Im digitalen Rausch: TV-Komatrinken ersetzt Bassena

10. Juni 2011, 18:19
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In Dokusoaps finden junge Zuseher ein verbindendes Ritual, sagt die britische Medienforscherin Charlotte Brunsdon

Wien - Kein Glück mit Komatrinken hat MTV: Nach den ersten Folgen der umstrittenen Teenieserie Skins um heftig feiernde Jugendliche ließen Medienhype und -entrüstung schnell nach. Auf eine Fortsetzung verzichtet der Musiksender nun wegen Erfolglosigkeit.

Anders im heimischen TV: ATV begleitet Jugendliche in der Dokusoap Saturday Night Fever beim Komatrinken - skeptisch beäugt von Erwachsenen, kultisch verehrt unter jugendlichen Zuschauern. Ist das heute immer noch genau dieselbe "Unterschicht", von der Anfang 2000 unter anderem Talker Harald Schmidt sprach, dem zufolge Reality-TV wie Big Brother eine Art mediale Klassengesellschaft entstehen ließ?

"Ich bin nicht sicher, ob Big Brother ,Unterschichtenfernsehen' war, gemessen an der Größe des Publikums", sagt die britische Medienforscherin Charlotte Brunsdon: "Klar ist aber, dass diese Sendungen ein verbindendes Ritual darstellen."

Brunsdon war auf Einladung des Instituts für Theater-, Film- und Medienwissenschaften bei einem Symposium zum Thema "Klassenproduktion. Fernsehen als Agentur des Sozialen" in Wien. Mit dem "Ritual" Fernsehen spricht sie den guten, alten Bassenatratsch an - mit dem Unterschied, dass im Zeitalter der Digitalisierung Fernsehen konsumiert und gleichzeitig darüber kommuniziert wird. 

"Digitale Hausarbeit"

Geändert habe sich jedenfalls die Form der Mediennutzung: Parallel zum Fernsehen tauschen sich die Jungen über Facebook und Twitter aus. Brunsdon spricht von "digitaler Hausarbeit": "Das ist die unsichtbare Arbeit, die wir verrichten, während wir fernsehen." Diese nimmt zu: Switchen zwischen Kanälen, Aufnehmen, Löschen von Programmen passiere nicht mehr nur vor dem Fernsehbildschirm, sondern ebenso intensiv am PC.

Bedarf nach Ritual entdeckt Brunsdon auch in der "Oberschicht": Bildungsbürger eint die Empörung über das wilde Treiben in den Dokusoaps: "Fernsehen ist eine Form von Kultur, über die Menschen sich selbst definieren. Zu sagen, man habe eine Sendung nie gesehen, kann genauso wichtig sein."

Unterhaltungsfernsehen als Kulturtechnik ist unter Bildungsbürgern außerdem längst nicht nur verpönt. Qualitativ hochwertige US-Serien wie Boardwalk Empire, The Wire, Lost und Mad Men brachten dem "Unterschichtenmedium" eine entscheidende Imageaufbesserung.

Zumindest hinsichtlich ihrer Ästhetik hält Brunsdon den Hype für überbewertet: "Fernsehserien wie Coronation Street oder Lindenstraße waren im Vergleich dazu wesentlich innovativer." (prie, DER STANDARD; Printausgabe, 11./12./13.6.2011)

  • Gemeinsam "Saturday Night Fever" schauen verbindet.
    foto: atv

    Gemeinsam "Saturday Night Fever" schauen verbindet.

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