Schatzsuche in der Lagune von Venedig

13. Juni 2011, 19:40

Nur etwa 30 Länder verfügen über einen eigenen Pavillon, alle anderen müssen sich in altem Gemäuer einmieten - Dies lädt zu Entdeckungsreisen ein

Auch wenn der Wettkampf der Nationen um den Goldenen Löwen mitunter als überkommen kritisiert wird: Die Kunstbiennale von Venedig übt eine magische Faszination aus. Heuer, bei der 54. Ausgabe, nehmen 89 Nationen teil, was eine neue Rekordzahl bedeutet. Erstmals präsentiert sich zum Beispiel auch Andorra.

Doch nur ein Drittel der Länder verfügt über einen eigenen Pavillon. Denn der Platz in den Giardini im östlichen Teil der Stadt ist beschränkt: Schon seit Jahrzehnten dürfen keine neuen Foren errichtet werden. Die Länder sind daher gezwungen, sich anderswo temporär einzumieten - in aufgelassenen Kirchen und alten Palazzi. Hinzu kommt, dass immer mehr Rahmenveranstaltungen angeboten werden. Heuer sind es deren offizielle 37. Was zu Folge hat, dass ganz Venedig für die Zeit der Biennale als Schauplatz dient.

Mitunter hat man ja in den Giardini das Gefühl, sich in ein Disneyland verirrt zu haben: Vor den größten Attraktionen, etwa vor dem Pavillon von England, muss man lange in der Schlange stehen. Wie wohltuend ist es hingegen, durch Venedig zu bummeln - und hinter jeder dritten, vierten Ecke auf einen Beitrag zu stoßen.

Für diese gemächliche Schatzsuche, die auch durch Viertel führt, die man als Tourist nie erkundet hätte, braucht es eine gute Karte. Denn nur ein paar Nationen haben, um Hänsel und Gretl anzulocken, Brotkrümel ausgestreut (in Form von Pickerln am Asphalt). Der von der Biennale verteilte Plan hat sich wiederholt als untauglich erwiesen; er dient nur zur groben Orientierung. Exzellent hingegen ist die von Artupdate.com gratis verteilte Karte: Eingezeichnet sind die Namen der wichtigsten Gassen und die exakte Lage der "externen Pavillons" wie auch der weiteren Events.

Leider passierte heuer ein Missgeschick: Das Videoprogramm der Schweiz ist nicht, wie eingezeichnet, in der "C. Posta" zu sehen. Das Herumirren wird zudem nicht belohnt: Die Videos sind ziemlich akademisch. Auch den Besuch von Mazedonien hätte man sich, denkt man, sparen können: An den Wänden des Palazzo hängen Ölbilder von Tigern und ähnlicher Kitsch. Man will gleich wieder kehrtmachen - und erst dann bemerkt man, Mazedonien unrecht getan zu haben: Man war wirklich in eine Galerie-Otto-Schau geraten; die durchaus beeindruckenden Kolosse von Zarko Baseski befinden sich einen Stock höher ...

Wer hier, in Cannaregio, herumstreift, sollte die beeindruckende Nuova Scuola Grande di Santa Maria della Misericordia besuchen: Jan Fabre installierte in Koproduktion mit dem KHM zwischen den Säulen auf einem güldenen Podest, das unentwegt von Aufsehern auf Hochglanz poliert wird, seine Version der Pietà.

Auch eine zweite Rahmenveranstaltung sei empfohlen: Im Palazzo Papadopoli am Canal Grande präsentiert das Pinchuk Art Centre die Ergebnisse des zum ersten Mal ausgelobten Future Generation Art Prize, der mit respektablen 100.000 Dollar dotiert ist. Ein echter Eyecatcher gelang Hector Zamora: Er baute in den überreich verzierten Spiegelsaal einen Schiffsrumpf. Und im Garten übt Katerina Sedá auf spielerische Art beinharte Kapitalismuskritik.

Der junge Österreicher Clemens Hollerer, der das Stiegenhaus in eine riesige Holzskulptur verwandelte, hatte leider das Nachsehen: Cinthia Marcelle entschied den Wettbewerb mit einem amüsanten Videotriptychon für sich: Links dreht ein Bagger unentwegt Achter, rechts fährt ein Feuerwehrauto im Kreis, in der Mitte formieren sich an einer unbefahrenen Kreuzung Blasmusikgruppen. Klasse!

Auf Videos stößt man häufig: Marina Abramoviæ (Montenegro) stellt das geplante Kulturzentrum Macco vor; Melanie Smith (Mexiko) lässt Menschen mit färbigen Tafeln in den Händen riesige Bilder formen, bis im Fußballstadion das Chaos überhandnimmt. Und Singapur zeigt den berührenden Film The Cloud of Unknowing: Ho Tzu Nyen gelingen zu einem atemberaubenden Soundtrack beklemmende Szenen über einsame Menschen. Zum Schluss geht die Leinwand in einer Wolke auf.

Natürlich kommt man auch an unerheblichen Beiträgen (u. a. von Bulgarien, Zypern und San Marino) vorbei. Aber der Frog King aus Hongkong macht mit seinem irrwitzigen Imperium gute Laune, die Ukraine präsentiert Details aus Jan van Eycks Genter Altar als riesige Mosaike aus 3,64 Millionen Ostereiern. Und im Luxemburger Pavillon zitieren Martine Feipel & Jean Bechameil mit ihrem absurden Spiegelkabinett u. a. Salvator Dalí oder M. C. Escher. Da freut sich das Kind im Manne. (Thomas Trenkler aus Venedig, DER STANDARD/Printausgabe 14. Juni 2011)

Bis 27. November

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1 Posting
deja vu

und heuer ganz besonders.....
alte kunstzeitschriften mitnehmen ..und durchblättern,...bei gutem essen und espresso irgendwo in einer ruhigen ecke .....
die biennale selbst kann man getrost abhaken,..soviel seichten aufguss gabs noch nie zuvor,..

und die presse scheint entweder wenig informiert (vergesslich) zu sein, oder hypt eben gemeinsam mit den dealern manche künstler,...
anders sind die meisten kommentare kaum zu verstehen,..

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