"Ein Modell für einen alltäglichen Prozess"

14. Juni 2011, 17:44
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Mathematikerin Susanne Saminger-Platz modelliert Entscheidungen: Die Besetzung von Jobs würde so transparenter werden

Standard: Sie arbeiten an der Modellierung von Entscheidungen. Wie darf man sich das vorstellen?

Saminger-Platz: Mich interessiert die abstrakte Darstellung von diesen alltäglichen menschlichen Prozessen. Wir treffen laufend Entscheidungen. Im Straßenverkehr zum Beispiel entscheiden wir nicht nach einer Analyse, sondern intuitiv aus der Erfahrung. Das wäre ein "Expertenmodell". Wenn wir mehr Zeit für eine Entscheidung haben, tendieren wir dazu, Informationen einzuholen und basierend auf numerischen Daten und unserer Expertise eine Entscheidung zu treffen. Das wären hybride Modelle. Zum Beispiel bei einer neuen Wohnung. Sie vergleichen am Wohnungsmarkt, holen Daten über Größe der Wohnung und den Preis ein und wägen ab, ob Sie für eine bessere Lage und eine hellere Wohnung möglicherweise einen höheren Preis in Kauf nehmen wollen. Das sind Abhängigkeiten, die man mathematisch und damit auch am Computer modellieren kann.

Standard: Zeigen diese Modellierungen, wie man effizienter zu Entscheidungen kommt - etwa im Management eines Unternehmens?

Saminger-Platz: Wir können auch die Entscheidungsprozesse einer Gruppe darstellen, analysieren, und uns dabei verschiedene Fragen stellen: Wer darf an der Entscheidung mitwirken? Bestehen Hierarchien in der Gruppe? Welche Kommunikationsstrukturen innerhalb der Gruppe beeinflussen die Entscheidung? Aus den Ergebnissen kann man für die Praxis lernen. Diese Fragestellungen haben wir im Rahmen einer Tagung an der Kepler-Uni in diesem Frühjahr diskutiert. Die Ergebnisse sind nicht nur für Unternehmen interessant, sondern können überall, wo gemeinsam Entscheidungen getroffen werden, relevant sein. Auch in wissenschaftlichen Gremien, wo es um die Bewertung von Forschungsergebnissen geht.

Standard: Inwiefern?

Saminger-Platz: Bei der Bewertung von Forschung ist häufig der Impact-Factor von Zeitschriften wichtig, also die durchschnittliche Zahl der Zitierungen, die eine Zeitschrift hat. Es muss aber auch analysiert werden, wie diese Zahlen zustande kommen und welche Aussagekraft sie für das jeweilige Fach haben, in der Mathematik ist das anders als in den Geisteswissenschaften. Es gibt bei der Bewertung eine Reihe weiterer Aspekte, die durch Peer-Reviews, also Gutachten von Fachleuten, abgedeckt werden könnten und sollten, also wieder ein hybrides Modell, basierend auf Daten und Erfahrungen.

Standard: Könnte man mit dieser Modellierung auch die Produktion in Unternehmen beschleunigen?

Saminger-Platz: Unser Institut in Hagenberg kooperiert seit langem mit Unternehmen und Forschungspartnern. Häufig geht es in den Projekten darum, große Datenmengen vom Computer sichten und aufbereiten zu lassen. Zum Beispiel Messdaten von Motorenprüfständen oder aus chemischen Prozessen. Am Ende wird ein Entscheidungsmodell erstellt. Bei der Auswertung von neuen Messdaten werden die gewonnenen Erkenntnisse miteinbezogen, das Modell also laufend adaptiert. Wir sprechen unter anderem von Evolving Fuzzy Systems. Das kann man schon als Prozessunterstützung bewerten, weil man so zu einem frühen Zeitpunkt mit der Qualitätskontrolle ansetzen kann.
Standard: Könnte bei einer Computersimulation zum Beispiel herauskommen, dass es unter den gegebenen Voraussetzungen keine Entscheidung geben kann?

Saminger-Platz: Es könnte sein, dass es keinen Entscheidungsprozess gibt, der allen Anforderungen gleichzeitig genügt. Möglicherweise müsste man die Anforderungen anpassen. Das kann bei der Neubesetzung einer Stelle in einem Unternehmen der Fall sein. Uns interessiert unter anderem, wie sich das Verhalten einer Kommission, die Bewerbungen beurteilt, je nach Handlungsalternativen ändert. Wenn es nur hervorragende Bewerbungen gibt, oder nur Personen, die nicht allen Anforderungen entsprechen.

Standard: Würde es so auch mehr Transparenz bei der Besetzung von Stellen geben? Zum Beispiel an den Unis, wo Frauen weniger Aufstiegschancen haben als Männer?

Saminger-Platz: Transparenz von Entscheidungsprozessen ist ein spannendes Thema für Modellierungen, nicht nur bei der Besetzung von Stellen. Welche Kriterien werden herangezogen? Welche dürfen herangezogen werden? In der Frage der gendergerechten Besetzung von Uni-Stellen hat sich viel geändert, es gibt aber noch viel zu tun. Es gibt aus meiner Sicht zwei Ebenen, die man nicht voneinander trennen kann: eine persönliche Ebene, wo ich mich fragen muss: Wie möchte ich mein Leben jenseits von tradierten Rollenmustern gestalten? Die zweite Ebene ist die strukturelle, wo es um rechtliche Rahmenbedingungen geht, um Einfluss und Ressourcen. Diese Strukturen legen Handlungsspielräume fest, die die persönliche Ebene beeinflussen. Sie machen aber auch Ungleichheiten sichtbarer, etwa dass viel mehr Frauen als Männer an den Unis in prekären Beschäftigungsverhältnissen arbeiten. (Peter Illetschko/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.6.2011)


Susanne Saminger-Platz (36) studierte an der TU Wien, promovierte sub auspiciis an der Kepler-Uni Linz, wo sie im Jahr 2009 in Mathematik habilitierte. Sie arbeitet seit 2000 am Institut für Wissensbasierte Mathematische Systeme der Kepler-Uni, seit 2010 als assoziierte Professorin. Das Institut ist am Campus und im Softwarepark Hagenberg angesiedelt.

  • "In der Frage der  gendergerechten Besetzung von Uni-Stellen gibt es noch viel zu tun", sagt Susanne Saminger-Platz.
    foto: rubra

    "In der Frage der gendergerechten Besetzung von Uni-Stellen gibt es noch viel zu tun", sagt Susanne Saminger-Platz.

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