Proteste gegen Sparkurs in Griechenland

Papandreou bleibt: Kabinettsumbildung und Vertrauensfrage angekündigt

15. Juni 2011, 22:20

Griechischer Premier hatte zuvor Rücktritt angeboten - Mittlerweile Ruhe in Athens Straßen eingekehrt

Mitten im Tauziehen um eine Lösung für das griechische Schuldenproblem hat sich die politische Lage in Athen verschärft. Am Mittwochnachmittag hatte Ministerpräsident Giorgos Papandreou bekannt gegeben, zum Rücktritt bereit zu sein. Am Abend erklärte er dann aber, doch im Amt zu bleiben. Er werde die Regierung am Donnerstag umbilden und im Parlament die Vertrauensfrage stellen. Dort kann er sich nur noch auf eine knappe Mehrheit von fünf Abgeordneten stützen, nachdem auch in sozialistischen Reihen Kritik am Sparkurs laut geworden ist. Papandreou hatte - wie von Währungsfonds und EU gefordert - vergeblich versucht, Konsens für das neue Sparpaket herbeizuführen.

Neben den innenpolitischen Turbulenzen erschütterte ein neuerlicher Generalstreik Athen, Verkehr und Verwaltung waren gestört. 20.000 Menschen versammelten sich laut Polizei auf den Straßen Athens und machten mit Trompeten, Pfeifen und Kochtöpfen auf sich aufmerksam. Laut Medien beteiligten sich 40.000 Menschen an dem Protest. Als Demonstranten versuchten, Absperrungen vor dem Parlament zu durchbrechen, setzte die Polizei Tränengas ein, Brandsätze flogen. Mittlerweile ist in Athens Straßen wieder Ruhe eingekehrt.

Das Gezerre um die Rettung Griechenlands samt politischen Turbulenzen hat auch für Verunsicherung an den Finanzmärkten gesorgt. Der Euro sank um 1,8 Prozent auf 1,417 Dollar, europäische und US-Börsen gaben nach. Unter Druck stehen auch französische Banken, denen die Herabstufung ihrer Bonität droht.

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Athen - Der griechische Premier Giorgos Papandreou predigt seit Monaten, dass er mit seiner Sparpolitik das Land vor der Zahlungsunfähigkeit retten will. Die Bewältigung der Finanzkrise, mit verursacht durch unkontrollierte Schuldenaufnahme in den vergangenen drei Jahrzehnten, übersteigt aber offensichtlich die Kräfte nur einer Partei, in dem Fall der sozialistischen Pasok. Eine Regierung der nationalen Einheit rückte als Folge der anhaltenden sozialen Proteste und des Generalstreiks am Mittwoch als alternatives Szenario verstärkt in den Vordergrund. Doch nur für einige Stunden.
Wütende Demonstranten bewerfen das Auto des Regierungschefs bei der Anfahrt zum Parlament mit Eiern und Plastikflaschen. Nicht einmal Staatspräsident Karolos Papoulias wird von Buhrufen verschont, als er mit rasender Geschwindigkeit zu seinem Amtssitz unterwegs ist. Die politische Elite des Landes wird belagert und als „Diebe" und „Verräter" beschimpft: Seit Wochen versammeln sich tagtäglich die so genannten „Empörten" auf Straßen und zentralen Plätzen in Athen und anderen großen griechischen Städten.

Parlament eingekreist

Bis in die Nacht blieb das Parlament am Mittwoch nach den Protestmärschen im Rahmen des Generalstreiks von Tausenden Demonstranten eingekreist. Dort begann in den Abendstunden die Debatte über die Haushalts- und Sparziele für die kommenden drei Jahre. Dieses Sparpaket war es, das in der Bevölkerung das Fass zum Überlaufen brachte. „Wir schulden nichts, wir verkaufen nichts, wir bezahlen nichts", stand auf den Transparenten der Demonstranten.
Um ihre fiskalischen Ziele zu erreichen, will die Regierung aber noch im Juni im Parlament das insgesamt fünfte Sparpaket verabschieden und Privatisierungen von Staatsbetrieben einleiten - und stößt an ihre Grenzen.

Die „Troika" aus EU, Internationalem Währungsfonds und Europäischer Zentralbank drängt jedoch auf die Implementierung dieser Maßnahmen und knüpft daran die Auszahlung von weiteren Kreditraten sowie die Gewährung eines zweiten Hilfspakets in Milliardenhöhe. Und Athen braucht diese Unterstützung, sonst droht noch im Juli ein Zahlungsstopp. „Niemand kann die Menschen veralbern. Ohne Gegenleistung wird man uns kein Geld leihen", sagte Papandreou dazu. Aus Brüssel hieß es wiederholt, dass sich die dominierenden Parteien in Griechenland - die regierende sozialistische Pasok und die konservative Nea Dimokratia (ND) - „zusammenraufen" sollten, um der Umsetzung des Sanierungsprozesses eine möglichst breite Basis zu geben. Die ND verweigerte sich dem Druck der europäischen Bruderparteien zu einem Konsens und verdrängte gleichzeitig, dass sich während ihrer Regierungszeit (2004 bis 2009) das Defizit mehr als verdoppelt hat - von 7,5 auf 15,4 Prozent.

Angesichts der kritischen Finanzlage, der „Diktatur der leeren Kassen" und des sozialen Drucks schien aber Bewegung in die politische Landschaft zu kommen. Papandreou schlug dem ND-Vorsitzenden Antonis Samaras die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit, auch unter Einbeziehung von nicht-politischen Persönlichkeiten vor. Der Oppositionschef lehnte dies nicht ab. Voraussetzung: Papandreou verzichtet auf den Posten des Premiers.
Keil war offenbar die Frage des Sparkurses. Samaras wirft der Troika und Papandreou vor, die Rezession mit den massiven Einschnitten zu verschärfen. Er stellte für die Teilnahme an der Einheitsregierung die Bedingung, die Auflagen des IWF und der EU neu zu verhandeln. Ein Ansinnen, das nicht nur von Pasok als aussichtslos betrachtet wird. Eine Einigung kam schließlich nicht zustande.

In einer Botschaft an die griechische Nation kündigte Papandreou eine umfassende Regierungsumbildung für Donnerstag an. Das Kabinett wird neu sein, die Probleme bleiben die alten. Es deutet wenig darauf hin, dass die „Empörten" nun die Plätze und Straßen gegen ihre Diwane austauschen. (Robert Stadler aus Athen, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.6.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 1617
Bauchnabelerkundungsassistent
00
16.6.2011, 23:28

Die Griechen sollen gefälligst ihre Währung zurückholen und von vorne beginnen. Alles andere ist reines Hinauszögern. Und wenn es geht sollten die anderen wirtschaftlich schwachen Länder (Italien, Portugal und co) das selbe tun, bevor die auch komplett in die Schei**e treten. Und wenn das geklappt hat, sollten diese Länder sich gegenseitig helfen (ne eigene kleine Union sozusagen). Von den "Großen" werden se so oder so nur ausgenutzt...

Aber da denke ich wahrscheinlich zu kindlich...

Kiste
00
17.6.2011, 10:33

Das Gegenteil ist - wie ich von Fachleuten gehört habe - eher machbar: Deutschland, Holland, Österreich treten aus der Wäghrungsunion aus.

Peter Franz2
00
16.6.2011, 12:58
Griechenland

Das ist alles nicht zu retten, ein großes Unheil droht nachdem das Schuldengefüge noch in diesem Jahr zusammenbricht. Ein schlauer Mensch erklärt dies im Netz, man suche ,,Finanzwahnsinn erklärt", so gut hab ich das noch nirgends gelesen. Alle reden von Aufschwung dabei stehen wir alle am Abgrund, die größte Wirtschaftskrise aller Zeiten wird folgen!

www.stattnetz.de
00
16.6.2011, 12:50
Stadtflucht

Für die Menschen in Griechenland werden die Diskussionen um die "Rettung der Banken" wohl zunehmend einen rein abstrakten Charakter annehmen.
Immer mehr junge Menschen vertrauen nicht auf irgendwelche Versprechen, sondern verlassen die Städte und wenden sich der Landwirtschaft zu.

Tipp: http://www.dradio.de/dlf/sendu... e/1466586/

besson
53
16.6.2011, 12:38

Ah die Reichen sind wieder mal schuld, dass der Staat zuviel ausgegeben hat. Die Griechische Regierung hat einfach ihre jeweiligen Wähler praktischerweise eingestellt. Mehr als ein Viertel arbeitet beim Staat. Die Beschäftigten der elf defizitärsten griechischen Staatsunternehmen verdienen im Schnitt pro Jahr 40 772 Euro. Der Durchschnitt in der Privatwirtschaft 19 147 Euro. Die Gewerkschaften haben Dutzende von Zulagen erstritten. Die Bedienung eines Fotokopiergeräts wird ebenso gesondert vergütet wie die Arbeit am Computer. Für die Busfahrer der Athener Verkehrsbetriebe beginnt die Arbeitszeit nicht wenn sie im Depot erscheinen, sondern sobald sie ihre Wohnung verlassen. Für die Techniker der Stadtbahn gibt es einen Bonus von vier Proz

Kiste
00
16.6.2011, 13:04

Das Mentalitätsproblem wird man nicht lösen könne; es betrifft offensichtlich alle in der Gesellschaft, die Kleinen und die Großen, nur eben in unterschiedlichem Ausmaß, je nach Einflusssphäre (was ich persönlich in kleinem Rahmen auch schon negativ feststellen durfte). Aber ist nicht Griechenland überall?

jimmydean
00
16.6.2011, 12:51
irgendwo habe ich auch mal gelesen,

dass es einen bonus gibt, wenn man pünktlich am arbeitsplatz erscheint...

Kiste
00
16.6.2011, 13:00

im Club 2 gestern wurde auch (von den griech. TNn) erwähnt, dass Millionen von EU-Fördergeldern zweckentfremdet wurden

des is mei extra
01
16.6.2011, 12:37

ich bin jetzt auch eine ratingagentur und stufe die griechische bonität wieder hinauf - finanzmärkte, reagiert!

freiheitdermeinung
00
16.6.2011, 12:35
Ich fasse mal zusammen

was die Poster hier so wollen:
a) kein Geld mehr fuer G. aber natuerlich soll G. nicht kaputtgespart werden also eigentlich doch Kredite an G. aber nicht an die Banken. Sondern an, vielleicht die kommunistische Gewerkschaft. Aber eigentlich muesste man die Banken doch zwingen Geld fuer G. abzuzweigen aber vorher muss man ihnen schon noch sagen, dass sie keinen cent zurueckbekommen werden
b) die Reichen und die Banken in G. enteignen und wer dann noch immer den G. kein Geld leihen will muss dazu gezwungen werden
c) die Ratingagenturen einfach abschaffen und stattdessen G. Kredite zum Vorzugszins von sagen wir mal 1,5 % p.a. geben. Bloed nur - woher soll das Geld kommen? Also muessen wir auch dazu die Banken zwingen. Nachdem die dann ihr Geld verl

rggre rewqfew
00
16.6.2011, 12:43

schön zusammengefasst.

mann muss also zuerst die bösen spekulanten erschlagen und sich dann geld von ihnen leihen.

blöd nur, dass die "spekulanten" aus dem ausland kommen und sich weder erschlagen noch nötigen lassen werden.

also doch sparen...

sljudanka
00
16.6.2011, 12:32
"Blut floss am Mittwoch bei den Protesten gegen die Sparpolitik der Regierung. "

Szenen wie in Beirut 1975 - ist das das Ergebnis des "Friedensprojektes EU"?

Die grösste Aufrüstung der Nettoempfänger in der Geschichte, Bürgerkriegsszenen mit Rauch, Strassenkämpfen und Blut?

Wo steht das "in den Verträgen"?

ein mensch
01
16.6.2011, 12:31
Lösungsansätze

die griechischen anstrengungen sind durchaus respektabel und haben auch erfolg - mehr zeit=mehr erfolg --> laufzeitverlängerung der schuldtitel.

Bonität: ein EU-rating statt der 3 großen privaten ratingargenturen.

Beides unter einen hut: Euro-bonds statt der einzelnen staaten-bonds mit entsprechendem rating, laufzeit und zinsen.

Wo ist das problem?
Ah, wie verkaufe ich als politiker diese maßnahmen !!

Die "gute bonität" einiger einzelstaaten (D, F etc.) und den zugehörigen zins- und versicherungsvorteil geringfügig zu verschlechtern = als pflege des absatzmarktes in Griechenland (und weiterer) zu verstehen.
Damit auch weiterhin im Euro-binnenmarkt der euro rollt.

Und auf urlaub fahren eh viele gerne hin ...

rggre rewqfew
00
16.6.2011, 12:46

das problem bei den eurobonds ist, dass der vorteil daraus für die umso größer ist, je schlechter ihre finanzen sind. eurobonds setzen ein noch größeres incentive, schulden aufzunehmen und dann andere dafür bezahlen lassen.

zur eu-ratingagentur:. entweder, sie macht ihre arbeit gewissenhaft, dann wird sie zum gleichen ergebnis kommen, wie die 3 amerikaner. oder sie tut es nicht. dann wird sie vom markt ignoriert werden.

ein mensch
00
16.6.2011, 13:16
Ergänzende maßnahme

verbindliche wirtschaftsregeln für die eurozone.

Die 3 bestehenden ratingargenturen als redlich zu verstehen ist mutig: wer hat den die derivate wie MBS etc. mit AAA bewertet ==

Und ist es nicht erstaunlich, dass die USA bislang so gut bewertet sind, obwohl die wirtschaftsdaten zum größten teil schlechter als die von griechenland sind ???

siehe
http://www.ftd.de/finanzen/... 33449.html

http://diepresse.com/home/wirt... e-Griechen

http://www.usdebtclock.org/

rggre rewqfew
00
16.6.2011, 13:54

1) ja eurobonds kann es nur geben, wenn es ein einheitliches eu budget gibt. das gibts aber nicht. man kann nicht souverän entscheiden aber gemeinsam haften. das geht nun mal nicht

2) die ratingagenturen werden deshalb ernst genommen, weil sie allgemein nach dem besten wissensstand arbeiten. es steht dir frei, bessere prognosen zu machen

3) die usa werden besser als GL bewertet, weil sie a) weniger schulden haben, b) weniger leistungsbilanzdefizit und c) vor allem, ihre eigene währung haben. die usa werden ihre schulden immer bezahlen können, denn sie sind in usd ausgestellt. möglich, dass der wert des usd sinkt, aber bezahlen werden sie immer. und nein, gl würde ohne EUR auch nicht besser dastehen, da sie so hohe kredite in eigener

Sonata
04
16.6.2011, 12:15
Die kleinen Leute sollen zahlen...

egal ob in Griechenland oder hier bei uns. Viele reiche Griechen haben Jahrzehnte lang kaum Steuern bezahlt und werden dies auch jetzt nicht freiwillig tun. Die aktuelle Regierung ändert an diesem Zustand auch nichts weil sie vor den Reichen in die Knie gegangen ist und lieber die Proteste der Normalverbraucher in Kauf nimmt und immer in der Hoffnung das Europas Kleinverdiener alles bezahlen - immer und immer wieder.

Kiste
00
16.6.2011, 13:07

die griech. Politologin im Club2 gestern, meinte, dass die Sparmaßnahmen die Reichen sowieso nicht treffen, da sie ihr Geld außer Landes angelegt haben.

Bauchnabelerkundungsassistent
00
16.6.2011, 23:17

wärn ja schön doof in einer anbrechenden krise ihrer gelder in griechenland zu lassen...

Kiste
00
17.6.2011, 10:35

nein, das haben sie schon viel früher getan - Steuerparadiese gibt es ja nicht erst seit gestern.

Spartaner13
01
16.6.2011, 12:25

Vor den Reichen knien und das Volk mit Gewalt zurückdrängen ... lange kann das nicht gut gehen.

Voll der Troll sagt:
03
16.6.2011, 12:31

sorry wenn ich sie jetzt auf den boden der tatsachen zurückholen muß - aber so läuft es schon, seit der mensch das geld erfunden hat.

der reiche schafft an, der arme hungert.

Kiste
00
16.6.2011, 13:08

und dann kam 1789

die rote baronin
01
16.6.2011, 12:43
Nur das sehr viele Arme (oder "Arme") ihr Geld nur allzugern den Reichen vor die Füße werfen.

Z.B. in dem sie eigene Privilegien verteidigen - und damit auch jene, der besser Verdienenden.
Oder weil sie - auch mit dem Wunsch selbst etwas im (fremddefinierten) Luxus leben zu können - das Geld dort ausgeben, wo es die ohnehin schon Reichen hauptsächlich abbekommen (Luxusindustrie), dafür lieber dort sparen, wo es der Allgemeinheit zugute käme.
usw. usf.

Spartaner13
01
16.6.2011, 12:39

auf den Boden zurück? wo war ich denn schon - bin ich etwa geflogen? cool.

Natürlich war es immer schon so (und wird es auch bleiben) aber man kann es ja auch heimlicher tun, nicht so offensichtlich. zB so wie Strache - von ihm glaubt man ja das nicht - der wird uns dann die volle Steuererleichterung bringen - mehr Geld für alle!!!! man wird das super werden.

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