Abgrund Mensch

10. Juni 2011, 18:45
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Monster in Menschengestalt: Der Schweizer Reporter Eugen Sorg warnt vor der "Lust am Bösen"

"Jeder Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt einem, wenn man hinabsieht" - dieses Woyzeck-Wort kommt einem in den Sinn angesichts all der Monster in Menschengestalt, die Sorg präsentiert: ein Lagerkommandant auf dem Balkan, der sich zum Herrn über Leben und Tod aufschwang. Ein Krankenpfleger in Luzern, der stets pfeifend aus den Zimmern kam, in denen er Jahre lang unentdeckt Heiminsassen mit Frotteetüchern erstickte. Die fünf Schweizer Berufsschüler, die im Sommer 2009 auf einer Klassenfahrt "ein bisschen Spaß" haben wollten und deshalb Münchner Passanten halbtot schlugen. Nicht zu vergessen jener freundliche katholische Priester in Ruanda, der verzweifelten Tutsis in seiner Kirche Zuflucht bot, nur um gleich einen Trupp Macheten schwingender Hutus herbeizurufen.

Sorg hat als Delegierter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz auf dem Balkan, später als Reporter in Afghanistan, Somalia oder Liberia genug Gräuel gesehen, um zum anthropologischen Pessimisten zu werden. Das Böse, sagt Sorg, "ist nicht heilbar, nicht umerziehbar, nicht wegfinanzierbar. Es ist die Bedingung der menschlichen Freiheit, und man kann es nur abschaffen, wenn man den Menschen abschafft." Es liegt am Einzelnen, wie er sich in einer konkreten Situation entscheidet. Wie zum Bösen ist der Mensch zum Guten fähig, wie Sorgs Gegenbeispiele zeigen. Wie das von dem serbischen Offizier, der seinen bosnischen Nachbarn im Kofferraum versteckte und ihn quer durchs Land in Sicherheit schaffte.

Sorgs Essay ist ein überfälliger Einspruch gegen den grassierenden Dauer-Psychologismus, der Gewalttaten durch traumatische Kindheiten, sozioökonomische Umstände oder nationalistische oder religiöse Ideen entschuldigt und damit dem Menschen jede Verantwortung für sein Tun abspricht. Böse Taten können eine Lustquelle auch für jene sein, die wie jene Berufsschüler aus intakten Familien stammen. Und Nationalismus? Für Sorg steht fest: "Die meisten berauschen sich nicht an Ideen, sondern sie benutzen Ideen, um ihren Rausch zu legitimieren."

Sorgs Polemiken gegen den Glauben, dass Diplomatie, Sozialarbeit oder Entwicklungshilfe etwas ausrichten können, sehen dagegen Boulevardparolen zum Verwechseln ähnlich. Unsere Gesellschaft verharmlose das Böse, behauptet der Journalist: Sind die Medien nicht voll mit den Gadaffis, Josef Fritzls und Mohammed Attas dieser Welt? Befinden wir uns nicht im Daueralarm vor Terroranschlägen? Letztere sind Sorgs größte Sorge, und hier wird sein Buch zu einem von der Weltgeschichte überholten Ärgernis. Denn für diesen "Panikmacher" ist der Islam (unter Berufung auf Elias Canetti) eine "Kriegsreligion" . Die Völker im Nahen Osten mit ihrer gewalttätigen Mentalität verehrten mehrheitlich Osama bin Laden, der nun aber Geschichte ist, und aus dem Hinweis, dass die islamischen Länder von Diktatoren in Schach gehalten werden, muss man folgern, dass der Autor darüber nicht unglücklich ist. Respektive war. (Oliver Pfohlmann, DER STANDARD/ALBUM 11./12./13.5.2011)

  • Eugen Sorg, "Die Lust am Bösen. Warum Gewalt nicht heilbar ist" . € 
14,90. Nagel & Kimche im Hanser Verlag, München 2011. 
    foto: nagel & kimche

    Eugen Sorg, "Die Lust am Bösen. Warum Gewalt nicht heilbar ist" . € 14,90. Nagel & Kimche im Hanser Verlag, München 2011. 

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