Am Friedhof der antiken Weltstadt

14. Juni 2011, 18:07
1 Posting

Der Archäologe Martin Steskal untersucht das größte Nekropol von Ephesos

"Man hört ja oft von Archäologen, die ihren Beruf gewählt haben, weil ihnen die Sandkiste zu klein wurde." Martin Steskal gehört nicht dazu. Erst in der Oberstufe des humanistischen Gymnasiums in Stift Schlierbach habe er die Welt der Antike für sich entdeckt, erzählt er - ausgerechnet durch die meist nicht so beliebten Fächer Latein und Altgriechisch und "durch ein Interesse, Neues zu entdecken, ferne Kulturen zu erforschen und zu reisen" . Und damit es nicht bei der Faszination blieb und ein Beruf daraus wurde, studierte Steskal Klassische Archäologie und Alte Geschichte.

Seit 1999 ist der 37-jährige Oberösterreicher schon bei archäologischen Ausgrabungen in der antiken Metropole Ephesos in der heutigen Türkei - mittlerweile als fix Angestellter des Österreichischen Archäologischen Instituts (ÖAI). Seit 2008 leitet Steskal die Grabungen in der größten Nekropole der Stadt, einem Areal, das, wie man dank Messungen von Geophysikern weiß, 220.000 m2 groß ist.

Diese Arbeit begann man mehr oder weniger notgedrungen. Raubgräber hatten versucht, die Totenstadt zu plündern, weshalb 2005 und 2007 Rettungsgrabungen durchgeführt wurden. Dabei erkannte man, dass mit den Raubzügen schon große Schäden angerichtet wurde. Die systematische Untersuchung der Nekropole, finanziert unter anderem durch den Wissenschaftsfonds FWF, war die logische Konsequenz.

"Nirgendwo sonst ist man dem antiken Menschen so nahe wie am Friedhof" , sagt Steskal. Und meint nicht nur, dass das man hier sterbliche Überreste findet. Steskal sieht zahlreiche Rückschlüsse, die man aufgrund der Funde ziehen kann: Größe und Struktur der Gräber weisen auf den sozialen Status hin. Makroskopische Untersuchungen und DNA-Analysen der menschlichen Überreste können helfen, Fragen zu Geschlecht, Alter, Ernährungsgewohnheiten, Gesundheitszustand und Todesursache zu klären. Eine Arbeit, die Anthropologen durchführen.

2010 war ein Jahr der Überraschung: Unter dem sogenannten Paulusgefängnis konnten mit GPS etwa 300, zumeist schon beraubte Grabhäuser dokumentiert werden, die zum Teil wohl recht individuell gestaltet wurden, wie Funde von Inschriften und Wandmalerei zeigen. In der Größe und architektonischen Gestaltung ähneln sich die Grabhäuser freilich. "Da außerdem prachtvolle Sarkophage und Grabbeigaben in den verschlossenen Grabhäusern nicht sichtbar waren, glauben wir, dass die soziale Definition und Abgrenzung durch das Begräbnis und den Leichenzug erfolgte" , sagt Steskal.

Die Grabbeigaben allein sollte man ohnehin nicht als Indiz für den Reichtum des Verstorbenen betrachten: Der Fund eines Goldrings kann zweierlei bedeuten, sagt der Wissenschafter. "Dass er der verstorbenen Person gehörte, oder dass man ihn ihr mitgegeben hatte: Was aber bei der Analyse des sozialen Status in zwei verschiedene Richtungen führt." Da weiß die Archäologie momentan auch nicht weiter. Und genau das scheint auch der Reiz der Arbeit für Martin Steskal zu sein. "Es ist verblüffend, wie viele Ergebnisse neu interpretiert werden sollten und wie wenig wir wirklich im Detail über das antike Leben wissen." Soll niemand in diesem Zusammenhang "Wem nützt es dann eigentlich?" fragen. Steskal würde mit einem Satz antworten, der zu simpel klingt, aber wohl wahr ist. Das sei ein Wissen, das man braucht, um die Gegenwart zu verstehen. (Peter Illetschko/DER STANDARD, Printausgabe, 15.06.2011)

  • Martin Steskal ist seit 1999 bei Grabungen in Ephesos.
    foto: öai

    Martin Steskal ist seit 1999 bei Grabungen in Ephesos.

Share if you care.