Regierungspartei wirbt Parteien Politiker ab

10. Juni 2011, 16:33

Ex-Solidarnosc-Aktivist Pinior bestätigt Start auf Liste der "Bürgerplattform" - Premierminister Tusk kündigt weitere Übertritte an

Warschau - Die rechtsliberale polnische Regierungspartei "Bürgerplattform" (PO) bemüht sich vor der Parlamentswahl im Herbst um die Abwerbung von Politikern aus anderen Gruppierungen. Jozef Pinior von der sozialdemokratischen Oppositionspartei SdPl bestätigte am Freitag gegenüber Radio TOK FM, dass er auf der PO-Liste antreten werde. Der Wechsel der Abgeordneten Joanna Kluzik-Rostkowska, bisher Mitglied der konservativen Partei "Polen ist am wichtigsten" (PJN), ist nach Medieninformationen bereits sicher.

Pinior war Aktivist der unabhängigen Gewerkschaft "Solidarnosc" (Solidarität), die sich in den 1980er Jahren gegen das kommunistische Regime stellte. Er gehörte dort dem linksliberalen Flügel an. Zwischen 2004 und 2009 saß er für die SdPl im Europaparlament. Der 56-Jährige begründete seinen Schritt damit, dass sich Polen in Richtung eines Zwei-Parteien-Systems bewege, in dem neben der PO die rechtskonservative Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) den Ton angebe. Außerdem habe sich die PO in den vergangenen Jahren zu einer "zentristisch-linksliberalen Partei" entwickelt, sagte der Politiker.

Der Übertritt von Joanna Kluzik-Rostkowska steht der Zeitung "Gazeta Wyborcza" zufolge kurz bevor. Die Politikerin war noch im vergangenen Jahr Leiterin des Präsidentschaftswahlkampfes von Jaroslaw Kaczynski, des Vorsitzenden der PiS, war jedoch nach einem parteiinternen Konflikt Ende des vergangenen Jahres ausgeschlossen worden und hatte daraufhin die PJN mitbegründet. Premier Donald Tusk (PO) will noch weitere prominente Politiker in seine Partei holen. "Meine Intuition sagt mir, dass unsere Partei bald breiter aufgestellt sein wird", erklärte er vor kurzem und nannte als weiteren Kandidaten für einen Übertritt Ex-Außenminister Dariusz Rosati (SdPl).

Polnische Publizisten zeigten sich in einem Radiogespräch am Freitag uneins, ob die "Bürgerplattform" die dadurch wachsenden Unterschiede zwischen ihrem linken und ihrem rechten Flügel aushalten wird. "Ich weiß nicht, ob die PO-Abgeordneten auch nur ein Gesetz werden gemeinsam verabschieden können", erklärte Andrzej Godlewski von der Zeitung "Polska". Tomasz Lis, Chefredakteur des Politmagazins "Wprost", verglich die PO mit der mexikanischen Partei der Institutionellen Revolution, die das Land 71 Jahre lang dominierte.

Die PO will sich am Samstag bei ihrem Parteitag in Gdansk (Danzig) auf den Wahlkampf einstimmen. Laut Medien soll die Veranstaltung ein Multimedia-Spektakel werden. Die Partei hat nach jüngsten Umfragen gute Chancen, die Wahl im Herbst zu gewinnen. Das Umfrageinstitut CBOS sieht sie derzeit bei 34 Prozent der Wählerstimmen, das Institut TNS OBOP sogar bei 44 Prozent. Abgeschlagen sehen die Institute die PiS mit 22 bzw. 25 Prozent. (APA)

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