Zersiedelung, die die Gemeinden zu tragen hätten - etwa mit der Bereitstellung von "Essen auf Rädern" für ältere Bewohner. Diese Kosten würden in dünn besiedelten Gemeinden um mehr als das Zwanzigfache über dem städtischen Bereich liegen.

Mehr Sanierung als Neubau

Architekt Georg W. Reinberg, Mitglied des Nachhaltigkeits-Ausschusses der bAIK, hielt allerdings auch fest, dass bei der Altbausanierung "fünf Mal so viel CO2 eingespart werden kann wie im Neubau" - weil ein Altbau mittlerweile von einem Heizwärmebedarf von 120 kWh/m²/Jahr (und mehr) etwa im Fall einer Passivhaus-Sanierung auf nur noch einen Wert von 20 kommen kann. Im Neubau sei zumindest Niedrigstenergie ohnehin schon Standard, so Reinberg sinngemäß. Dass derzeit rund eineinhalb Mal mehr Geld an Wohnbauförderung (vom Bund werden dafür jährlich 1,8 Milliarden Euro den Ländern zur Verfügung gestellt) in die Sanierung fließe, sei deshalb gerechtfertigt. Der Architekt räumte aber auch ein, dass Einfamilienhausbesitzern "schon bei der Errichtung mehr Umweltverschmutzung erlaubt wird als Mehrfamilienhaus-Bewohnern".

"Im Bereich der Einfamilienhäuser finden die höchsten CO2-Emissionen statt - nach dieser Logik müsste man deshalb den Eigenheimbereich am stärksten sanieren. Das kann aber nicht das Nonplusultra sein", erklärte auch Franz Köppl, Mietrechtsexperte der Arbeiterkammer. Soll man also Eigenheim-Besitzer mit sanftem Druck zur Sanierung zwingen? Köppl zog hier einen Vergleich zum Katalysator, der vor zwei Jahrzehnten für Pkws schrittweise verpflichtend eingeführt wurde, und forderte, dass der Staat auch bei der Sanierung "ordnungspolitisch eingreifen" sollte. 

"Neubau für Junge am wichtigsten"

Einmal mehr gab sich Köppl auch als Mahner wider den Sanierungs-Boom, der zu Lasten des Neubaus ginge, zu erkennen. Auch als Frage der Generationengerechtigkeit sei "der geförderte Neubau für junge Wohnungssuchende das Wichtigste - alles andere können sie sich nicht leisten." Im Miet-Bereich würden die Kosten der Sanierung vor allem "die Mieter und der Staat" (wegen der Förderungen, Anm.) tragen, kritisierte Köppl weiters, und forderte die Verlängerung der Refinanzierungsfristen. Bei geförderten Sanierungen seien diese mit nur 10 bis 15 Jahren eindeutig zu kurz, so Köppl, er sprach sich für eine Verlängerung auf 30 Jahre aus. "Dadurch würden die Mieten nicht schon 15 Jahre nach der Sanierung wieder steigen können, sondern länger reduziert bleiben müssen."

Giwog-Chef Pilarz erklärte hierzu, dass man im Gegensatz zu Gewerbe- und Industriebauten (30 Jahre) oder Büroimmobilien (50 Jahre) bei Wohnimmobilien eine wesentlich längere Lebensdauer von bis zu 100 Jahren annehme, Refinanzierungszeiträume von 30 bis 40 Jahren wären deshalb durchaus sinnvoll. 

11.000 "Sanierungsschecks" vergeben

Wifo-Expertin Margarete Czerny berichtete die neuesten Zahlen der laufenden "Sanierungsscheck"-Aktion des Bundes. Bis Anfang Juni sind demnach 11.000 Anträge auf Förderung eingegangen, rund 60 Prozent der für heuer reservierten 100 Millionen Euro seien damit praktisch vergeben. Die "Hebelwirkung" der Förderung - also das Verhältnis an Fördersumme zu den damit ausgelösten Gesamtinvestitionen - habe sich weiter verbessert, so Czerny: Nach dem ohnehin schon beachtlichen Hebel von 1:8 im Jahr 2009 (1 Euro an Förderung löste 8 Euro an Investitionen aus) liege man mittlerweile bei 1:11.

Das alles sei aber nur "ein Tropfen auf den heißen Stein"; die Kyoto-Strafzahlungen würden bis zu einer Milliarde Euro ausmachen, so Czerny. Neben der Anhebung der Sanierungsrate auf drei Prozent - und nach 2020 auf über fünf Prozent - forderte sie außerdem mehr Planungsbewusstsein und die Schaffung einer innovativen, architektonisch hochwertigen Baukultur.

Teure Garagen unter Beschuss

Mit der Frage nach der "Trennung von Wohnen und Parken" wurde vom Publikum das Thema Infrastruktur angesprochen, was auch auf dem Podium eine Diskussion rund um geförderte Garagenplätze auslöste. Köppl kritisierte, dass der verpflichtende Bau von einer Garage je Wohnung den sozialen Wohnbau sinnlos verteuere, überdies würden viele dieser Garagenplätze nicht genutzt: In Floridsdorf und Donaustadt betrage der Leerstand 50 bis 60 Prozent, so der AK-Wohnrechtsexperte. Gretner gab bekannt, dass mit dem Koalitionspartner SPÖ bereits akkordiert sei, das Wiener Garagengesetz im nächsten Jahr neu zu verhandeln. (Martin Putschögl, derStandard.at, 15.6.2011)

Kommentar posten
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sirnicha
00
20.7.2011, 07:10
schöne wohnsiedlungen

sind für mich bei weitem lebenswerter und effektiver als die meist grauslichen betonklötze in den städten. viele städter (die es sich leisten wollen und können) bringen ihren beitrag zur verhüttelung mit den vielen zweitwohnsitzen. hier würde ich einmal erhebungen durchführen, wo sich da überall und die meiste zeit unbewohnte häuser und häuschen finden.

Messknecht
 
00
17.6.2011, 12:22

Mir ist Zersiedelung bei weitem lieber als das deutsche Simcityprinzip, Gewerbe, Industrie, Wohngebiet.

flux.
00
17.6.2011, 10:43
kann mir jemand erklären

inwiefern durch sanierung bereits bestehender efh die sg zersiedelung "weiter unterstützt" wird?

anni gruber
11
17.6.2011, 14:03

ich vermute damit meint man, dass in bereits zersiedelten gebieten die häuser auf modernen stand gebracht werden, wieder 40 jahre bewohnbar sind und damit die zersiedelung erhalten bleibt.

nachverdichten, aufstocken,... usw könnten gleichzeitig mit der sanierung angewendet werden, dann würde mehr wohnraum entstehen, der dann von neuen bewohnern bewohnt werden würde. damit ginge die zersiedelung zurück.

vielleicht sollte man EFH-sanierung nur bei gleichzeitiger wohnraumschaffung (für andere menschen) fördern?

OttotheBusdriver
11
17.6.2011, 09:18
Aus politischer Sicht ist das Verbrennen von Mineralöl vorteilhaft, da extrem hoch besteuert

Wenn die Leute mit dem Auto zu ihrem ungedämmten Haus in der Wildnis fahren müssen, dann freut sich die Politik, denn dann gibts genug Geld zum verteilen an Günstlinge, für Kampfflugzeuge und zum Einschmeicheln bei den EU Kumpanen.

Die Kunst ist, wie die Politiker das so umformulieren das es trotzdem "grün" klingt.

anni gruber
00
17.6.2011, 14:06

so wie ich es verstanden hab, kassiert die MÖSt der Bund, aber die Kosten der Zersiedelung (Kanalisation, Strassen, Beleuchtung, Kehren, Schneeschaufeln,... plus die negativen Sozialeffekte) bezahlt die Gemeinde.

Kelborn
20
16.6.2011, 15:13

zersiedelung nimmt völlig überhand! Dauernd wird umgewidmet und neues Bauland erschaffen. Die Folge: Grüne Flecken werden weniger und meist unzusammenhängend. Die Bevölkerung wird eher schrumpfen daher MUSS auf weitere Zersiedelung verzichtet werden!!!

G. Dionisus
00
17.6.2011, 12:27

Die Bevölkerung wird bei uns mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht schrumpfen sondern größer werden.

Reginald Barclay
00
17.6.2011, 15:47
Mit entsprechend Zuwanderung, ja

Bei wieviel durchschnittlichen Kindern pro durchschnittlicher Frau sind wir im Moment? 1,4 oder so?

oblomow II
12
16.6.2011, 12:53
ich bin auch dafür ...

... dass die wohnbaugenossenschaften die alleine geförderten sind. ;-)
ein schelm, der böses dabei denkt!

naihoit
04
16.6.2011, 12:48
Was hat die Förderung der energetischen Effizienz von bestehenden EFH mit der Förderung der Zersiedelung zu tun?

Diese Häuser gibt es ja schon, die werden auch bewohnt und es wird sie auch zukünftig geben.
Sind sie thermisch saniert, ev. auch mit Solarenergie optimiert, spart das Unmengen an CO2.
In vielen Fällen rechnet sich eine solche Investition aber nicht für die Bewohner.
Für die Politik sieht das anders aus. Allein das Geld, das im Falle einer Verbesserung an CO2-Abgabe eingespart werden kann als Förderung eingesetzt würde es für viele schon interessant machen, ihre alte Hütte zu renovieren.
Aber mit der Zersiedelung hat das nichts zu tun. Diese Menschen werden in ihren Häusern bleiben, mit oder ohne Förderung.

noldman
21
16.6.2011, 22:58
Wenn dort saniert wird, dann bleiben aber wenns

blöd hergeht auch deren Kinder oder gar Enkelkinder dort und dass ist das Problem. Die meißten Gemeinden können sich die Zersiedelung nicht mehr leisten, was eigentlich heißt, weg mit diesen Häusern und Konzentrierung des Neubaus auf den Kernort, außerhalb Bauverbot.
Gewerbliche Bauten wie die ganzen Hofer, Spar, etc. mitten auf dem Feld die nur noch mit dem Auto zu erreichen sind, müssen auch weg. Die werden eh ca. alle 20-30 Jahre neu gebaut, stehen derzeit ca. 10 Jahre, ändern wir jetzt die Bauordnung dass die nicht mehr neu bauen dürfen sondern in die Zentren zurück müssen, dann löst sich zumindest dieses Problem in 10-20 Jahren, bei den EFH dauert das Problem halt ein klein bißchen länger.

Wird nichts getan stirbt aber das Land.

naihoit
01
17.6.2011, 09:30
Bei Billa, Hofer und Co. stimme ich Ihnen zu,

aber bei den EFH irren Sie.
Einen Abbruch eines legal erbauten Eigenheims kann keine Gemeinde vorschreiben und auch keine Renovierung verbieten.
Die Kinder od. Enkel der jetzigen Besitzer müssen ja auch wo wohnen, und so lange eine Renovierung billiger kommt als ein Neubau, der noch dazu wegen des Grundkaufs verteuert wird (und wenn nur noch im Ortskern gebaut werden darf werden Baugründe dort unbezahlbar) werden die Menschen in ihren Häusern bleiben.

anni gruber
11
17.6.2011, 14:17

stimmt. pflichtabreissen und verbieten geht nicht. aber fördern muss man es auch nicht, dass die schlechte situation der zersiedelung nochmals 40+ jahre zementiert wird.

eines leuchtet mir nicht ein: im italienurlaub sind wir alle so begeistert von den hochverdichteten, engen gassen der städte. die lebendigkeit die dabei entsteht, das sicherheitsgefühl, weil man sich kennt, die sozialen kontakte, weil sich alle kennen,...
ich kenne echt keinen, der das nicht attraktiv findet.
daheim bauen wir alle möglichst weit weg vom nächsten menschen auf wiesen die eigentlich landwirtschaftliche grünflächen sein sollten.
warum ist das so?

Chocoholic
10
19.6.2011, 23:04
Könnten Sie mir bitte eines der Beispiele von angeblich so schlimmer Zersiedelung in Wien gibt,

Wo man Abriss erwägen sollte.

anni gruber
11
20.6.2011, 14:16

wieso wien?
die zersiedelung findet vorwiegend auf dem land statt.
wien ist bereits bis an seine grenzen mehr oder weniger bebaut. durch die teuren grundstückspreise gibt es ihn wien praktisch keinen neubau von EFH.

aber auf dem land, da hat es sich die letzten 30 jahre voll abgespielt. der hinterste grasfleck wurde noch bebaut und von der gemeinde mit infrastruktur versorgt.

sirnicha
00
20.7.2011, 07:18
recht viel ahnung

dürften sie von der sogenannten zersiedelung am land aber nicht haben. übrigens, für die infrastruktur zahlen sie die gebühr im grundstückspreis mit und zweitens müssen sie normalerweise eine dementsprechende fläche dem dem öffentlichen gut überlassen. ich für meine person bin immer wieder froh, wenn ich aus der stadt draussen bin.

zusatz: die ach so wunderbaren und sicheren gassen in italien haben scheinbar auch nur sie erlebt. schon einmal im winter in diesen einsamen, dunklen, schmutzigen und menschenleeren gassen gewesen?

FranzKpunkt
01
16.6.2011, 12:23

Ja versuchen sie mal eine Förderung für eine Solar oder Fotovoltaik Anlage zu bekommen. In der Stmk hats 3min gedauert dann war das Jahresvolumen weg.

Elegantestes Conversations-Lexicon für alle Stände
11
16.6.2011, 10:05

"ordnungspolitisch eingreifen" - schön. Die Frage ist nur wie.

Das freistehende EFH hat hohe Folgekosten. Hier wäre Kostenwahrheit gefragt, aber der Politik fällt dazu nur Pendlerförderung ein. Und die parteiverseuchten Genossenschaften etc wollen mehr Geld.

Außerdem fehlt eine wichtige Differenzierung. Dichter gebaute Reihenhausgebiete erreichen eine ähnliche Dichte wie die typischen Mehrfamilienhäuser.

pirat was sonst
1117
16.6.2011, 01:15
Grüne Ideen

noch weniger CO2 würde ausgestoßen werden, wenn die Menschen in kleinen Käfigen gehalten werden. Übereinander und tief in die Erde gestapelt ließe sich so ganz Österreich im 7. Bezirk unterbringen. Verabreicht man noch Beruhigungsmittel, so werden soziale Probleme gelöst und der CO2 Ausstoß weiter minimiert. Die nicht arbeitsfähigen Teile der Bevölkerung könnte man in künstlichen Tiefschlaf versetzen und bei Bedarf reaktivieren. Um die Überbevölkerung zu bekämpfen, entscheidet eine Ethikkommission über künstliche Befruchtungen. Sex ist ja 1. schmutzig und 2. nicht CO2-neutral.

Schöne grüne Welt. Ich hoffe die Partei wird bald von der Bildfläche verschwinden.

luke skywalker
02
16.6.2011, 21:27
Habe hier einen Link

zur ultimativen Ökostadt.

Von der Wiege bis zur Bahre, Schule, Schlafstätte, Arbeit - alles in einem.

Und das beste für unsere Ökofreaks: es gibt keine Straßen und keine Autos mehr.

Der Traum eines echten Grünen:

http://coh.tritonius.com/RPD04-BorgCube.jpg

naihoit
15
16.6.2011, 12:40
Jetzt habe ich wegen Ihres Postings diesen Artikel noch einmal gelesen,

aber von den Grünen habe ich auch beim 2. mal nichts gefunden.
Sind Sie sicher, daß Sie sich zu diesem Artiklel äußern wollten?

hlg
00
17.6.2011, 19:54
sie sehen nicht WER den boden aufbereitet...

auf dem solche früchtchen (oder besser schwammerln?) wachsen...

die da im artikel zitiert werden.

wir lebe(t)en in einem freien land, da ist es erlaubt auch ausserhalb von bunkern zu vegetieren...

solange es noch geht.

gigngogn
 
32
16.6.2011, 09:52

>Ich hoffe die Partei wird bald von der Bildfläche
>verschwinden.
Nein, die Grünen kennt man, da weiss man woran man ist. Würden die verschwinden würde halt eine andere Partei mit faschistischem Kern auftauchen und die Lücke füllen

sirnicha
00
20.7.2011, 07:19
sie meinten

nicht die naziblauen?

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