Frauenhäuser

Eingewandert in die familiäre Hölle

14. Juni 2011, 20:48

In den heimischen Frauenhäusern hat mehr als die Hälfte der Betroffenen bereits einen Migrationshintergrund

Experten fordern jetzt mehr Präventionsarbeit und einen dreijährigen Aufenthaltstitel für Opfer.

***

Linz/Wien - Jede fünfte Frau in Österreich wird Opfer von Gewalt in der Familie. Migrantinnen sind in gleichem Maße betroffen, aber es ist für sie deutlich schwieriger, rechtzeitig Hilfe zu bekommen. Oft bleibt nur mehr die Flucht ins Frauenhaus. Ein Blick auf die Statistik zeigt, dass dieser letzte Ausweg aus einem oft jahrelang andauernden Kreislauf der Gewalt immer häufiger gewählt wird. Migrantinnen sind mit im Durchschnitt 57 Prozent in Österreichs Frauenhäusern überrepräsentiert. Diese hohen Fallzahlen lassen Experten jetzt Alarm schlagen. Gefordert wird mehr Schutz und eine effizientere Hilfe.

Das Faktum, dass deutlich mehr als die Hälfte der in Frauenhäusern betreuten Opfer Migrantinnen sind, lässt aber nicht den Schluss zu, dass Frauen mit Migrationshintergrund in Österreich häufiger Opfer von häuslicher Gewalt werden. "Die Fallzahlen sind nicht höher. Der Unterschied liegt aber darin, dass bei Opfern mit Migrationshintergrund die Gewalterfahrungen meist länger dauern und diese Frauen somit intensiver Gewalt ausgesetzt sind" , erläutert Paulina Wessela, Leiterin der Abteilung "Psychosoziale Angebote für Schutzbedürftige" der Volkshilfe Oberösterreich, im Gespräch mit dem Standard.

Ursache dafür sei, dass Migrantinnen kaum ein soziales Netzwerk hätten. Wessela: "Familiäre Auffangnetze sind viel weniger vorhanden. Betroffen sind da vor allem Asylwerberinnen oder Frauen, die nach Österreich nachziehen. In beiden Fällen ist eine Familie nicht vor Ort. Sprachprobleme, Unkenntnis über die gesetzliche Lage und mitunter Angst vor einem Einschreiten der Polizei führen zu einer sozialen Isolation." Natürlich spiele manchmal auch die Kultur und die Stellung des Mannes im Herkunftsland eine Rolle. "Aber da ist im Vergleich zu den anderen Aspekten kein höherer Anteil erkennbar" , weiß Wessela.

Strukturelle Gewalt

Maria Schwarz-Schlöglmann, Leiterin des Gewaltschutzzentrums in Oberösterreich, ist davon überzeugt, dass Migrantinnen in Österreich neben personaler Gewalt zusätzlich struktureller Gewalt ausgesetzt sind: "Etwa durch das Aufenthalts- und Beschäftigungsrecht. Migrantinnen sind häufig im Niedriglohnbereich und in prekären Beschäftigungsverhältnissen zu finden und somit armutsgefährdet. Wenn die mangelnde rechtliche Absicherung in der neuen Heimat und Existenzängste den Weg zur Polizei unmöglich machen, können diese Frauen letztlich nicht aus der Gewaltspirale ausbrechen."

Gefordert wird von den Experten eine Änderung der Rechtslage. Wessela: "Migrantinnen, die von Gewalt betroffen sind, sollten für drei Jahre einen Aufenthaltstitel bekommen." Das Problem sei derzeit nämlich, dass Frauen oftmals im Zuge der Familienzusammenführung von ihren Männern, die bereits einen gültigen Aufenthaltstitel im Zielland haben, nachgeholt werden. "Im Fall einer Trennung oder Scheidung müssen Migrantinnen nach Ablauf eines Jahres gewisse Voraussetzungen (Wohnung, Einkommen und Sozialversicherung) erfüllen, um selbst einen Aufenthaltstitel zu bekommen. Diese Voraussetzungen sind für die meisten Frauen nicht zu erbringen. Am Ende bleibt meist nur die Rückkehr zum gewalttätigen Ehemann oder in das Heimatland" , warnt die Flüchtlingsexpertin.

Zusätzlich sei die Einführung von muttersprachlichen Mitarbeitern in den Beratungs- und Betreuungseinrichtungen wichtig. Wessela: "Da fehlt es in Österreich massiv an Unterstützung. Die Frauen müssen ihre Rechte im neuen Land kennen. Begriffe wie Unterhalt, Recht auf Trennung/Scheidung, Obsorge müssen verständlich gemacht werden." Und es brauche sogenannte "Notfallswohnungen". Diese sollten einen Neustart erleichtern. (Markus Rohrhofer, DER STANDARD-Printausgabe, 15.6.2011)

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Kra Wuzikabuzi
00
In den heimischen Frauenhäusern hat mehr als die Hälfte der Betroffenen bereits einen Migrationshintergrund

eigentlich sollten es 80% sein, trauen sich halt nicht hin.

Zitronenbaum
02
27.6.2011, 12:22

Mal jetzt von allen Standardfassungen zur häuslichen Gewalt abgesehen:
Es gibt leider auch Menschen, die lieben ihren gewaltätigen Partner so sehr, dass sie nicht von ihm/ihr lassen können, obwohl man ihnen psychische und physische Gewalt antut. /:
Die Tochter einer Kollegin ist auch so. Obwohl ihr Freund sie während der Schwangerschaft geprügelt hat, ist sie immer noch mit ihm zusammen und hat sie ihrem Kind sogar seinen Nachnamen gegeben (was ich für total plemplem halte, immerhin sind sie nicht verheiratet).

Epistula non erubescit
11

also ich glaube, dass der Anteil von Frauen, welche die Gewalttäter aus reiner "Liebe" verzeihen verschwindend gering ist. Eher Berechnung, daß er sie bei einer Trennung finden und ihr noch viel mehr antun wird läßt wohl viele Frauen zurück kehren.
Und für gewöhnlich sind sie finanziell auch total abhängig. Dafür sorgen solche Männer auch schon mal...
Es ist nicht alles schwarz oder weiß

Elisa B
02
23.6.2011, 10:24
strukturelle Gewalt

in den Zuwanderergesellschaft gibt es massive strukturelle Gewalt gegen Frauen.

azahar
00
17.6.2011, 18:15
buchempfehlung!

warum es so wichtig ist, genügend frauenhäuser, schutzwohnungen und beratung in muttersprache anzubieten, macht dieses spannende buch deutlich: "In Freiheit leben, das war lange nur ein Traum. Mutige Frauen erzählen von ihrer Flucht aus Gewalt und moderner Sklaverei" (Ackermann/Kreutzer/Allgäuer, Kösel 2010) - kann ich nur empfehlen! aber trotzdem, gewalt betrifft NATÜRLICH nicht nur migrantinnen, sondern alle frauen, nur die bedingungen sind meist andere (aufenthaltstitel, etc.). machistische männer und patriarchale diskriminierung gibts überall auf der welt!

Barbarin
32
16.6.2011, 10:38
Die meisten Frauenhäuser in der EU...

...gibt es in Spanien...dort ist es ein Art Hobby unter Spanier die Ehefrau zu verprügeln...traurig aber wahr!

saison
10
15.6.2011, 20:18
Das Problem sei derzeit nämlich, dass Frauen oftmals im Zuge der Familienzusammenführung von ihren Männern, die bereits einen gültigen Aufenthaltstitel im Zielland haben, nachgeholt werden.

Kann mir dazu irgendjemand eine Antwort geben:

Betrifft das Asylanten oder Gastarbeiter?

Eine Quelle wäre nicht schlecht... ;-)

ajax999
15
15.6.2011, 15:52

genau wegen solcher verlogenen artikel, welcher krampfhaft die pc aufrechterhalten muss, bekommen die effen immer mehr stimmen. Gehts in ein frauenhaus in wien und schauts wieviel der betroffenen frauen migrationshintergrund haben und dann faselts noch immer über "gleich betroffen - keine unterschied zwischen migranten und österreichern" usw. Wenn die polititschen eliten nicht endlich aufhören solche dinge wie gewalt an frauen unter migranten schönzureden wird der h.c. bald am ballhausplatz sitzen.

Derpeitschenpeter
13
15.6.2011, 15:24

Bis vor Kurzem war ich der Meinung, dass Gewalt gegen Frauen innerhalb der Familie - zumindest unter Österreichern - eher der Ausnahmefall wäre. Ich war fest davon überzeugt, dass in einer friedlichen, freien und aufgeklärten Gesellschaft wie der unseren, sowas einfach nicht zum Alltag gehört.
Doch nach ein paar zufällig das Thema betreffenden Gesprächen mit Freunden und Bekannten, hat sich mein Bild schlagartig geändert. Offensichtlich ist Gewalt gegen Frauen auch hierzulande ein akutes Problem, worüber halt einfach nicht gesprochen wird... Bin bis heute bestürzt darüber, wie viele Frauen eigentlich schon Gewalt durch den Geliebten widerfahren ist.

Schmutzteufel
10
26.6.2011, 08:46
Sag mal du Peitschpeter...

...in welcher Welt hast denn bis vor kurzem gelebt? Gewalt ist überall. Und bei Migranten nicht häufiger als bei Österreichern. Und in besser situierten Kreisen ist sie genauso oft. Nur, es dringt nicht so leicht nach außen!

Wappen hea
02
15.6.2011, 19:04

ich bin in einer Ecke von Wien aufgewachsen, in der Gewalt innert der eigenen 4 Wände all gegenwärtig war.
Fast jede Nacht hat jemand irgendwo geschrien oder man hat im Betonbau Watschen und (gegen) Kastel krachen gehört. So einmal pro Monat bis einmal alle 2 Monate ist zumeist eine Frau unter Hilfeschreien durch den Hof gelaufen, verfolgt von einem nicht minder Betrunkenen. Manchmal mit den begleitenden Worten "I bring Di um" oder von der anderen Seite "Hüfe, Hüfe, ruafts de Polizei" - die selbstredend nie gerufen wurde. Ermordet wurde damals aber auch niemand. Das Bildungsniveau war unterdurchschnittlich niedrig. Ausländer gabs dort - weil Gemeindebau - so gut wie keine.

Schräge Sozialisation.

Julian Bashir
00
15.6.2011, 18:11
Witzigen Nick haben Sie... :-)

sljudanka
14
15.6.2011, 16:52
Die physische Gewalt ist das Metier von Männern, das ist unbestritten

mir wird allerdings zu wenig auf Zusammenhänge wert gelegt.

Keine Frau, keine Partnerschaft existiert im luftleeren Raum.

Viele Männer sind von Problemen betroffen, sind Hauptverantwortliche für den Unterhalt der Familie und der Frau, werden von hohen Erwartungshaltungen der Frauen beaufschlagt, etc.

Dieses Bild - die arme Frau, und der böse gewalttätige Mann ist mir zu klischeehaft, und entspricht überhaupt nicht der realen Lebenswirklichkeit.

Im Gegenteil, dieses Bild widerspricht einer menschlichen Sichtweise.

Ein Alkoholiker z.B. ist selber auch Opfer, und dadurch resultierende Gewalt dann nur allein dem Mann zuzuschreiben ist zwar vordergründig berechtigt, sollte aber nicht eine weitergehende Betrachtung verhindern.

Tethys
01
22.6.2011, 12:48

"Viele Männer sind von Problemen betroffen, sind Hauptverantwortliche für den Unterhalt der Familie und der Frau, werden von hohen Erwartungshaltungen der Frauen beaufschlagt, etc. "

Und das ist jetzt KEIN Klischee?

Sie suchen krampfhaft nach Rechtfertigungen für Gewalt? Ist das Ihr Ernst?

little django
 
01
16.6.2011, 13:46

ah so, weil man probleme hat hat man dann eine ausred hinzuhauen? na meine kinder hätten sich bedankt wenn ich meinen frust/meine sorgen damals in prügel/watschen umgewandelt hätte.
ebenso betrunkene: es wird keiner gezwungen zu saufen. das löst das problem nicht, es macht es im augenblick nur leichter. aber die wirklichen sorgen kommen doppelt und dreifach später.

keine frage gibt es auch frauen mit hohen ansprüchen. es muß aber weder so eine frau einen mann "aushalten" der diese nicht erfüllen kann, noch ein mann ist ewig an so eine frau gebunden. das merkt man doch im zusammenleben relativ bald. nennt sich freie meinung und freie entscheidung.

Spartaner13
22
15.6.2011, 14:09
Mich wundert es, dass die es in die Frauenhäuser schaffen

Schon alleine, dass solche betroffenen Frauen es in die Frauenhäuser schaffen, ist ein Wunder. Die verdienen großen Respekt.

Leider können sich unsere Zuwanderer nicht so schnell an die westliche Welt anpassen - Frauen sind Menschen 2. Klasse. Klar gibts bei uns Ösis auch noch genug Familien, wo den Frauen schlimmes passiert. Aber in einer modernern Familie sollte dies nicht mehr sein.

Leider sind solche Berichte und die genannten Zahlen immer nur die Spitze eines Eisberges ...

Laran Wish
01
15.6.2011, 16:55

Es handelt sich ja nur um eine Beschreibung der aktuellen Situation. Jene Frauen, die häusliche Gewalt erfahren, aber aus welchen Gründen auch immer in kein Frauenhaus flüchten (können), sind hier nicht erfaßt.

Und ich kann mir sehr gut vorstellen, daß es für Migrantinnen deutlich schwieriger ist, diesen Schritt zu tun.

Ich sehe nicht, daß sämtliche Initiativen zur Verhinderung von Gewalt gegen Frauen hierzulande gescheitert sind - woher wissen wir, was passiert wäre, wenn es diese nicht gegeben hätte? Aufklären, thematisieren, informieren kann nicht falsch sein. Aber hinterfragen und ggf. verbessern schadet auch nicht.

Laran Wish
00
15.6.2011, 16:58
sollte eigentlich die Antwort auf 1 Posting darunter sein

Rainer Gschaftler
 
00
15.6.2011, 17:16

"Ich sehe nicht, daß sämtliche Initiativen zur Verhinderung von Gewalt gegen Frauen hierzulande gescheitert sind"

ich auch nicht, ganz im gegenteil!

lesen sie mein unteres posting nochmal genau, dann werden sie es verstehen.

Rainer Gschaftler
 
015
15.6.2011, 13:39

wenn es trotz dieser optik zugewanderte und hiesige genau gleich betrifft, dann muss man alle initiativen, kampagnen, erziehungsanstrengungen und vereinsarbeit der letzten dekaden hierzulande bezüglich gewaltfreiem umgang mit frauen völlig in frage stellen.
weil das hätte dann genausoviel gebracht wie in kulturen, wo es so etwas weniger oder gar nicht gibt.

ergo- man sollte immer aufpassen, dass man mit gutgemeinten p.c. aussagen nicht eine völlige verdrehung der wirklichkeit fördert, die dem eigentlichen ziel antipodal widersprechen.

nina yankow
00
15.6.2011, 22:19

die ganzen initiativen hatten nicht nur, aber doch zu einem großen teil vor allem den effekt, dass man als betroffene sich sowas nicht mehr (so lang) gefallen lässt (längere "beziehungsproben" bevor man sich bindet und eine familie gründet, höhere bereitschaft zur trennung und evtl. niedrigere hemmschwelle bezüglich anzeigen, daraus folgt ein eingedämmter umfang bzw. eingedämmte dauer der gewaltanwendung). zum teil gilt das ja auch für migranten - die kriegen ja auch was von der hiesigen einstellung zu häuslicher gewalt mit.
aber: die einsicht, dass gewaltanwendung gesellschaftlich geächtet wird, hilft einem latent gewalttätigen halt auch nur bedingt, beziehungskonflikte gewaltfrei zu lösen. Und: es gibt noch viel zu wenig initiativen zum

t
01
15.6.2011, 15:37
"genau gleich betrifft"

steht nicht im Artikel. Nur "lässt nicht den Schluss zu" und es ist völlig einleuchtend dass Verwandtschaft im Land Wohnmöglichkeiten bietet.

Rainer Gschaftler
 
01
15.6.2011, 17:39

"lässt aber nicht den Schluss zu, dass Frauen mit Migrationshintergrund in Österreich häufiger Opfer von häuslicher Gewalt werden"

zur logik: wenn sie nicht häufiger Opfer von Gewalt werden können sie ja nur mehr 'gleich oft' oder sogar 'weniger oft' Opfer von Gewalt werden.

darum gehts aber nicht, das problem ist, dass viele personen problematiken mit kulturellen unterschieden nicht sachlich ansprechen können: die einen wie hier nivellieren kulturelle unterschiede, um ja höflich zu bleiben, andere pauschalieren und vorverurteilen.
beides verstärkt oder prolongiert die problematik.

Ein Mann
00
15.6.2011, 15:35

sehr gutes kommentar - interessant und folgerichtig argumentiert.

Wowbagger
38
15.6.2011, 12:46

Jetzt reicht's: Lieber Standard, liebe Grüne, lasst Euch eins gesagt sein: Die Realität hält sich nicht an ideologisches Wunschdenken, ein brauchbares Weltbild kommt nur zustande, wenn es sich ungefiltert an Fakten orientiert. Wenn Migrantinnen hier SO deutlich überrepräsentiert sind, dann kann ich zusätzliche Faktoren in Rechnung stellen so viel ich will, ES GEHT SICH EINFACH NICHT AUS! Von einer Qualitätszeitung erwarte ich, dass sie kritisch hinterfragt und bestmöglich die Wahrheit darstellt, egal wie die aussieht.
Vom Schaden, den linke PolitikerInnen auf diese Weise anrichten, ganz zu schweigen. Ich wette, dass mehr Wähler durch linke Realitätsverweigerung an rechte Parteien verloren, als durch rechte Politik gewonnen werden.

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