Die Türkei und Europa brauchen einander

Kommentar der anderen | 13. Juni 2011, 19:06

Die Probleme der Türkei sind unsere Probleme - von Javier Solana

Die Wiederwahl von Ministerpräsident Erdogan sollte für einen "Neustart" der Verhandlungen über einen EU-Beitritt der Türkei genutzt werden, fordert der ehemalige außenpolitische Sprecher der Union.

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Vor gerade einmal fünf Monaten war Osama Bin Laden noch am Leben, Hosni Mubarak hielt in Ägypten die Zügel fest in der Hand und Zine el-Abidine Ben Ali regierte Tunesien mit eiserner Faust. Mittlerweile haben sich in der ganzen Region Volksaufstände und politischer Wandel ausgebreitet. Wir sind Zeugen der brutalen Niederschlagung von Protesten in Syrien und im Jemen geworden, des Einmarsches saudischer Truppen in Bahrain und der anhaltenden Schlacht um Libyen.

Aufgrund dieses Arabischen Frühlings sollte Europa seine Aufmerksamkeit wieder einem Thema zuwenden, das in den letzten Monaten größtenteils ignoriert wurde: die Vorteile einer Vollmitgliedschaft der Türkei in der EU. Angesichts der sich unter den gegenwärtigen Umständen bietenden enormen Chancen, sollten die Vorteile eines türkischen Beitritts für Europa auf der Hand liegen.

Nun, da Recep Tayyip Erdogan als türkischer Premierminister wiedergewählt wurde und mit Polen Ende dieses Monats ein Land die EU-Präsidentschaft übernimmt, das die strategische Bedeutung Europas sehr genau kennt, ist für die EU und die Türkei die Zeit für einen "Neustart" der Verhandlungen über einen türkischen Beitritt zur Europäischen Union gekommen.

Die Vorteile eines türkischen Beitritts waren für Europa schon vor dem Arabischen Frühling sichtbar. Europa ist definitionsgemäß kulturell vielfältig. Daher ist diese Vielfalt Europas Bestimmung. Und wenn Europa ein aktiver globaler Akteur und kein Museum werden soll, bedarf es neuer Perspektiven und der Energie der Menschen in der Türkei.

Europa ist heute größer und anders als im Jahr 1999, als man die Türkei zur Eröffnung der Beitrittsverhandlungen einlud. Außerdem befindet sich Europa in einer tiefen Wirtschaftskrise, die ungefähr zu der Zeit ausbrach, als der Vertrag von Lissabon - der darauf abzielte, der EU-Erweiterung Rechnung zu tragen - letztendlich verabschiedet wurde.

Hätte man diese Verabschiedung wie geplant bereits 2005 über die Bühne gebracht, wäre er bereits seit sechs Jahren in Kraft und die durch die Krise verursachten Belastungen für die wirtschaftliche Gebarung der Europäischen Union - sichtbar an den jüngsten Problemen der Eurozone - wären leichter zu bewältigen gewesen.

Aber die EU steht immer vor Problemen, löst sie und entwickelt sich weiter. Wir haben heute zwar kein Finanzministerium, stehen aber vor der Einführung von etwas Ähnlichem. Ebenso verfügt die Europäische Zentralbank heute über Befugnisse, die man sich etwa im Jahr 1997 nicht einmal vorstellen konnte.

Auch die Türkei hat sich seit 1999 sowohl politisch als auch wirtschaftlich dramatisch verändert, und das hat viel mit dem EU-Beitrittsprozess zu tun. Tatsächlich wären diese Veränderungen ohne die Anziehungskraft der EU - ihrer "Soft Power" - nicht eingetreten.

Im ökonomischen Bereich ist die Türkei ein Land der G-20 und spielt darin sehr wirkungsvoll ihre Rolle. Politisch hat sich die Türkei zu einer regionalen Führungsmacht entwickelt - eine Rolle, die das Land sehr ernst nimmt.

Nach der eben abgeschlossenen Parlamentswahl und vor der Verabschiedung einer neuen Verfassung nähert sich die Türkei einem epochalen Augenblick. Ich war Mitglied der spanischen Verfassungskommission, die nach dem Tod Francos in den Jahren 1975 und 1976 die Verfassung konzipierte. Daher weiß ich, was es bedeutet, sich von einer Diktatur in Richtung Demokratie zu bewegen - und wie wichtig es ist, eine Verfassung in Einigkeit zu erarbeiten.

Die Beziehungen zwischen der EU und der Türkei begannen im Jahr 1963 mit einem Assoziationsabkommen. Nun haben die Beitrittsverhandlungen begonnen und 35 "Kapitel" - von Landwirtschaft über Energie bis hin zu Wettbewerb, Umwelt, Beschäftigung, Sozialpolitik und vieles mehr - müssen geöffnet werden. 19 Kapitel wurden bereits geöffnet - das sind allerdings weniger, als wir gerne sehen würden. Aber das wahre Problem besteht darin, dass wir erst ein Kapitel abgeschlossen haben und, noch schlimmer, dass sich die Verhandlungen verlangsamt haben. Tatsächlich ist im zweiten Halbjahr 2010 überhaupt nichts passiert. Ich hoffe, dass der bedeutende Fortschritt heuer eintritt.

Die Türkei und die EU brauchen einander. Auf die EU entfallen 75 Prozent der Auslandsinvestitionen in der Türkei. Etwa die Hälfte der türkischen Exporte geht in Länder der EU, und auch die Hälfte der Touristen in der Türkei kommen aus der EU. Ebenso hängt Europas Energiesicherheit von der Kooperation mit der Türkei im Bereich des Transports von Öl und Erdgas aus Zentralasien und dem Mittleren Osten ab.

"Kämpfe für meinen Traum"

Aber auch politisch brauchen wir einander. Die Nachbarn der Türkei sind unsere Nachbarn, und die Probleme der Türkei sind unsere Probleme. Die sicherheitsrelevanten und strategischen Vorteile für die Europäische Union mit der Türkei als Mitglied wären vielfältig, angefangen bei den Beziehungen zwischen der EU und der Nato, der die Türkei schon lange angehört.

Auch die Verstrickung der EU in die heutigen Probleme in der Mittelmeerregion wäre im Einklang mit der Türkei leichter zu bewältigen. In Bosnien und Herzegowina ist die Zusammenarbeit zwischen der EU und der Türkei von grundlegender Bedeutung, um eine dauerhafte Lösung zu erreichen.

Im Jahr 1999 wollte die Türkei kein Beitrittskandidat werden, weil die politische Führung dachte, dass die Bedingungen dafür zu strikt wären. Ich begab mich dorthin; um Mitternacht sprach ich mit Premierminister Bülent Ecevit und anschließend mit Präsident Süleyman Demirel.

Zwei Tage später war Ecevit in Helsinki, um formell den türkischen Wunsch zu erklären, EU-Mitglied werden zu wollen. Und wir sagten: Die Türkei wird EU-Mitglied werden. Ich unterstützte die Unterzeichnung dieses Dokuments, und ich würde es heute wieder tun.

In diesen schwierigen, unberechenbaren, aber trotzdem hoffnungsvollen Zeiten braucht die Welt die Zusammenarbeit zwischen der Türkei und der EU. Das bedeutet nicht, sich hin und wieder zu treffen, um zu entscheiden, wie man mit einem gewissen Problem umgehen soll. Es bedeutet die Aufnahme der Türkei in die Europäische Union.

Das ist mein Traum und ich werde weiterkämpfen, um ihn Realität werden zu lassen. (Javier Solana, Kommentar der anderen, DER STANDARD, Printausgabe, 14.6.2011)

Javier Solana, Jg. 1942, war 1999 bis 2009 Hoher Vertreter für die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik (GASP) der Europäischen Union, davor Nato-Generalsekretär. Heute leitet er die Abteilung für außenpolitische Forschung an der Brookings Institution und ist Präsident des ESADE-Zentrums für Weltwirtschaft und Geopolitik.

© Project Syndicate, 2011; aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier; Foto: EPA

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tapsel
 
01
13.7.2011, 22:51
Die Türkei kommt sicher nicht in die EU

Die Bürger aller EU-Staaten, in denen es eine nennenswerte Anzahl von Türken gibt, würden ihre Regierungen zum Teufel jagen.

Da würden sogar wir Österreicher auf die Strasse gehen...

Alexander Patjomkin
03
15.6.2011, 21:53
Die EU-Bossen wollen ja immer grössere EU..

Dadurch wird das Budget grüsser, die Bosse werden grössere Bossen und die Pfründe für sie werden auch grösser.. Die Erweiterung ist keine politische Frage,
sonder eine Frage der "Selbsverwirklichung" der Apparatschiks.

Christian S
01
16.6.2011, 16:08
Ja, genau so ist es

Man sieht es auch am Javier Solana. Für den ist das ein Traum, eine persönliches Ziel, das ihn glücklich macht. Sinnstiftung.

Oder seinerzeit der ehrgeizige Alois Mock. Der wollte unbedingt Österreich in die EU bringen und zwar: PERSÖNLICH. Das war der springende Punkt.

Der EU-Beitritt alleine war zuwenig. ER musste Österreich in die EU bringen. Damit ER in die Geschichtsbücher kommt und das schöne Gefül hat, etwas ganz, ganz Wichtiges vollbracht zu haben.
Darum hat er sogar als schwerkranker Mann noch die Verhandlungen selber führen müssen. Es soll bloß kein anderer die Lorbeeren ernten.

Ego streicheln, sich wichtig fühlen können und "Selbstverwirklichung" der Bonzen: Dafür wird die EU ständig erweitert.

Alexander Patjomkin
21
15.6.2011, 21:49
"Die Probleme der Türkei sind unsere Probleme "

Das wird leider wahr sein und daran stirbt die EU

Interrupt
10
13.7.2011, 11:29
dummheit kann auch schön sein

einfach gestrickt sein kann das leben manchmal sehr vereinfachen.

die probleme der türkei, welche jetzt auch immer damit gemeint sind, sind schon seit langem probleme der EU und umgekehrt.
die welt ist zu einem dorf geworden. es ist heute kein problem mehr in der afghanischen pampa zu sitzen und einen anschlag in europa oder sonst wo zu planen. NJ, london und madrid haben das schmerzvoll erfahren müssen. jeder der sich dieser wahrheit versucht zu entziehen sollte sein haus möglichst nicht verlassen, das leben überfordert ihn ganz offensichtlich.

noirc80
02
15.6.2011, 22:16

ja? welche probleme sind das?

Jan Michael Basire
21
15.6.2011, 08:09

Österreich und andere Staaten können mit der EU auch andere Verträge schließen. Wir brauchen den EU Zentralstaat nicht, wir brauchen keinen Großstaat. Was wir brauchen ist eine Politik des Friedens und des gemeinen Wohls für alle Bürger und keine EU, die nur für einige Nutzen bringt.

www.eu-austritts-volksbegehren.at

notanickname
05
14.6.2011, 18:27

hab nach dem "Aber die EU steht immer vor Problemen, löst sie...." zum lesen aufgehört.

Also seit 30 Jahren löst keine Partei mehr (egal auf EU oder nationaler Ebene) irgendwelche Probleme, sie schiebt sie einfach vor sich her, verirrt sich in unglaublicher Bürokratie und häuft Schulden an, die für 3 Paralleluniversen schon zuviel wären....

Christian S
03
14.6.2011, 18:25
Mich interessiert nicht, welche Länder

als Mitglieder benötigt werden.

Mich interessiert nur noch, ob es auf diesem Planeten irgendein Land gibt, das die EU NICHT irgendwann einmal aufnehmen möchte.

Mir kommt so vor, als würde man ständig erweitern, erweitern, erweitern.... einfach weil es den EU-Politikern das schöne, erhebende Gefühl gibt, immer größer, stärker und bedeutungsvoller zu werden. Nahrung für das Ego unserer Poliker-Eliten.

Ich glaube nicht, dass dort irgendjemand ernsthaft nach dem wirtschaftlichen Sinn des Ganzen fragt. Oder danach fragt, ob das überhaupt funktionieren kann.

Sicher ist nur: Die Meinung der Bevölkerung wird wie immer keine Rolle spielen. Denn wir sind eh nur dafür da, als Stimmvieh allem zuzustimmen, was in Brüssel augeheckt wird.

Interrupt
00
13.7.2011, 11:37
das projekt "EU" hat viele dimensionen

was ist die EU nun wirklich? ein wirtschaftsprojekt? ein kulturprojekt? ein friedensprojekt? waren die grenzen überhaupt von anfang an definiert?

philosophisch betrachtet hat die EU keine grenzen und umfasst alle möglichen dimensionen. für sci-fi freunde könnte man die EU als vorgänger der "erdregierung" erklären. die EU soll frieden stiften, wirtschaftlichen erfolg und somit wohlstand fördern, nationen und kulturen vereinen.

praktisch gesehen werden diese noblen ziele durch kleinkariertes denken in allen möglichen formen lächerlich gemacht. das projekt wird wahrscheinlich scheitern und wir werden wieder einen vernichtungskrieg in europa erleben, um dann wieder von vorne anzufangen.

DerAndere34
02
14.6.2011, 17:52
für die wirtschaftlichen belange braucht es keinen

eu beitritt - das geht auch ohne.
bleibt die wertegemeinschaft. und da schauts schlecht bis ganz schlecht aus. zunehmende islamisierung zu einem schon seit beginn an islamisch konservativem system.

nomad13
07
14.6.2011, 17:37
Wieso erklärt er nicht die dahinterliegende Geopolitik?

und macht so einen Afffenaufsatz! Schöne Streitmacht und gute Lage. Neoimperale ähh neoliberale Politik. Also -Ja - Türkei - macht es den Europäern nach und sozialisiert die Privatverluste der Banken. Und sollte die Währung zu hart sein -keine Sorge- das Volk ist weich. LOL

Weiters hat ein Natogeneralsekretär nix zu melden - das ist nur die europäische! Aufziehpuppe in der Öffentlichkeit. Quasi der Fussabtreter vom amerikanischen Chef. Und GASP - auch noch den illegalen Lissabonvertrag loben? Ich lach mich schief

Armenhaus EU - Konstantinopel lässt grüssen

gigngogn
 
09
14.6.2011, 17:13
Ja, die EU braucht die Türkei........so nötig wie einen Kropf!

Was soll ein EU Beitritt der Türkei der EU bringen? NIchts! Zumindest nichts positives.

Alle Vorteile, wie freien Marktzugang und freien Warenverkehr haben wir durch Verträge ja jetzt schon, ähnlich wie in der Schweiz, also wo liegen die Vorteile für die EU?

Tuncay
20
19.6.2011, 12:06

Wo liegen die Vorteile von Bulgarien und Rumänien?

Plinius
18
14.6.2011, 16:56
die unentwegten Versuche...

...die Türkei den Europäern schmackhaft zu machen sind einfältig und unnötig! Da die T. kein europäischer Staat ist, geht auch die Methode "steter Tropfen höhlt den Stein" daneben. So einfach ist das.
Die Geografie ist der Verbündete gegen solche Hirngespinste...

akrep_kral
73
14.6.2011, 18:31

Die Türkei ist ein europäischer Staat ! Ob das hier einigen passt oder nicht.

Plinius
00
15.6.2011, 12:47
bist wohl...

...auch einfältig!

noirc80
00
14.6.2011, 19:29
und?

rußland, weißrußland, ukraine sind auch europäische staaten.

mir wurscht, was die sind.

A.Monk
04
14.6.2011, 18:39
Nein, ein Asiatischer Staat !!!

97 % liegen in Asien!!
ob das ihnen passt oder nicht !

Semerkant
 
00
30.6.2011, 19:30
Wo liegt Zypern?

A.Monk
25
14.6.2011, 16:35
Ja, sicher und Europa braucht auch:

Russland, Ukraine,Syrien, Libanon, Ägypten, Tunesien, Marokko, Algerien etc..
aber, die Türkei hat nichts in der EU verloren!

viet
114
14.6.2011, 16:34
Bravo - und schade, das Javier Solana oder ähnliche fähige

Staatsmänner nicht öfter in der politischen Elite vertreten sind. Vorausdenkend, klar und ehrlich. Respekt.

noirc80
17
14.6.2011, 17:29

eher dumm. mit solchen statements erreicht er nämlich genau das gegenteil, die menschen wollen die türkei im moment nicht in der eu und je mehr man auf billige art und weise versucht, sie den menschen schmackhaft zu machen, desto größer wird der widerstand. oder wie viele leute würden jetzt grad fpö wählen?

darkblue2
26
14.6.2011, 16:15

von der überschrift fehlgeleitet hab ich mir die zeit genommen diesen artikel zu lesen.
das war aber zeitverschwendung. dieser artikel ist eine anhäufung von leeren worthülsen, geschätzigkeiten, nichtigkeiten, vermutungen und allgemein gültigen aussagen. griffige argumente für einen eu-beitriff der türkei werden nicht vorgebracht. genau deshalb haben die menschen von solchen eu-politikern auch die nase gestrichen voll. und genau solche eu-politiker verstehen auch die eu-bürger mit ihren anliegen nicht mehr. politiker wie solana leben anscheinend in einer nur diesen zugänglichen welt. anderst kann solch ein artikel sonst wohl nicht zustande kommen. und wundern sich, wenn die menschen die türkei nicht in der eu haben wollen.

viet
00
14.6.2011, 18:01
Mit Rücksichtl und Vorsichtl haben die beiden Großparteien in Ö

keine einzige FPÖ-Stimme abgewehrt.

Wie ich sagte - vorausdenkend, klar und ehrlich. Das ist - verdammt noch einmal, doch zumutbar.

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