Markus Bernath

Erdogans Zwang zum Kompromiss

13. Juni 2011, 18:02

Die türkischen Wähler haben Spielregeln für die Verfassungsänderung gesetzt

Eine alles überrollende Zweidrittelmehrheit wollte er haben, eine Mehrheit für langwierige parlamentarische Verhandlungen hat Tayyip Erdogan, der türkische Regierungschef, bekommen. Mit ihrer Entscheidung haben die türkischen Wähler ein großes Maß an Weisheit gezeigt: Die konservativ-muslimische Regierungspartei AKP, die sie schätzen, haben die Türken gestärkt, ihren Einfluss im Parlament aber beschnitten. An den Wahlurnen hat die Türkei demokratische Reife bewiesen, die Bürokratie, Justiz und Politiker im Land mitunter vermissen lassen.

Erdogan kann weiter leicht mit absoluter Mehrheit regieren. Andere Parteien in Europa, die lange an der Macht sind, pflegen sich abzunutzen und Stimmen zu verlieren. Die AKP hat noch zugelegt. Für die EU, für die arabische Welt ist Erdogan als ernst zu nehmender Führer bestätigt worden. Ausländische Investoren werden die Stabilität, die eine dritte Regierungszeit der AKP bietet, schätzen. Für die von ihm angestrebte Verfassungsänderung muss Erdogan aber den Konsens mit anderen Parteien suchen. Ist ihm das zuzutrauen?

Das widersprüchliche Wahlergebnis kam zustande, weil sich ein anderer Teil der türkischen Gesellschaft nicht beirren ließ. Vielen ist der autoritäre Zug des Premiers nicht geheuer. Eine Erpressungskampagne gegen die Partei der Rechtsnationalisten hat nicht funktioniert. Sexvideos und Rücktritte führender Funktionäre der MHP sollten den Wiedereinzug der Partei ins Parlament verhindern. Wäre die MHP an der Zehn-Prozent-Hürde gescheitert, hätte Erdogans Partei wohl die Zweidrittelmehrheit erreicht. Die Wähler haben das durchblickt.

Nicht wenige Kurden im Südosten des Landes, die einmal AKPgewählt haben, waren enttäuscht. Sie unterstützten nun die unabhängigen Kandidaten des Kurdenbündnisses. Auch deren Sieg ist eine gute Nachricht dieser Wahlen. Mehr Sitze für die Kurden im Parlament bedeutet weniger Einfluss für die Untergrundarmee PKK in den Bergen.

Innenpolitisch wird es in den kommenden Monaten in der Türkei trotz klarer Verhältnisse im neuen Parlament kompliziert werden: Die Abschaffung der Putschisten-Verfassung von 1980, die endgültige Befreiung von der Oberaufsicht durch die Armee, ist das große Thema; auch die Neufassung des Begriffs vom Staatsbürger. Der Satz von Staatsgründer Kemal Atatürk, "Glücklich, wer sich Türke nennt" , soll nicht mehr gelten. Auch Kurden, Roma, Lazen, Armenier, Griechen, Assyrer sollen in der Türkei glücklich sein. Für all das gibt es eine Mehrheit jenseits der AKP bei den Säkularen der CHP und den Kurden - nicht aber für den zweiten Teil der Verfassungsdebatte.

Tayyip Erdogan strebt ein neues System an, ein starkes Präsidentenamt nach französischen Vorbild - und mit ihm als nächstem Staatschef. Das ist selbst einigen Führern in der AKP zu bunt, angefangen beim amtierenden Präsidenten Abdullah Gül.

Erdogan mag versucht sein, die Entscheidung über eine solche Verfassung aus dem Parlament hinaus auf die Straße zu tragen. Die nötigen Stimmen für die Organisation eines Referendums könnte er vielleicht finden. Angekündigt hat er in der Wahlnacht gleichwohl anderes. Das sollte man ihm glauben. Ebenso wenig wie die Türkei in neun Jahren AKP-Regierung ein Gottesstaat wurde, droht nun gleich die Ein-Mann-Diktatur. (Markus Bernath/DER STANDARD, Printausgabe, 14.6.2011)

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13 Postings
Reynold
00
26.6.2011, 17:56
Erdogan ist genau so viel konservativ wie Europa!

salman
 
00
15.6.2011, 23:04
Jeweils

Gülens Ideologie IST nationalistisch und fordert implizit einen türkischen Herrschaftsanspruch über die islamische Welt. Ebenfalls Mili Görüs und türkische Sufibruderschaften

Die Araber haben weniger diesen Herrschaftsanspruch, beanspruchen aber eine Hegemonie der islamischen Lehre.

Ich würde mir wünschen, dass Malaysia und Indonesien sich aktiver einbringen.

Räudiger Straßenköter
01
15.6.2011, 01:22

Die Verhaftungswelle von unliebsamen Journalisten und die freundschaftlichen Beziehungen der AKP zur Hamas zu ignorieren ist ein schwerer Fehler. Das Wahlergebnis zeigt bloß, dass die Türken von den wirtschaftlichen Erfolgen der letzten Jahre geblendet sind.

Hejaro Kardox
00
16.6.2011, 10:09

Diese Verhaftungswelle fand wieder nach den Wahlen in den Kurdengebieten statt. Also, wie jedes Mal. In Batman allein wurden viele BDP Mitglieder von der AKP Polizei festegnommen und andere politisch Aktiven Kurden.

So wie man es sieht, gibt es keine Veränderung in diesem Land. Die Operationen gehen doch weiter und die Menschen werden festgenommen, weil sie gewählt worden sind.

Eine andere Meinung wird in der Türkei weiterhin noch nicht akzeptiert. Wenn auch jemand seine Meinung sagt, kann es so gegen ihn gewendet oder bestraft werden.

Das ein Christ als Abgeordneter zugelassen wurde, ist ein wunder. Dann in Europa gibt seit 20 Jahren türkisch-kurdisch Stämmigen Abgeordneten in vielen europäischen Parlamenten und sogar im EU Parlament.

1116er
00
14.6.2011, 15:16
bei all diesen prognosen darf eines nicht übersehen werden:

die unter 25jährigen stellen in der türkei fast die hälfte der bevölkerung!

niemand kann mit sicherheit vorhersagen, in welche richtung diese sich entwickeln werden.
am wahrscheinlichsten scheint der "westliche" weg: gott konsum ist der höchste aller götter....

JonBut
01
14.6.2011, 09:32
Die Zukunft der Türkei liegt in Güls und nicht Gülens Händen.

RTEs Alternative zum Gottesstaat ist die Gülen-Diktatur.
Und zu einem Kompromiss wird die Opposition nicht zu haben sein, solange RTE (in der AKP) absolut regiert.
Das hat Gül schon durchschaut und wartet ab, bis er seinem Freund RTE einen Strich durch die Rechnung machen kann.
Hinter den Kulissen heisst dann der Verlierer nicht RTE sondern Gülen.

ragusanoisette
01
13.6.2011, 21:46
Erdogan will keinen zweiten *Iran* oder *Saudiarabien* , ABER ...

Kein Geringerer als Fetullah Gülen proklamierte, dass es ein Traum sei, dass die Türkei die Stärke und Wirkungskraft des Osmanischen Reiches wiedererlangen werde. Auch der verstorbene Staatspräsident Turgut Özal hatte diese Vision.Die (AKP)Neo-Osmanen haben sich erfolgreich in die imperialen Strategien des Westens einbinden können. Dabei wenden sie die Regeln des Neoliberalismus konsequent und unerbittlich an.

Das ist eher das Ziel von Gülens Puppen

Fritz Wunderlich
01
14.6.2011, 11:27

scheint so

Dr. Seltsam
 
12
14.6.2011, 09:15

Die Türkei wird bei ihrer dynamischen Entwicklung ganz sicher eine Führungsrolle in der Region einnehmen. Das hat aber nichts mit Neo-Osmanismus zu tun, sondern mit der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Realität.

Die Türken haben in den letzten Jahrzehnten sehr viel in Bildung und Entwicklung investiert. Das trägt nun Früchte. Türkische Ingenieure planen Wasserversorgungsanlagen und Kanäle im Libanon und bauen kommunale Verwaltungssysteme im Irak auf.

Die kulturellen Schranken sind gering und die Türken sitzen am Ort des Geschehens. Die Türkei ist heute schon DIE Führungsmacht in der Schwarzmeerregion und bis zu den Turkstaaten Zentralasiens.

Standard Leser4
 
00
14.6.2011, 21:38
DIE Fuehrungsmacht ?

Sorry eine Frage, Sie wissen aber schon welche Laender am Schwarzen Meer liegen ? Zuerst mal Russland und die Ukraine, diese beiden koennen Sie ja nicht gemeint haben , dann die EU Laender Bulgarien und Rumaenien, die wohl auch nicht auf die Fuehrungsmacht Tuerkei warten, bleibt noch Georgien, na ja dann viel Glueck, mit dem Fuehrungsanspruch in der Schwarz Meer Region.
Siw sollten wirklich Ihre Tuerkei Brillen ablegen.

ragusanoisette
00
14.6.2011, 11:46
Ihr Posting trifft genau meine These bzw Vermutung

Was sie wollen? Auf jeden Fall kein Islamistischer Staat wie Saudi Arabien oder Iran. Sie sind mehr die Neoosmanen. Sie sehen keine Völker sondern nur Glaeubige, aber sie wollen ein Neoosmanisches Reich verbundet mit den Türken in Zentralasien, nicht mit den Arabern. Araber mögen sie, aber der Staat sollte sich nicht mit ihnen ausdehnen, Araber sind zu dogmatisch.
Sie legen grossen Wert auf Wissen und Fortschritt und arbeiten auch sehr fleissig in den zentralasiatischen Staaten. Eine Art neuen, mehr fortgeschrittenen Islamstaat wollen sie. Konservatif ja, aber nein zu Dogmas die zum Stillstand und Verfall führt.

ragusanoisette
00
14.6.2011, 11:45

Die Frauen haben zwar Kopftuch aber sie sind sehr modern. Frauen ohne Kopftuch werden auch geduldet, jedoch nach Erziehung tragen die meisten eins aus Überzeugung. Man kann sich auf hohen Niveau mit ihnen unterhalten. Sie werden meist in ihren Schulen oder anderen privaten Schulen ausgebildet, dann gehts nach England oder die US oder in eine top Universitaet in der Türkei, von dort zu guten Jobs. Ihre Ausbildung ist top kann ich sagen. Wer nicht reich ist und es sich nicht leisten kann wird von reichen unterstützt, es fehlt ihnen an nichts

ragusanoisette
00
14.6.2011, 11:45
ich sage es ja..

In den Schulen werden die Besten ausgebildet und gelangen in den öffentlichen Dienst. Das ist das allererste Ziel von ihnen. Sie sindschlau genug zu wissen das man nur von innen etwas aender kann. Du merkst es ihnen nicht an das sie extremislamisten sind. Und wenn sie dich nicht kennen, reden sie nie über Nurculuk oder Fetullah, leicht zu enttarnen sind sie nicht.

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