Ein Bild als greifbarer Glaube

    14. Juni 2011, 09:22
    5 Postings

    Der Dokumentarfilm "Der Schatten des Propheten" zeigt die Schönheit und Absurdität religiöser Bekenntnis im Senegal. Am 15. Juni im Top-Kino

    "Wer in den Krieg zieht, kleidet sich nicht in Weiß!" sagt einer der Künstler, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, das Bild des berühmten Mannes mit halb verdecktem Gesicht an Hauswände in Dakar zu malen. "Es handelt sich um einen Kampf ohne Waffen. Ein Friedenszeichen, ein intellektueller Kampf." Genau dafür steht Serigne Touba, der aufständische Widerstandskämpfer, der sich Anfang des 20. Jahrhunderts gegen die französischen Kolonialherren auflehnte. Aus seiner Abbildung werden aber noch andere Interpretationen abgelesen - vor allem religiöse.

    Magische Anziehungskraft

    Das Bild des verschleierten Mannes hängt als Talisman an Rückspiegeln in Taxis, es ziert Hausmauern in privaten Innenhöfen und an öffentlichen Straßen, es wird auf T-Shirts gedruckt und schmückt schön eingerahmt die Wände in Wohn- und Schlafzimmern. Serigne Touba, unter seinen Anhängern auch bekannt als Scheich Amadu Bamba, ist allgegenwärtig in Dakar und vielen anderen Orten Senegals.

    Auch die Filmemacher Philipp Mayrhofer und Christian Kobald fühlten sich nach einer Reise in den Senegal von dem geheimnisvollen Bildnis angezogen. Also machten sie sich auf Spurensuche nach diesem so oft abgebildeten Mann und schafften einen Dokumentarfilm, der sein Publikum in nur einer knappen Stunde in die Glaubensbekenntnisse der Menschen im Senegal eintauchen lässt.

    Ein einziges Foto des Marabouts

    Vor allem bei nichtarabischen Völkern in Afrika und Asien gibt es eine mit populären heidnischen Elementen vermischte Form des Islam, den so genannten Volksislam. Ein Marabout ist ein Heiliger im Volksislam, vor allem zu finden in der Tradition des Sufismus, der islamischen Mystik. Serigne Touba ist einer dieser Marabouts, er gründete den Sufi-Orden der Muriden.

    Um den moslemischen Prediger ranken sich Legenden und Mythen. Er habe übernatürliche Dinge vollbracht, sei übers Wasser gegangen und für sein Volk gestorben. Nicht nur seine Schriften und seine Idee des friedlichen Widerstandes werden geachtet. Es ist sein Bild, das in weiten Teilen Senegals geehrt und angebetet wird. Alle Porträts des Marabouts stammen aus einer einzigen Quelle - einer Fotografie, die ein französischer Kolonialbeamter im Jahr 1913 gemacht hatte. Seine Kopie oder eine Malerei dieses Bildes in der Nähe zu haben, bedeute Glück und Schutz vor dem Bösen.

    Absurdität und Schönheit

    Auf einfache und sehr klare Weise zeichnen die Filmemacher ein Porträt des mystischen Botschafters. Im Zuge ihrer Dreharbeiten befragten sie Menschen, die etwas zu Serigne Touba zu sagen haben, und besuchten Orte, die für den Prediger von Relevanz waren. Die daraus entstandenen Aufnahmen mischten sie mit Bildern der zahlreichen immer demselben Foto nachempfundenen Malereien, der psychedelischen Musik des französischen Elektronik-Künstlers Koudlam und Darstellungen von Menschen, die neben dem Bild ihrer Kultfigur posieren.

    Das geheimnisvolle Bild des Predigers erfüllt für seine Anhänger all das, was auch Menschen anderer Glaubensrichtungen in Götzenbildern und religiösen Schriften suchen und zu finden meinen. Der Film zeigt ganz deutlich das Bedürfnis der Menschen nach etwas Greifbaren in ihrem Glauben. Und er zeigt die Absurdität der kritiklosen Idealisierung hochstilisierter Ikonen, aber auch die dadurch entstandene künstlerische Schönheit, die eine gesamte Kultur beeinflusst und bereichern kann. (Jasmin Al-Kattib, 134. Juni 2011, daStandard.at)

    Mittwoch, 15. Juni 2011
    21.00 Uhr, Top-Kino

    Der Schatten des Propheten
    A 2010, 52 min
    von Philipp Mayrhofer und Christian Kobald

    Vorprogramm: The Green Bag, A 2007, 7 min, von Tim Sharp
    Im Anschluss Gespräch mit den anwesenden Filmemachern.

     

    • Das Bild des verschleierten Mannes hängt als Talisman an Rückspiegeln in Taxis, es ziert Hausmauern in privaten Innenhöfen und an öffentlichen Straßen, es wird auf T-Shirts gedruckt und schmückt schön eingerahmt die Wände in Wohn- und Schlafzimmern.
      foto: schatten des propheten

      Das Bild des verschleierten Mannes hängt als Talisman an Rückspiegeln in Taxis, es ziert Hausmauern in privaten Innenhöfen und an öffentlichen Straßen, es wird auf T-Shirts gedruckt und schmückt schön eingerahmt die Wände in Wohn- und Schlafzimmern.

    Share if you care.