Sitzenbleiben bedeutet vor allem einen Verlust an Lebens- und Lernzeit
Wo derzeit ein Fünfer im Zeugnis ausreicht, sollen in Zukunft vier nötig sein, um ein ganzes Schuljahr zu wiederholen - oder zu verlieren. Denn vor allem das bedeutet die derzeitige Praxis des Sitzenbleibens: einen Verlust an Lebens- und Lernzeit, die sinnvoller genutzt werden könnte, wenn man sich auf das Richtige konzentrieren würde und nicht nur auf das eine, das falsch gelaufen ist. So aber muss ein Defizit in einem Fach mit Frust und Langeweile in allen anderen Fächern gebüßt werden.
Das ist pädagogisch sinnlos und destruktiv. Es frustriert die betroffenen Schüler, und sozial stigmatisierend ist es auch, ein "Sitzenbleiber" zu sein.
Gut also, wenn im Zuge der Oberstufenreform darüber nachgedacht wird, wie man mit dem partiellen Versagen von Schülern produktiver umgehen könnte als jetzt, wobei es vorrangig gar nicht nur um das (auch volkswirtschaftlich kontraproduktive) Sitzenbleiben an sich geht, sondern um eine bessere Organisation des Lernprozesses.
Die Idee, dass durch bewusster begleitetes Lernen und gezielten Förderunterricht (als Pflichtangebot in der Schule und nicht teuer erkauft am Nachhilfemarkt!) viel Scheitern in der Schule durch die Schule selbst vermieden werden könnte, würde auch eine wichtige Kulturänderung bedeuten. Nicht weil den Schülern irgendetwas geschenkt werden würde, sondern weil aus schulischen Leerläufen dann Lehrläufe werden könnten. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD; Printausgabe, 15.6.2011)