Canetti, diese Ratte ...

10. Juni 2011, 17:17
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Der musealen Würdigung Marie-Louise Motesiczkys folgt eine längst fällige des Kunstmarktes - Nach New York jetzt in Wien

Ehrlich und niemals idealisiert knöpfte sich Marie-Louise von Motesiczky ihre Modelle vor. In einer Ernsthaftigkeit, die Kritiker jener von Rembrandt gleichsetzten, und so enthüllend, dass es bisweilen sogar die Porträtierten überraschte. Schonungslos in den zahlreichen Selbstdarstellungen und berührend in den Porträts ihrer Mutter, die Ernst Gombrich mit solchen von Albrecht Dürer verglich. Elias Canetti, mit dem Motesiczky seit 1940 mehr als nur eine Freundschaft verband, attestierte ihr die "gesegnete Gabe, Menschen zu bewahren, wie sie wirklich sind". Dass sie ihn Jahre später als Ratte zwischen ihre Schenkel klemmen sollte, konnte der Geck ja nicht ahnen. Die in Fabeln geläufigen Attribute hinterhältig, feige und verschlagen gedachte die menschlich enttäuschte Künstlerin ihrem Geliebten Anfang der 1970er-Jahre zu, als sie vom Doppelleben des späteren Nobelpreisträgers, einer neuen Ehefrau und dem Kind erfuhr. Der Canetti, diese herzlose Ratte ...

Beckmann-Elevin

Zu den anderen beiden "Hauptgöttern" zählte die aus einer jüdischen Adelsfamilie Entstammende ihre Mutter Henriette und Max Beckmann, den sie 1920 kennen lernte: "Ein geflügeltes Wesen vom Mars hätte auf mich keinen größeren Eindruck machen können", erinnerte sich die spätere Beckmann-Elevin an die folgenreiche Begegnung. Sie brach die Schule ab, nahm Malunterricht, bereiste Paris und andere Ausbildungsmetropolen. 1938 emigrierte sie mit ihrer Mutter nach Holland und schließlich nach England, wo sie bis zu ihrem Tod 1996 blieb. Trotz mehrfacher Würdigungen musealer Institutionen, u. a. am Goethe-Institut und in der Tate Gallery (London) sowie in der Österreichischen Galerie Belvedere (1994) oder im Wien-Museum (2007) - auf dem freien Kunstmarkt waren ihre Werke bislang nicht verfügbar. Motesiczky war nie gezwungen, von ihrer Malerei zu leben, und also gab sie nur sporadisch Arbeiten in private und öffentliche Sammlungen ab. Etwaige Avancen von Kunsthändlern parierte sie mit völlig überzogenen Forderungen.

Erst nach ihrem Tod begann der Motesiczky Charitable Trust mit der nachhaltigen Vermarktung ihres Nachlasses. Ende vergangenen Jahres veranstaltete Jane Kallir (Galerie St. Etienne, New York) die allererste Verkaufsausstellung, aktuell ist das europäische Debüt Wienerroither & Kohlbacher (Wien, bis 31. 7.) vorbehalten: Ein sehenswerter Querschnitt aus den 1920er- bis 1980er-Jahren in einer preislichen Bandbreite von 19.500 bis 85.500 Euro. (kron, DER STANDARD/Printausgabe 11./12./13.5.2011)

  • Nicht Leda mit dem Schwan, sondern die Künstlerin Motesiczky (Venus) mit
 dem Schriftsteller Elias Canetti (Ratte) zwischen ihren Schenkeln, 
Kostenpunkt: 31.700 Euro.
    foto: wienerroither & kohlbacher

    Nicht Leda mit dem Schwan, sondern die Künstlerin Motesiczky (Venus) mit dem Schriftsteller Elias Canetti (Ratte) zwischen ihren Schenkeln, Kostenpunkt: 31.700 Euro.

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