Stille über Florenz

13. Juni 2011, 15:33
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Eine Jugendherberge in einem früheren Kloster nahe Florenz zeigt, dass Stil keinen Luxus braucht

Niemand da. Die Rezeption verwaist, der Speiseraum leer, im Hof dahinter nichts als Stille. Endlich, ein Gast zeigt sich. Wo wir jemanden finden könnten, der zuständig ist? Mh, vielleicht in der Küche. Mitte Mai zeigt sich die Jugendherberge "Ostello del Bigallo" im Florentiner Vorort Bagno a Ripoli, sagen wir einmal, nicht gerade überrannt. Es dauert manchmal ein paar Minuten, bis man eine der entspannten und zuvorkommenden jungen Damen findet, die sich um die Herberge kümmern, wenn man einchecken möchte oder Handtücher braucht. Der Gast, der bei der Ankunft den Weg wies, war einer von insgesamt zweien, die sich in einem dreitägigen Aufenthalt zeigten.

Zwei Dinge sind für diese Flaute bestimmt nicht verantwortlich: die Aussicht und das Gebäude. In den Hügeln hoch über der Stadt gelegen, kann man schon vom Parkplatz aus den monumentalen Florentiner Dom inmitten der toskanischen Metropole erkennen, die sich hinter ein paar Olivenfeldern ausbreitet. Wenn sich die Lichtspiele der Dämmerung über die Stadt legen, vergisst man jedes Kitsch-Vorurteil über Sonnenuntergänge. Das Wichtigste ist aber das Ostello, die Herberge, selbst: Ein Gebäude aus dem 13. Jahrhundert, einst eine Herberge für Pilger und Kloster, wurde nach der Renovierung zur Jugendherberge umfunktioniert. Das mittelalterliche, sehr rustikale Ambiente der Räume blieb erhalten, einfache Holzmöbel bleiben zumeist die einzige Zierde. Strom und Wasser sind aber in den Doppelzimmern und den Gemeinschaftsnassräumen vorhanden, die für die Gäste der Schlafalkoven und Schlafsäle bereitstehen. Die frühere Kloster-identität fordert auch einen kleinen Tribut an die Gäste: Pärchen, die im Doppelzimmer übernachten, sollen volljährig sein, die Schlafsäle sind nach Geschlechtern getrennt. Bettwäsche wird zur Verfügung gestellt, die Betten muss man aber selbst beziehen.

Gleich hinter dem Vorraum mit der Rezeption gelangt man in den Festsaal. Im früheren Refektorium werden an Wochenenden Hochzeiten gefeiert. Zwischen Steinfußboden und Kassettendecke entfaltet sich das historische Ambiente einer alten Toskana, die noch nichts weiß von einem überbordenden Touristentrubel unten in der Stadt. Ein puristisches Mahl aus salzlosem toskanischen Brot, Olivenöl und einem Schluck Wein würde hier gut hineinpassen. Die alte Herberge wurde gar nicht lange nach dem Streit zwischen Florenz und Pisa im 12. Jahrhundert gebaut, der zur Folge hatte, das die Salzlieferungen nicht mehr eintrafen und das toskanische Brot bis heute salzlos blieb. Die dem Festsaal angrenzende alte Küche beherbergt einen monumentalen Kamin und dient heute als Speise- und Versammlungsraum. Holzregale, in denen sich schlichte Teller, Schüsseln und Krüge reihen, lassen die alten Funktion des Raumes anklingen.

Ein Haken an der idyllischen Lage hoch über Florenz ist die schwierige Erreichbarkeit, wenn man kein Auto hat. Möchte man wirklich vom Stadtzentrum mit dem Bus hinkommen, muss man lange Fahrten, Umsteigen und einen 15-minütigen Fußmarsch in Kauf nehmen. Per Auto ist man schnell oben und muss sich lediglich dem florentinischen Verkehr aussetzen.

Warum also die Gäste fehlen? Junge Gäste, die eine Jugendherberge suchen, reisen vielleicht nicht mit dem Auto an. Und viele Reisende verirren sich vielleicht in vordergründigen toskanischen Luxus und übersehen dabei die tatsächliche Identität einer ländlichen Gegend, die von der rustikalen Schlichtheit eines jahrhundertealten Kulturraums mit mittelalterlicher Blütezeit zehrt. Luxus kann eben Stil nicht ersetzen. (Alois Pumhösel/DER STANDARD/Printausgabe/11.06.2011)

  • Stil statt Luxus: Die Zimmer im "Ostello del Bigallo" sind genauso schlicht wie stimmungsvoll.
    foto: pumhösel/zagler

    Stil statt Luxus: Die Zimmer im "Ostello del Bigallo" sind genauso schlicht wie stimmungsvoll.

  • Von 1. April bis 30. September geöffnet. Via Bigallo e Apparita, 14; 50012 Bagno a Ripoli, 25 bzw. 39 Euro/Person. Tel: +39/335 63 09 07

    Informationen: www.bigallo.it

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