"Einflussnahme der Politik schon sehr extrem"

10. Juni 2011, 18:13
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Gerhard Zeilers Kritik am ORF rüttelt auf - Sympathisanten der ehemaligen Plattform SOS ORF melden sich nun zu Wort - Tenor: Der Notruf gilt noch immer - Die Hoffnung auf Rettung für den ORF schwindet

Wien - Mit heftiger Kritik über Politeinfluss im ORF versah Gerhard Zeiler seine Absage, sich am 9. August der Wahl zum nächsten Generaldirektor zu stellen.

Überbordende Interventionen der Politik waren schon 2006 Thema. Damals protestierten prominente Gebührenzahler in der Plattform SOS ORF. Künstler, Politiker und Wissenschafter schlossen sich zur überparteilichen Initiative zusammen, beklagten Qualitätsverlust und erinnerten die Regierung daran, "dass ihr der ORF nicht gehört". Fünf Jahre nach SOS ORF fragt der Standard einstige Sympathisanten: Hat Gerhard Zeiler Recht?

Der Schriftsteller und Theaterdramaturg Peter Turrini ist mit dem ORF heute so unzufrieden wie vor fünf Jahren: "Der ORF ist mir viel zu wenig politisch und viel zu sehr parteipolitisch." Neben Turrini unterstützten 2006 eine Reihe von Autoren SOS ORF, darunter waren Elfriede Jelinek, Wolf Haas, Doron Rabinovici und Marlene Streeruwitz. Turrini: "Der Notruf, den wir vor fünf Jahren abgesetzt haben, gilt noch immer."

Chancen auf Rettung des ORF durch Entparteipolitisierung sieht er nicht. Die Hoffnung stirbt zuletzt, Turrini hat zumindest in puncto ORF keine mehr: "Wenn man älter wird, gibt es in einem Leben ein paar Bereiche, wo man die Hoffnung fahren lässt. Der ORF gehört dazu."

"Aus demokratiepolitischer Sicht wäre ganz wesentlich, dass dieser ORF entpolitisiert wird", findet Schauspieler Harald Krassnitzer. Der ORF brauche " eine Form von öffentlich-rechtlichem Fernsehen, die die Vielfalt des politischen Spektrums widerspiegelt". Krassnitzer ist überzeugt: "Die Journalisten sind vorhanden, die dem Bürger pluralistische, offene, richtig gute Information liefern". Aber: "Ich habe nur den Eindruck, dass die Einflussnahme der Politik schon sehr extrem ist."

"Alexander Wrabetz kann ich nur empfehlen, dass er ein gutes Team zusammenstellt", sagt er: "Ich glaube, der Onlinebereich hat unter Thomas Prantner sehr gute Schritte gemacht und sollte so weiterverfolgt werden."

Am Tag als Alexander Wrabetz sein Direktorium präsentierte, kehrte Anneliese Rohrer SOS ORF den Rücken: "Das war mir ein parteipolitischer Kotau, den ich nicht unterstützen wollte."

Die aktuelle Debatte um Politeinfluss im ORF hält sie mitunter für eine Schutzbehauptung: "Niemand hat Wrabetz davon abgehalten, ein wirklich guter, starker Generaldirektor zu werden. Das ist er sicher nicht." Gerhard Zeiler habe im Inhalt "Recht, in Wahrheit suchte er einen Grund, aus der Sache unbeschadet rauszukommen. Jetzt sind halt die Politiker Schuld." Wer ihr "überhaupt auf die Nerven geht", ist Gerd Bacher, denn, so Rohrer: "Die Ären Bacher zwei und drei waren nicht der große Widerstand gegen die Politik."

ORF-Legende Peter Huemer, einer der Väter von SOS ORF, zweifelte an Gerhard Zeilers ORF-Kandidatur: "Er hätte sich nicht das Geringste von der Politik dreinreden lassen. Das wäre eine völlig neue Situation für den ORF gewesen. Für die Journalisten wundervoll." Für die SPÖ offenbar weniger. "Dazu kam die Angst an der Spitze der SPÖ", Zeiler wolle Kanzler werden: "Das glaube ich nicht." "Zeiler ist, da herrscht Konsens in Österreich, einer der größten, wenn nicht der größte Fernsehprofi Europas. In Hinblick auf öffentlich-rechtlichen Charakter hätte das zu Konflikten geführt. Aber für den ORF wäre das eine unglaublich spannende Chance gewesen, Perspektiven und Dimensionen hätten sich aufgetan." (Harald Fidler, Doris Priesching, DER STANDARD; Printausgabe, 11./12./13.6.2011)

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    Peter Turrini, Schriftsteller: "Notruf gilt noch immer."

  • Harald Krassnitzer, Schauspieler: "ORF entpolitisieren."
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    Harald Krassnitzer, Schauspieler: "ORF entpolitisieren."

  • Anneliese Rohrer: SOS ORF war bald "parteipolitischer Kotau".
    foto: standard/corn

    Anneliese Rohrer: SOS ORF war bald "parteipolitischer Kotau".

  • Peter Huemer: "Nicht dreinreden lassen."
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    Peter Huemer: "Nicht dreinreden lassen."

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