Georgien baut sich die Glas-Demokratie

13. Juni 2011, 20:50
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Die "Rosenrevolutionäre" aus dem Kaukasus haben Tipps und Tricks für die Araber

Bei der "Europäischen Woche in Tiflis" haben die Georgier ihr politisches Versuchslabor für Gäste aus Tunis und Kairo aufgesperrt.

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Tiflis/Istanbul - Manchmal, wenn es Nacht wird in Tiflis, eine richtige kaukasische Nacht, wo das Weltall tief und schwarz über den Bergen hängt, geht Michail Saakaschwili wahrscheinlich in sein Glas-Ei im Präsidentenpalast und schaut auf seine Stadt. Dann ist ihm mulmig, er muss nachsehen, ob noch alles am Platz ist, die neue Sameba-Kathedrale mit dem Golddach, die neue Glasbrücke über den Kura-Fluss von dem italienischen Architekten, der blaue Hotelturm von Radisson, auch neu. Keine russischen Panzer. Das ist das Schicksal der Revolutionäre.

Jetzt ist es aber noch hell unter der Glaskuppel, noch so ein Konstrukt von Michele de Lucchi. An den Tischen wird serviert, zwischen zwei Gängen wirft Mischa die Serviette hin und marschiert zum Rednerpult. "74 Prozent der Leute hier unterstützen mich" , sagt der georgische Präsident, "und ich habe 16 Prozent, die mich hassen. Polizisten zum Beispiel, die wir gefeuert haben. Sie leben in der Innenstadt von Tiflis, sie werden es nie vergessen. Darum sind Reformen in größeren Ländern einfacher. Mach einfach weiter und weiter. Du triffst diese Typen nicht mehr wieder."

Ratschläge vom Präsidenten

Michail Saakaschwili, Anführer der prowestlichen Rosenrevolution von 2003, gibt jungen Aktivisten aus der arabischen Welt unter den Zuhörern Ratschläge - Bloggern, Journalisten, Bürgerrechtlern. Syrien ist größer als Georgien, Tunesien auch noch, Ägypten und der Iran sowieso. Saakaschwili wirkt immer noch jungenhaft trotz seiner mittlerweile 43 Jahre. Er schnieft und hat kein Taschentuch zur Hand. Er hat keine Zeit für so etwas, er muss reden, immer muss er reden wie ein Wasserfall und den Leuten erklären, was für ein Wunder es ist, dass er noch da ist und dass es sein Land noch gibt und wie schnell es sich modernisiert, obwohl doch der kriegslüsterne große Nachbar Russland ständig auf der Lauer liegt. Saakaschwilis Ratschlag an die jungen Revolutionäre aus Nahost und Nordafrika: "Schiebt niemals etwas auf, macht nie Kompromisse, lauft nicht der Popularität nach."

Überlebenskünstler

Georgien, die kleine Kaukasusrepublik am Schwarzen Meer, ein Versuchslabor für demokratische Revolutionen? Vielleicht. Ein Beispiel für politische Überlebenskunst sicherlich. Saakaschwili hat Straßenproteste niederschlagen lassen und vorgezogene Neuwahlen gewonnen, die Invasion der russischen Armee und den Verlust zweier Provinzen überstanden, ohne politische Mitverantwortung übernehmen zu müssen. Jetzt stricken die Rosenrevolutionäre ihre Legitimation weiter. Sie sehen sich als Teil einer Kette, die im Jahr 2000 in Belgrad gegen Slobodan Milošević begann, sich in Tiflis, Kiew und Bischkek mit unterschiedlichem Erfolg fortsetzte und auf dem Tahrir-Platz in Kairo unverhofft ein neues Leben gefunden hat.

Die diesjährige "Europäische Woche in Tiflis" , ein Gesprächsreigen von Historikern, Soziologen, Philosophen und einigen Politikern, hat diesen Wunsch der georgischen Führung nach neuer Begründung unterstrichen. Vor allem der Auftritt der Aktivisten aus dem Iran und den arabischen Ländern und das Interesse der jungen Georgier haben dabei gezeigt, wie weit sich die Kaukasusrepublik mittlerweile von ihren Nachbarn, dem autoritär regierten Aserbaidschan und dem isoliert gehaltenen Armenien, fortentwickelt hat.

Der Morgen nach dem Umsturz war ein Problem, das sich für Georgier, Ägypter und Tunesier zunächst gleichermaßen stellte. "Die Revolution ist mit dem Sturz noch nicht vorbei" , erklärte Nora Yunis, eine ägyptische Bloggerin und Zeitungsredakteurin, bei einer der Diskussionsrunden in Tiflis, "die Mittelmänner des alten Regimes sind immer noch da." Enttäuscht äußerte sich der Tunesier Bassem Bouguerra über den Umsturz in seinem Land. Praktisch nichts sei auf sozialem Gebiet passiert; noch fünf Monate nach der Revolution sei er zudem von einer Polizeistreife verprügelt worden, nur weil er eine Videokamera in der Hand gehalten habe.

Kult der jungen Minister

In Wahrheit war es für die Georgier einfacher: Saakaschwili und ein Teil seiner damaligen Mitstreiter hatten bereits Regierungserfahrung aus früheren Kabinetten. Der Kult der jungen Minister, den sie nach 2003 eingeführt hatten, konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die wahren Entscheidungen von einem kleinen Kreis getroffen werden - Präsident, Innen- und Justizminister, Chef des Sicherheitsrats.

Massive Ausgaben für Stadterneuerungen und futuristische Bauten in Tiflis und in der Hafenstadt Batumi, die Wiedereröffnung von Museen, der Bau von Polizeikommissariaten komplett aus Glas als Zeichen der Transparenz sollen den Georgiern den Umbruch zur westlichen Demokratie vermitteln. Äußerlich. Innen schaut es schwieriger aus. In den Köpfen vieler, die im Sozialismus aufgewachsen sind, spukt das "totalitäre Objekt" , wie der tschechische Psychologe Michael Šebek erklärte. Eine Fixierung, die dazu führe, dass Menschen nur mit Mühe fähig zum Dialog mit Andersdenkenden sind, Schwierigkeiten haben, Verantwortung zu übernehmen, in posttotalitären Gesellschaften plötzlich anfangen, jede Autorität anzuzweifeln.

Das ist wiederum ein Problem für den Präsidenten im Glas-Ei. Dass die Revolution keine funktionierende Opposition im Parlament hervorgebracht hat, ist Georgiens größter Makel geworden. (Markus Bernath/DER STANDARD, Printausgabe, 14.6.2011)

  • Mit Futurismus in die Demokratie: Die "Brücke des Friedens" , eine Glaskonstruktion über den Kura-Fluss in Tiflis, gehört zu den vielen architektonischen Neuerungen in Georgien, mit denen die Rosenrevolutionäre versuchen, in der Bevölkerung Bewusstsein für die neue Zeit zu schaffen.
    foto: standard/bernath

    Mit Futurismus in die Demokratie: Die "Brücke des Friedens" , eine Glaskonstruktion über den Kura-Fluss in Tiflis, gehört zu den vielen architektonischen Neuerungen in Georgien, mit denen die Rosenrevolutionäre versuchen, in der Bevölkerung Bewusstsein für die neue Zeit zu schaffen.

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