Braune Vergangenheit

Wissenslücken über tote Ehrenbürger

10. Juni 2011, 18:15

Gesamter Gerichtsbezirk Neulengbach beschloss 1938 Hitler-Ehrung - Ob sie in Kraft trat, ist unbekannt

Neulengbach/Wien - Als der Amstettener Gemeinderat Adolf Hitler vor gut zwei Wochen die Ehrenbürgerschaft aberkannte, wies Bürgermeister Herbert Katzengruber (SP) darauf hin, dass es sehr wohl Rechtsgelehrte und Historiker gebe, die der Meinung sind, dass eine Ehrenbürgerschaft sowieso mit dem Tod endet. Medien berichteten, der Verfassungsdienst habe bescheinigt, dass Ehrungen mit dem Tod des Geehrten ohnehin erloschen seien.

So eindeutig ist die Lage aber offenbar nicht. Im Archiv des Verfassungsdienstes des Bundeskanzleramts finden sich nach dessen Angaben in Bezug auf die Ehrenbürgerschaft Adolf Hitlers nur zwei Dokumente: Eine Anfrage vonseiten der Gemeinde Zell am See im Mai 1988 zu genau dieser Problematik und das Antwortschreiben darauf.

In Letzterem steht, dass eine Ehrenbürgerschaft "nach dem Tod des Geehrten keine Rechtswirkungen mehr" entfaltet. Allerdings sei es nicht ausgeschlossen, dass sich je nach Rechtslage des jeweiligen Bundeslandes daran auch nach dem Tod eines Geehrten "bestimmte Rechtsfolgen" knüpfen.

Ratlosigkeit in den Rathäusern

Jedenfalls ernannten Gemeinden auch Personen posthum wieder zum Ehrenbürger. So wurden in Niederösterreich 1938 alle Ehrenbürgerverleihungen, die von 1933 bis 1938 "aus politischen Gründen" vorgenommen worden waren, widerrufen. 1965 hob das Land den Widerruf wieder auf. Damals wurde zum Beispiel Fürst Starhemberg, Vizekanzler im Ständestaat, erneut Ehrenbürger von Waidhofen an der Ybbs, wie die "Niederösterreichischen Nachrichten" berichten. Zu dem Zeitpunkt war Starhemberg bereits neun Jahre tot.

Vielerorts stößt man in den Bürgermeisterbüros in Bezug auf eine etwaige noch bestehende Ehrenbürgerschaft Hitlers aber auch aus Informationsmangel auf Ratlosigkeit. "Die Gemeindearchive geben zu den Ehrenbürgerschaften oft sehr wenig her", sagt der grüne Nationalratsabgeordnete Karl Öllinger, der in der Sache nachforschte und dabei zur Erkenntnis kam, dass "viele Dokumente aus der Nazizeit verschwunden sind".

Wird man in alten Zeitungen fündig, sind auch diese Ergebnisse mit Vorsicht zu genießen. Wie beispielsweise aus einer amtlichen Mitteilung in der Wochenzeitung Wienerwald-Bote hervorgeht, beschlossen im niederösterreichischen Gerichtsbezirk Neulengbach am 11. Mai 1938 die Gemeindeverwalter die Ernennung Hitlers zum Ehrenbürger. Das heißt aber nicht automatisch, dass dieser Beschluss in allen Gemeinden des damaligen Gerichtsbezirks auch tatsächlich rechtskräftig wurde. Darüber entschied erst Hitler selbst oder seine Kanzlei, wie der Historiker Gerhard Botz von der Uni Wien sagt.

Pauschalernennung möglich

Wie dies vor sich ging, müsse aber erst genauer erforscht werden, sagt Botz. Im Fall Neulengbachs könne eine Pauschalernennung Hitlers zum Ehrenbürger im Gerichtsbezirk aufgrund des frühen Datums geschehen sein, dies stünde aber im Gegensatz zur (späteren) Politik der NS-Führung. Diese habe Hitler-Ehrungen bewusst nur bestimmten Gemeinden gewährt.

Der Stadtamtsdirektor von Neulengbach, Leopold Ott, sagt, mit dem Inhalt des Zeitungsausschnitts konfrontiert, wenn Hitler Ehrenbürger war, dürfte es in seiner Gemeinde bisher keinem bewusst gewesen sein. Es seien allerdings viele Dokumente im Krieg vernichtet worden.

Wolfgang Luftensteiner (SP), Bürgermeister von Altlengbach, das 1938 Teil des Gerichtsbezirks war, weiß auch nichts von einer solchen Ernennung. "Wir führen keinen Ehrenbürger Adolf Hitler. Ich kenne unsere Ehrenbürger." (Gudrun Springer, STANDARD-Printausgabe, 11./12./13.6.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 207
1 2 3 4 5
luckyluke III.
00
17.6.2011, 11:56
zum Erlöschen...und Gedenken...

das thema ist kein vorranging rechtliches...mag die EB auch erlöschen...in den Gemeindeurkunden, Ehren/Gedenktafeln, Chronologien scheinen diese EB auch NACH dem Tode auf....daher wirkt die Ehrung nach...außer es gibt eben ein klares - politisches - Signal an die Öffentlichkeit. Ist doch nicht soooo schwer....die rechtliche Diskussion ist irreführend!

Nashwin_Fuller
 
12
13.6.2011, 08:04
Ein total wichtiges Zukunftsthema.

Man kann gar nicht genug Ressourcen dafür aufwenden.

Sollte man nicht vielleicht eine Historikerkommission einsetzen?

Auch sollte man für die Aufarbeitung das Personal der Landesregierungen aufstocken und vielleicht ein eigenes Bundesamt für Ehrenbürgerschaften von vor 70 Jahren schaffen.

Nicht auszudenken, wenn vielleicht auch A. Eichmann irgendwo Ehrenbürger war und das heute keiner mehr weiß!

Emil Sacklinger
 
00
15.6.2011, 13:26

... eine historikerkommission wär' sollte zumindest angedacht werden.

(möglicherweise reicht aber ein arbeitsgreis)

Knieriem
44
12.6.2011, 21:42

Haben wir in Österreich keine anderen Probleme, als irgendwelche Ehrenbürgerschaften des Führers a.D.?
Ich glaube nicht, daß das die Mehrheit der Österreicher interessiert.

poster1231
01
12.6.2011, 23:57

solange es mediengeile typen gibt, die die nicht mehr gültigen bzw. relevanten ehrenbürgerschaften oder auch furze von toten wahnsinnigen ausgraben, solange werden die vergangenheit nicht bewältigt haben... und solange werden auch die medien erneut davon berichten und brave gerechtigkeitsbewusste bürger das lesen und sich hineinsteigern...

erwin aschenwald
 
00
12.6.2011, 19:17
Einspruch! Herr Karl .....

Es ist definitiv Schmutz, wie Sie richtig erkennen. Und diesen Schmutz gilt es zu beseitigen. Sonst stinkt er nicht nur die Gegenwart, sondern auch noch unser aller Zukunft zu.
Beispiel gefällig: In V und in OÖ leben 2 Pädokriminelle, die wegen eingetretener Verjährung nicht mehr belangt werden können. Der Typ, ein hochrangiger Kapuzinerbruder, der durch Verschweigen und Vertuschen die beiden dem gesetzlichen Richter entzogen hat, erhielt 2 Jahre vor Eintritt der Verjährung von der Stadt Innsbruck das Sozial-Ehrenzeichen verliehen. Ich finde: so tot kann der Nazi-Pater gar nicht sein, dass man ihm dieses Ehrenzeichen nicht doch posthum entziehen sollte!

erwin aschenwald
 
00
12.6.2011, 19:40
Innsbruck! Take this badge off his ass!!!

http://isurvivedcatholicschool.blogspot.com/

Karl Buschina
88
12.6.2011, 13:28
Wieso gibt es kein Ende der Vergangenheitsbewältigung?.,.

Weil jene, welche mangels produktiver Arbeit immer noch fortwährend im Schmutz der Vergangenheit wühlen, immer wieder irgend eine Kleinigkeit entdecken über welche sie sich betroffen und entrüstet zeigen können. Sei es nun eine vergessene Erinnerungsplakette, Tätowierung, Torte oder ein Werk eines damaligen Künstlers welches unbedingt politisch korrekt übermalt werden muss. Es gibt eben zu viele brotlose Berufe (Historiker) oder Künstler welche auf solche Entdeckungen angewiesen sind um nicht zu verhungern und Zeitungen welche mangels eigener Recherchen und interessanter Informationen dann mit solchen Geschichten und rührseligen Flüchtlingsschicksalen ihr "Qualitätsblatt" auffüllen müssen.

peperl4a
00
13.6.2011, 17:25

Ich weiß jetzt wirklich nicht, meinen Sie Ihr Posting ironisch?
Was ist "produktive Arbeit"?

heinz strobl
 
01
12.6.2011, 23:16
die Vergangenheit

ist sehr gegenwärtig wie aus aus Ihrer Wortwahl"rührselig" entnehmen kann.

Knieriem
00
12.6.2011, 21:44
Wieso gibt es kein Ende der Vergangenheitsbewältigung?

Weil es Profiteure gibt.

Dusty Bottoms
03
12.6.2011, 20:23

Zum Glück haben Sie die Schuldigen schon ausgemacht! Die Künstler und Historiker. Wie sich die Zeiten doch ändern. Früher wären's die Juden und Zigeuner gewesen...

erwin aschenwald
 
00
12.6.2011, 19:27
zum Sozial-Ehrenzeichen der Stadt Innsbruck

an eine durchaus fragwürdige Gestalt:
siehe:

http://bubenburg.blogspot.com/

anders and
 
42
12.6.2011, 18:05
na dann einmal los!

Wer genau gefällt Ihnen, weil er nie in der Vergangenheit kramt?

Machen Sie einen Vorschlag und bringen Sie mich zum lachen!

In Wirklichkeit stört Sie gar nicht der Rückblick, sondern die mangelnde Verherrlichung des glorreichen deutschen Mannes, nicht wahr?

marcel81
01
13.6.2011, 00:22
und was bringt

es den Menschen die im Jahr 2011 leben wenn jetzt jemand nicht mehr Ehrenbürger ist? Sinkt dadurch die Arbeitslosenrate, wird dadurch die Währungskrise entschärft löst es das Pensionsproblem wird der Gesundheitssektor dadurch reformiert? Nennen Sie mir einen einzigen Punkt wie dadurch das Leben der Menschen besser wird!

anders and
 
00
13.6.2011, 07:53

weil wir aus der Vergangenheit gelernt haben ist die Wirtschaftskrise bei weitem nicht so schlimm wie in den 30er-Jahren; ich denke, dass das einigen nützt.

Jeder normale Mensch versucht aus der Vergangenheit zu lernen, aus der eigenen und jener des Landes. Das jemandem vorzuwerfen ist schon einigermaßen absurd - vor allem wenn man niemanden nennen kann, der sich nicht mit der Vergangenheit beschäftigt.

WRH72
12
12.6.2011, 18:11

Wem schenken Sie denn Ihre Bewunderung? Ist Ihr Lebensmotto in Bekämpfung des Deutschen gegeben?

Phönixe
00
13.6.2011, 06:15
Meinen Sie allle Deutsche

WRH72
00
13.6.2011, 09:13

Worauf zielt Ihre Frage ab?

anders and
 
02
12.6.2011, 18:42

meine Bewunderung hält immer nur für ein paar Jahre - nicht nur weil ich so schwankend bin, sondern weil sich Menschen in Extremsituationen, in Führungspositionen oder als Pioniere, schnell abnutzen.

Vaclav Havel, Georg Danzer, Helmut Schüller oder Karin Gastinger haben dazugehört, um ganz verstreut Einzelne zu nennen.

Im Gegensatz zu Ihnen versuche ich Fragen zu beantworten und die Deutsche Sprache nicht durch brachial falsche Sätze zu schänden - ich denke, dass ich für´s Deutsche wesentlich mehr übrig habe als Sie.

WRH72
00
12.6.2011, 19:57

Was ist für Sie das Deutsche? Das Deutsche ist anrüchig dieser Vergangenheit.

PS: Danzer´s Lieder hör Ich gerne.

anders and
 
01
13.6.2011, 07:50
ich habe darauf angespielt

dass Sie nicht fähig sind sich in der deutschen Sprache schriftlich korrekt auszudrücken,

Sie haben mir jetzt bewiesen, dass auch Ihr Leseverständnis unterentwickelt ist.

WRH72
00
13.6.2011, 09:34

Mag sein, dass ich kein Germanistik Professor werde. Sie verurteilen mich sowieso zu einer minderen Intelligenz.

Vielleicht haben Sie eine zu visionäre Lebensphilosophie. In welchen Extremsituationen waren Sie?

anders and
 
00
13.6.2011, 10:07

Ich habe nur geschrieben, dass Ihr Deutsch mangelhaft ist - und ich schreibe das auch nur bei Leuten, welche "das Deutsche" verteidigen.

Ich bin nie davon ausgegangen, dass Sie nicht intelligent seien.

KKdJ
53
12.6.2011, 14:50
Ganz einfach, lieber Freund:

Weil das Ende einer Vergangenheitsbewältigung eben nur darin bestehen könnte, dass die Vergangenheit erfolgreich bewältigt – oder wenigstens halbwegs konsensuell aufgearbeitet – wäre.

Davon ist in Österreich keine Rede, was unter anderem, wenn nicht sogar hauptsächlich, mit der Mentalität zu tun hat, der Sie in Ihrem Posting so beredt Ausdruck verleihen.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 207
1 2 3 4 5

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.