"Geld alleine genügt Griechenland nicht"

13. Juni 2011, 18:19
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Was das Land außer Geld noch braucht und warum der Haircut kommen wird, erklärt Georg Schuh von der Deutschen Bank

STANDARD: Das zweite Hilfspaket für Griechenland ist auf dem Weg. Schon gibt es Gerüchte über ein drittes. Ist Griechenland ein Fass ohne Boden?

Georg Schuh: Das Bild vom Fass ohne Boden passt nicht. Beim Fass ohne Boden sieht man das Ende nicht. Der Boden bei Griechenland ist erreicht, weil wir schon eine vollumfängliche Transparenz haben. Die Probleme und Fakten sind bekannt. Ich will das grundlegende Problem aber nicht kleinreden. Das erste Anpassungsprogramm ist ziemlich gescheitert, sonst bräuchte man kein zweites. Die Lage ist schon so, dass ich denke, das ein drittes Programm schwer durchzubringen wäre.

STANDARD: Die Märkte diskutieren bereits eine Umstrukturierung ...

Schuh: Dass Griechenland am Markt so gesehen wird, dass eine Umstrukturierung erfolgen muss, ist mittlerweile Konsens. Aktuelle Einschätzungen zeigen, dass der Markt mit 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit davon ausgeht, dass ein Haircut von 30 Prozent innerhalb der nächsten zwei Jahre passiert. Mit 98 Prozent Wahrscheinlichkeit innerhalb von zehn Jahren. In Griechenland ist so gesehen nur noch Upside-Potenzial da. Downside aus der Sicht des Marktes gibt es keinen mehr. Derzeit fokussiert man aber zu stark auf Griechenland.

STANDARD: Reicht Geld alleine, um Griechenland zu retten?

Schuh: Nein, Geld alleine genügt nicht. Um das Land zu heilen, braucht es Know-how für die Fiskalpolitik, die man mit dem Internationalen Währungsfonds jetzt aber hat. Das größte Manko ist das Fehlen eines Geschäftsmodells industriepolitischer Art, also dass man Produkte hat, die mit dem hohen Ölkurs vermarktungsfähig sind. Es müsste in Bildung investiert und dafür gesorgt werden, dass gut ausgebildete junge Leute im Land bleiben. Für strukturelle Reformen ist die Zeit aber knapp.

STANDARD: Sie haben gesagt, man fokussiert zu sehr auf Griechenland. Was übersehen wir dabei?

Schuh: Die Frage, welche Triple-A-Länder noch gefährdet sind. Frankreich etwa: Der Markt glaubt an eine zwölfprozentige Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsausfalls in zehn Jahren. Seit vor ein paar Wochen die Ratingagentur S&P die USA auf "negative-watch" genommen hat, fragen sich viele Zentralbanken, Sovereign Wealth Funds und Pensionsfonds, wer der Nächste sein kann. Die chinesische Ratingagentur Dagong hat Frankreich bereits herabgestuft, die waren auch bei den USA die Ersten. Auch England ist gefährdet und wird derzeit zu wenig beachtet.

STANDARD: Amerika ist bei den Ratigagenturen auf der Watchlist. Der Staat diskutiert, die Defizitgrenze nach oben zu schrauben. Ist das eine praktikable Lösung?

Schuh: Ich glaube, die Amerikaner werden noch viel an ihren Sparprogrammen schrauben - die Bereitschaft, Veränderungen bei den Sparprogrammen vorzunehmen, ist jetzt viel größer. Ohne dem Druck der Ratingagenturen würde das nicht so schnell gehen.

STANDARD: Amerika, die Schulden in der Eurozone, die Katastrophe in Japan. Wie verändert das alles das Asset-Management?

Schuh: Die größte Veränderung ist, dass die Risikobudgets für Rentenanlagen und Staatsanleihen neu definiert werden müssen. Die Volatilitäten sind gestiegen. Zudem werden riskante Staatsanleihen der westlichen Industrieländer in Emerging-Marktes-Anleihen getauscht. Brasilien hat ein geringeres Risiko als so manches Land an der Peripherie der Eurozone.

STANDARD: Was ist denn heute noch ein "sicherer Hafen"?

Schuh: Die Frage ist, wo man die Grenze zieht. Die absolut sicheren Häfen für Triple-A-Anleihen sind deutlich weniger geworden. Da gibt es kleine Rohstoffländer wie Kanada, Norwegen, Finnland und die Schweiz. Dann gibt es jene, die ihr Triple-A zwar noch länger behalten werden, wo es aber zu Problemen kommen kann, die Niederlande und Deutschland etwa. Deutschland ist nicht mehr der topsichere Hafen, weil mit dem Eintritt in die Transferunion die Last sehr groß werden kann.

STANDARD: Und auf der Unternehmensseite? Die Aktienkurse sind doch relativ stabil und hoch.

Schuh: Im Corporate-Bond-Bereich ist ein Unternehmen gut, wenn es ein globales Geschäftsmodell hat, nicht im Finanzbereich tätig ist, nicht in der Peripherie und den Status Investmentgrade hat. Die Finanzinstitute kämpfen mit höheren Kernkapitalquoten, Regulatorien und dem steigenden Zinsumfeld. Bei Aktien ist die Volatilität rückläufig. Das zeigt, dass die Aktien unterinvestiert sind. Diejenigen, die Aktien haben, sind stabile Investoren, die sich von kurzfristigen Externalitäten von ihrem Investitionsziel nicht abbringen lassen. Es zeigt auch, dass Aktien billig sind.

STANDARD: Halten Sie ein Auseinanderbrechen der Eurozone für tatsächlich realistisch?

Schuh: Eine Veränderung erachte ich als möglich. Die Märkte gehen auch von einer Veränderung der Länder aus, die am Euro teilnehmen. Dass ein Land rausgeht und stattdessen ein anderes reingeht - das ist denkbar. Bei Griechenland haben wir zwar keine Austritts-, aber eine Umstrukturierungsdiskussion. Wenn ein Land in der Eurozone restrukturiert, kann ich mir schon vorstellen, dass es nur eine Frage der Zeit ist, dass auch die Ausstiegsdebatte folgt und wie der Plan dafür aussehen kann. Man wird die Debatte aber nicht nur um den Euro, sondern auch um die EU führen. Um Schaden abzuwenden, sollte man sich nicht das Denkverbot auferlegen, dass die Anzahl der Länder nicht auch kleiner werden kann. (Bettina Pfluger, DER STANDARD, Printausgabe, 14.6.2011)

GEORG SCHUH (45) ist Chief Investment Officer vom Asset-Management der Deutschen Bank und sitzt dort auch im Board of Managing Directors. Vor seinem Eintritt in die Bank war der Diplom-Kaufmann Fondsmanager bei der Allianz.

  • Griechenland muss strukturelle Reformen angehen und in die Bildung 
investieren, "damit gut ausgebildete junge Leute im Land bleiben", sagt Georg 
Schuh vom Asset- Management der Deutschen Bank.
    foto: andy urban

    Griechenland muss strukturelle Reformen angehen und in die Bildung investieren, "damit gut ausgebildete junge Leute im Land bleiben", sagt Georg Schuh vom Asset- Management der Deutschen Bank.

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