Markus Bey über die Türkeiwahl

Warum d'Hondt die AKP nicht glücklich macht

Markus Bey, 12. Juni 2011, 21:15
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    foto: thanassis stavrakis/ap/dapd

    Auch wenn die AKP das Wahlziel - die Zwei-Drittel-Mehrheit - verfehlt hat, jubelten vor der Parteizentrale die Massen.

Das Verfahren bei der türkischen Parlamentswahl führt zu einer unerwarteten Situation - Eine Erstanalyse im Blog

Victor d'Hondt ist kein Mann, der die AKP in der Türkei glücklich machen kann. Das Höchstzahlverfahren des belgischen Rechtswissenschaftler, das bei den türkischen Parlamentswahlen Anwendung findet, hat Sonntagabend zu einer unerwarteten Situation geführt: Die konservativ-muslimische Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) von Regierungschef Tayyip Erdogan hat ihren Stimmanteil bei ihrem dritten Sieg nochmals vergrößern können: 50,02 %, das heißt 3,44 % mehr als 2007. Doch die Zahl ihrer Sitze im Parlament ist geschrumpft: von 341 zu Beginn der Legislaturperiode 2007 auf nun 326.

Das ist immer noch die absolute Mehrheit - das türkische Parlament hat 550 Sitze -, doch die AKP hat gleich zwei Marken verpasst: die Zweidrittel-Mehrheit, die sich Premier Erdogan gewünscht hätte, um eine Verfassungsänderung im Alleingang durchzuziehen (das wären mindestens 367 Sitze gewesen); und die 330 Sitze, die die Regierung bräuchte, um wie im vergangenen Jahr geänderte Verfassungsartikel ebenfalls ohne Hilfe anderer Fraktionen dem Volk zur Abstimmung in einem Referendum vorlegen zu können. Diese Referendums-Zahl könnte die AKP aber möglicherweise im Lauf der Legislaturperiode durch Abwerbung oder „Überredung" anderer Abgeordneter erreichen.

Weitere Schlussfolgerungen aus dem Wahlergebnis:

  • die AKP bleibt weiter die übermächtige Volkspartei, die mit großem Abstand überall im Land fest verankert ist. Alle Minister setzten sich in den Wahlkreisen durch, die ihnen Erdogan zugewiesen hatte. Lediglich Kulturminister Ertugrul Günay, das liberale Aushängeschild der AKP, ging in Izmir unter. In der Hochburg der säkularen Republikanischen Volkspartei CHP, die dort um 8 Prozentpunkte zulegte auf 43,76, kamen Günay und seine AKP-Leute auf knapp 37 %, aber immer noch 7 Prozentpunkte mehr als 2007.
  • für Kemal Kilicdaroglu, den Vorsitzenden der CHP, der seine Partei erstmals in eine Parlamentswahl führte, dürfte es vorbei sein. Die CHP vergrößerte ihren Stimmanteil nur um 5 Prozentpunkte auf 25,93 %. Das wird nicht genug sein. Gehofft hatte das Kilicdaroglu-Lager auf ein Ergebnis um die 30 %.
  • das Bündnis der Kurdenpartei, deren Kandidaten als Unabhängige antraten, um die Zehn-Prozent-Hürde für Parteien beim Einzug ins Parlament zu umgehen, ist ein Sieger dieser Wahl. Sie machen ein Plus von 1,34 %, gewinnen 6,58 % der Stimmen und ziehen mit insgesamt 35 Abgeordneten - 6 mehr als 2007 - ins Parlament in Ankara ein. Symptomatisch ist ihr Erfolg in Diyarbakir, der „Hauptstadt" der Kurden: 62,43 %, ein Plus von 15,4 %; die AKP verliert dagegen knapp 8 % - wohl wegen der massiven Angriffe Erdogans auf die Kurdenpartei BDP und die Massenprozesse gegen kurdische Funktionsträger in Stadt- und Gemeinderäten.
  • die rechtsextreme MHP schließlich behauptete sich aller Umfragen zum Trotz. Sie zieht locker mit 13,03 % ins Parlament ein. Wäre sie an der Zehn-Prozent-Hürde gescheitert, hätte alles anders ausgesehen. Dann wäre Erdogans AKP die Zweidrittel-Mehrheit wohl sicher gewesen.

Kleine Änderungen der Prozentzahlen sind noch möglich. Die akuellste Hochrechnung (Echtzeit) gibt es hier.

    • Markus Beys Blog
      16.5.2012, 21:23
      Markus Bey

      Rückzug in Nikosia [3]

      TitelbildZyperns Präsident Christofias verzichtet auf eine zweite Kandidatur. Die Türken sind Schuld, sagt er. Aber dann gibt es noch die Sache mit der explodierten Munition und den angeschlagenen Banken.

    • Markus Beys Blog
      13.5.2012, 11:46
      Markus Bey

      Tony, der Flip-Flopper [1]

      Seinen Sondierungsauftrag für eine griechische Regierung hat er zwsichen Mittag- und Abendessen erledigt - Antonis Samaras, Chef der konservativen Nea Dimokratia und Großmeister im Fach politische Fehleinschätzung, will wieder Neuwahlen

    • Markus Beys Blog
      24.4.2012, 19:46
      Markus Bey

      Wahlverbot für griechische Senioren [77]

      TitelbildAusweis wegnehmen und am Wahlsonntag einsperren, empfiehlt eine Bewegung im Internet. Die griechische Jugend will die Großeltern an der Wahl des ewigen Regierungs-Duos Pasok und ND hindern. Und nimmt Kurs auf die Extremisten.

    • Markus Beys Blog
      20.4.2012, 19:45
      Markus Bey

      Erdogans Rache an den 97er-Putschisten [4]

      TitelbildPayback-time in Ankara: Der türkische Regierungschef ist zufrieden über die Verhaftung der Generäle von 1997. Die hatten damals den Islamisten-Premier Erbakan aus dem Amt gedrängt - und Erdogan ins Gefängnis stecken lassen.

    • Markus Beys Blog
      12.4.2012, 22:17
      Markus Bey

      Anadolu goes global [11]

      TitelbildDie staatliche türkische Nachrichtenagentur plant die Welteroberung - Wirtschaftsmacht und Superdiplomatie brauchen auch einen globalen Nachrichtenproduzenten, ist die Überlegung in Ankara

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 28
1 2
JonBut
25
13.6.2011, 09:30
Verneblung von Tatsachen

2002 hatte die AKP mit ~ 34!% mehr als die 2/3! Mehrheit an Mandaten eingestreift.
2007 wurde sie für ihre Dienste mit 47% belohnt, bekam aber nur 341 der Sitze.
Nun, 2011 wird sie gar mit 50% in den Olymp gehievt, muss sich aber mit 326 Sitzen zufrieden geben.

Fazit: Das System, das sie in die Regierung brachte, rächt sich nun mit Gerechtigkeit, die Bürger entscheiden sich für oder wider AKP. Dabei achten sie penibel, dass ihre Stimmen wegen der 10% Hürde nicht in den Müll wandern.
Kurz, die AKP hat all die Lorbeeren, Kredite der früheren Zeit verspielt, hat wirtschaftlich die Programme eines Ecevit/Dervis umgesetzt und steht erst jetzt vor vollendeten, aber ihr noch fremden Tatsachen.
"Meister" Erdogan muss sich nun selbst helfen.

freelance
26
13.6.2011, 08:56

fazit: Die Türkei bleibt ein islamistisch dominierter konservativer Staat mit Hang zum europäischen Rechtsnationalismus. Ich wundere mich, warum der Strache solche Aversionen gegen die Türkei hat. Entspricht doch ganz seinem Schema?

philidor85
33
13.6.2011, 12:50

islamistisch wohl nicht, aber islamisch

zu hcs aversionen: er hat weder mit dem islam noch mit dem nationalismus der türken ein problem, sondern damit, dass beides innerhalb der österreichischen grenzen präsent ist

also nicht das schema, sondern die protagonisten stören ihn in seinem schema vom deutschen kulturkreis

auf diese erkenntnis können sie sich jetzt 3 bier genehmigen

freelance
00
14.6.2011, 07:52

1.islamisch=religion
2.islamistisch = politischer islam, staatsreligion, sharia ist gesetz. nicht zu verwechseln mit
3.islamistisch terroristisch = was alle ablehnen

Peter Tichy
00
15.6.2011, 09:49
Nicht nur islamistisch-terroristisch ist ist undenkbar

"Sharia ist Gesetz" werden ja wohl auch alle Demokraten ablehnen. Sharia ist das Gesetzbuch, das von Handabhacken und Augen ausstechen redet - undenkbar für eine zivilisierte Gesellschaft!

Mormoloc
01
14.6.2011, 23:03
Die Sharia ist aber in der Türkei kein Gesetz.

philidor85
00
14.6.2011, 11:56

nachdem der islam in der verfassung jedes islamischen staates festgeschrieben ist - auch in den säkularen diktaturen - kommens mit der definition nicht weiter

und die bandbreite zwischen, vom islam beeinflußten ,parteien bis hin zu theokratien ist ziemlich groß

well considered
08
13.6.2011, 08:03
Nicht d'Hondt - sondern die 10%-Hürde ..

.. ist "schuld" an der geringeren Mandatsausbeute der AKP.

Wie bereits festgestellt, bevorzugt d'Hondt ganz leicht die stimmenstärkeren Parteien. Wenn aber Parteien aufgrund von Sperrklauseln, z.B. 10%-Hürde, aus dem Mandatszuteilungsverfahren ausgeschlosen werden, bevorzugt dies all jene Parteien die diese Hürde geschafft haben. Denn die zu vergebenen Mandate werden nur an jene Listen zugeteilt, die diese Grundhürde geschafft haben.

Bei dieser Wahl sind weit weniger Stimmen aufgrund der Sperrklausel "verloren" gegangen als 2007. Somit gab es auch weniger Mandate für die AKP.

Fazit:
Weder D'Hondt noch die Sperrklausel sind an den Mandatsverlusten, sondern die Sperrklausel hat 2007 das Mandatsergebnis zu Gunsten der AKP verzerrt.

özcelik
30
13.6.2011, 10:46
verstehen Sie, was Sie lesen, im Artikel geht es darum, dass die AKP Stimmanteile ERHÖHT hat, aber WENIGER Mandate hat

leaping frog
02
13.6.2011, 15:12
ja, er versteht, sie aber nicht.

aber ich erkläre es noch einmal.

die AKB hat in 2007 sehr viele mandate erhalten von wähler die sie nicht gewählt haben. nämlich alle die stimmen von parteien die unter die 10% hürde gefallen sind. (auch andere parteien die die 10% hürde geschaft haben, haben davon profitiert).

heute wählen die wähler hauptsächlich parteien die 10% hürde schaffen. somit gehend diese stimmen nicht "verloren".

somit ist die mandate die AKB jetzt bekommt gerechter.

VERSTEHEN SIE JETZT ???

Smy
00
19.6.2011, 17:24

Die Partei heißt: Adalet ve Kalkinma Partisi = AKP und nicht AKB :)))

özcelik
00
13.6.2011, 20:42
Sie wissen viel, aber trotzdem nicht genug; es gab zuletzt (bevölkerungsbedingt) zu Veränderungen in der Abgeordnetenzahl pro Provinz

so gibt es z.B. mehrere Provinzen, in denen es jetzt nur noch 2 Sitze zu vergeben gab; Beispiel: für 56% bekam die AKP jetzt 1 Sitz, die CHP für 35% genauso einen; vor 4 Jahren hätte die AKP noch 2 Sitze erhalten und die CHP einen.
Das d'Hondt-Wahlrecht macht natürlich summa-summarum die AKP NICHT unglücklich, ist eh klar, wenn man es halt versteht...

leaping frog
00
16.6.2011, 15:28
es ist traurig, dass sie mit ihren wissen trotzdem keine manieren haben.

sie hätten gleich erklären können warum d'hondt wichtig ist und auf die lücken im artikel hinweisen können.

aber nein, sie müssen bleidigen und die poster falsche anschuldigungen unterschieben.

... und dann wollen sie noch, dass wir sie für voll nehmen. leider funktioniert das nicht so.

özcelik
00
21.6.2011, 23:23
ich habe Gott-sei-Dank welche; ich kann jetzt nicht mehr nachvollziehen, warum

ich damals so geschrieben habe. Möglicherweise war es doch richtig, so zu schreiben oder aber war ich vielleicht an diesem Tag irgendwie durch zuviel "Internet-Foren"-Lesen gereizt... Dennoch nichts für ungut...

özcelik
00
13.6.2011, 22:33
"es kam ... zu...."

well considered
00
13.6.2011, 15:04

Ich habe sehr gut verstanden, dass die AKP ihren Stimmenanteil erhöht hat und dennoch weniger Mandate erhalten hat.

Nochmal:
Diesmal haben Parteien die an der 10%-Hürde gescheitert sind, gesamt wesentlich weniger Stimmen erhalten als 2007 oder 2002 erhalten.

Hier ein Link zu diesem Thema:
http://atr-zeitung.com/downloads... 011-03.pdf

nachtschatten
210
13.6.2011, 00:16
wirklich eine tolle parteilandschaft

da kann man selbst als österreicher neidisch werden:

- etwas mehr als 50% für eine religios-ultrakonservative partei (und dabei aber trotz d'hondt weit mehr als 50% der sitze).
- 25% für eine zwar auch laizistische und reformistische CHP, die aber ebenfalls populistisch und nationalistisch agiert
- 7% für eine partei einer ethnischen minderheit
- 13% für eine rechtsextreme partei

und als wäre das nicht eh schon genug, muss man wohl auch noch froh sein, dass die rechtsextremen überhaupt ins parlament gekommen sind, weil sonst die religiösen fundis gleich eine zweidrittel-mehrheit hätten (wobei natürlich eine 10% hürde auch eine demokratiepolitische frechheit ist).

Adam Markus
11
13.6.2011, 00:00

Mir machen die 13% für die Grauen Wölfe sorgen. Das sind militant Rechtsextreme die gar nicht im Parlament vertreten sein sollten.

Aber immerhin beweist die Türkei auch in dieser Hinsicht ihre europäischen Qualitäten, schließlich gibt es hier auch massenweise rechtsextreme Parteien in den Parlamenten....

chrilly donninger1
42
12.6.2011, 22:26
Was hat der Inhalt des Artikel

konkret mit dem d'Hondt'schen Verfahren zu tun?

BK W. Shoyssel
01
13.6.2011, 00:07

stimmt - das Verfahren begünstigt Großparteien.
Also, warum dann Gejammer?
Es wäre ja ein Wahnsinn, könnte man mit 50,02% eine verfassungsändernde 2/3-Mehrheit erreichen.

Cello Swiss
01
12.6.2011, 23:41
d'Hondt

Ich stimme ihnen zu. Die Ueberschrift und der Inhalt haben eigentlich keinen Zusammenhang. Was der Journalist mitteilen wollte ist, dass es der d'Hondt'schen Wahlaritmetik zuzuschreiben sei, dass die AKP mit einem groesseren Stimmenanteil weniger Sitze eingefahren hat. Belegt wird es allerdings nicht.

Daniel Dillinger
 
01
12.6.2011, 23:34

Wieso lesen Sie den Artikel nicht bevor Sie kommentieren?

Curzon Dax
01
12.6.2011, 23:10

Was genau ist denn unklar?

peter schmidt
 
02
13.6.2011, 00:47
Der poster hatnicht unrecht

D.hondt bevorzugt ohnedies (leicht) den stimmenstaerksten und ist daher sicher nicht schuld am verfehlen der zweidrittelmehrheit

Mehmet Ülker
910
12.6.2011, 22:00
Phänomenale 87 % Wahlbeteiligung !!!

…und sowas will in die EU!..

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