Volle Partys, volle Vaporettos

10. Juni 2011, 17:27

Herdentrieb und Hordenangst

Edlinger: Wir haben den Skylink-Skandal an der Backe, die im Norden stecken wegen der Elbphilharmonie im Schuldenturm. Trotzdem sage ich es laut, und ich sage es deutlich: Wien darf nicht Hamburg werden!

Divjak: Ist das etwa ein Wink mit dem Gemüse der Saison: der virulenten Medien-Gurke mit dem Ehec-Zertifikat?

E: Also, ich denke eher an die Reeperbahn, die Kreuzung des Grauens aus Currywurstbuden und Cafelattepuffs. Da steht ja sogar der Wiener Prater noch ganz gut da. Und das trotz der wirklich über alle Maßen gelungenen Komplettverhunzung des Eingangstors, das superpostmodern einen auf Billig-Outlet-Kulisse à la Parndorf macht.

D: Mich nerven an der Reeperbahn ja am meisten die total spontanen Jungesellenabschiede mit ihrer gröhlenden Exzessvergottung. Dazu kommen seit neuestem die Junggesellinnen-Attacken.

E: Echt? In Wien hab ich so was aber noch nicht erlebt!

D: Doch, ich wurde letztens sogar Zeitzeuge. Heftig befeuerte Feierbiester überfallen in lustigen bunten Shirts ahnungslose Passanten, wollen einem körbchenweise Selbstgemachtes andrehen oder - im schlimmsten Fall - unvermittelt eine fremde Zunge in den Hals stecken.

E: Na ja, für den, der ein bisschen sexuelle Notstandshilfe braucht, ist das doch erfreulich, oder?

D: Also, meine Freude hat sich in Grenzen gehalten. Die Horden-Aufgekratztheit war, als ob Halloween, das Oktoberfest und der Life Ball auf ein und denselben Tag fallen würden.

E: Wer hat eigentlich gesagt, das alles Unglück des Menschen nur daher rührt, dass er es nicht allein in seinen eigenen vier Wänden aushält?

D: Klingt gut, ist aber leider nicht von mir. Aber es stimmt: Manchmal fällt einem zu Hause wirklich die Decke auf den Kopf. Manchmal muss man einfach raus.

E: Genau. Ich hab soeben Hordenbildung in Vollendung erlebt. Auf der Biennale in Venedig war alles da, was man zum Wahnsinnigwerden braucht: verlässliche Schlangen vor den Pavillons zu jeder Uhrzeit, knallvolle Partys, auf denen nach einer Stunde alle Getränke weg sind, und genauso volle Vaporettos, mit denen man dann von dort nicht wegkommt. Was aber eh auch schon wieder wurscht ist, weil es auch keine Hotelzimmer mehr gibt, in die man sich flüchten könnte.

D: Und wohin hat sich der Herr dann verlustiert? Hat er sich im Canal Grande versenkt?

E: Knapp daneben. Dafür weiß ich jetzt, was die Menschen nördlich der Alpen von denen südlich der Alpen trennt.

D: Die Alpen?

E: Nicht nur. Das deutsche Hordentier trottet in Schlabber-T-Shirts und Jeans durch die Giardini der Biennale, das italienische Hordentier posiert ebendort in Papageienanzügen und in Glitzerkleidchen.

(DER STANDARD/ALBUM, Printausgabe 11./12./13.5. 2011)

 

 

Kommentar posten
Posten Sie als Erste(r) Ihre Meinung

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.