Preise in China steigen ungebremst weiter

14. Juni 2011, 17:45
13 Postings

Das Land steht angesichts von Inflation, faulen Krediten und einer anhaltenden Schwäche des Konsums vor einer Wachstumsschwäche

Peking/Wien - Die chinesische Zentralbank spannt die Zügel für die Volkswirtschaft immer fester. Am Dienstag hat sie zum sechsten Mal seit Jahresbeginn die Reservehaltung der Geschäftsbanken verschärft. Diese müssen nun 21,5 Prozent ihrer Einlagen bei der Zentralbank halten. Damit soll das Kreditwachstum eingedämmt werden. Die Inflation war kurz zuvor auf 5,5 Prozent gestiegen, der höchste Stand in fast drei Jahren.

Doch die jüngste Erhöhung war "sehr untypisch", betont Michael Pettis, Finanzprofessor an der Guanghua School of Management der Peking University und intimer Kenner des chinesischen Finanzsystems im Gespräch mit dem Standard . Normalerweise werden solche Maßnahmen an Freitagen oder am Wochenende angekündigt, außerhalb der Handelszeiten. "Doch die Erhöhung mitten während des Handelstages am Dienstag war ein deutliches Signal." Die Zentralbank werde so lange die Geldpolitik straffen wie es nötig ist, um die Inflation in den Griff zu bekommen.

Die Inflation führt in Chinas politischen Zirkeln zu erhitzten Debatten. Die Zentralbank zieht daher an der monetären Bremse, die in den kommenden zwei Jahren das Wachstum laut Einschätzungen von Ökonomen vom langjährigen Schnitt von zehn Prozent Richtung sieben bringen wird. Doch die strukturellen Probleme gehen tiefer als die Inflationsdebatte vermuten lässt:

  • Kredite Um die Krise 2008 und 2009 zu bekämpfen, hat China über die eigenen Banken massiv Geld ins System gepumpt. Die breit gefasste Geldmenge M2 ist daher 2009 um 30 Prozent gestiegen. Damit sind heute knapp 76.300 Milliarden Yuan im Umlauf, umgerechnet 8,2 Billionen Euro, so viel Geld wie etwa auch in der Eurozone. Dabei ist die europäische Wirtschaftsleistung knapp 2,5-mal so groß wie die chinesische. Ein Fünftel der Kredite wurde an die Lokalregierungen vergeben. Nun drosselt die Zentralbank massiv die neue Kreditvergabe. Das Geldmengenwachstum ist zuletzt auf den niedrigsten Stand seit 2008 gefallen.
  • Bankenkrise Doch die Kredite von 2009 sind jetzt in Bankbilanzen. Und diese kommen angesichts der steigenden Zinsen zusehends in Bedrängnis. Denn steigen die Zinsen, müssen die Banken ihre Kredite teurer refinanzieren, als sie an Zinsen bekommen. Die Ratingagentur Fitch hat vor kurzem gewarnt, dass es mit einer Wahrscheinlichkeit von 60 Prozent zu einer Bankenkrise kommen kann. "Doch Bankenkrisen in China sehen anders als im Westen aus, betonen die Analysten der Agentur: Keine Pleiten und Umstrukturierungen, sondern graduelle Entschuldungsprozesse. Experten rechnen damit, dass die Entschuldung ähnlich wie 2005 abläuft, als knapp ein Fünftel der Kredite notleidend waren. Mit Niedrigzinsen wurden die Bilanzen der Geldhäuser saniert. "Das ist eine klassische Umverteilung von den Konsumenten und den Sparern zu den Schuldnern und Banken", erklärt Pettis.
  • Wachstumsmodell Damit wird aber der wichtige selbstverordnete Schwenk der Wirtschaftspolitik im aktuellen Fünfjahresplan schwieriger: Weg von den Investitionen hin zu Konsum. Mit einer Investitionsquote von 48 Prozent des BIPs zählt China zu den globalen Spitzenreitern, ein Gros des Wachstums kam in den letzten Jahren aus diesem Bereich. Doch das ist nicht nachhaltig, wenn nicht die Nachfrage von Konsumenten stark steigt. Laut Analysten von Lombardstreetresearch könnte das Wachstum aber wegen der Investitionsabkühlung in den kommenden Quartalen auf fünf Prozent fallen. "China steht ab 2013 vor einer Dekade von unterdurchschnittlichem Wachstum von drei bis vier Prozent pro Jahr," geht Pettis noch weiter.

Doch die langfristigen Herausforderungen für das immer wichtigere China werden noch aufgeschoben. Erst 2012 wird eine neue Führung das Ruder der chinesischen Wirtschaft übernehmen. Bis dahin dürften die Anzeichen für eine monetäre und reale Abkühlung zunehmen. (Lukas Sustala, DER STANDARD, Printausgabe, 15.6.2011)

  • Artikelbild
    grafik: der standard
Share if you care.