Wiens neue Gesichter

10. Juni 2011, 16:00
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Zum dritten Mal zeigt eine Fotoausstellung "neue“ Wiener vor und mit ihrem Migrationshintergrund

Der neue Wiener hat viele Gesichter: Er kann aus Polen, aus der Türkei, aus Ex-Jugoslawien und aus vielen anderen Ländern stammen. Und - es kann auch eine "sie" sein, wohlgemerkt. Zum dritten Mal nimmt sich nun eine Fotoausstellung in der Galerie auf der Pawlatsche der vielen Facetten des "Wienertums" an. Die Fotografen Magdalena Żelasko und Gero Fischer versuchen mit visuellen und sprachlichen Mitteln auszudrücken, was es bedeutet, in Wien eine neue Heimat gefunden zu haben.

Tschechische Künstler in der Emigration

Angefangen hat es im Jahr 2008, als der Sprachwissenschaftler und Fotograf Gero Fischer den Auftrag bekam, anlässlich einer Feier zu vierzig Jahre in der Emigration Porträts von tschechischen Künstlern anzufertigen: Maler, Grafiker, Bildhauer und Keramiker wurden in ihrem Ambiente, meistens in den jeweiligen Ateliers, abgebildet.

Bereits ein Jahr später stand die Idee im Raum, über die tschechische Gemeinde hinauszugehen: "Voriges Jahr haben wir uns wieder auf der Ebene der Künstler bewegt. Wir haben Menschen abgebildet, die man in der Gesellschaft wahrnimmt, also Künstler oder Journalisten. Eine allzu kleine Schicht, wie Gero Fischer findet, denn das Ziel sei es, die soziale Breite darzustellen „Menschen abzubilden, die in vielen anderen Berufen tätig sind, das ist es, worauf wir uns im Rahmen unsere Projektes zubewegen. "Es gehe darum, der Masse der MigrantInnen ein Gesicht zu geben, und im Rahmen dieser Aufgabe gäbe es keine sozialen oder nationalen Grenzen: "Das Projekt nimmt kein Ende", gibt sich der Fischer optimistisch.

40 Jahre Unsichtbarkeit?

Auf die Frage, warum es gute 40 Jahre gebraucht habe, bis die Sichtbarkeit der MigrantInnen zu einem Desideratum wurde, antwortet Gero Fischer so: "Das ist eine gute Frage, warum es so lange gebraucht hat. Faktum ist, dass erst in der letzten Zeit der Druck auf das Fremde aus politischen und populistischen Gründen zugenommen hat. Dadurch gibt es aber auch eine stärkere Gegenbewegung, in der man viel aktiver ist. Früher waren es die Einheimischen, die auf die Zuwanderung aufmerksam gemacht haben und beispielsweise Feste organisiert haben. Jetzt ist es so, dass die Zuwanderer selbst viel aktiver sind und von öffentlichen Räumen Gebrauch machen." Eine solche Dynamik habe es früher in diesem Ausmaße nicht gegeben.

VorzeigemigrantInnen, "normale" MigrantInnen

Den Gero Fischer und Magdalena Żelasko geht es nicht darum, lediglich erfolgreiche MigrantInnen als Vorzeigebeispiele herauszupicken. Es sei aber notwendig aufzuzeigen, welche Auswirkungen Migration auf Karriereabläufe haben könne. Magdalena Zelasko: „Wir haben beispielsweise eine polnische Schauspielerin fotografiert, die in Österreich nur in ihrem eigenen Sprachkreis tätig werden konnte, weil es naheliegend war, dass sie nur von ihren Landsleuten erkannt wurde. Durch unsere Ausstellung erhielt sie eine neue Bühne, auf der sie sich vernetzen konnte, was für sie in ihrem Beruf einen Erfolg darstellte."

Die Fixierung auf erfolgreiche MigrantInnen berge jedenfalls die Gefahr, von der Ausnahme auszugehen, meint Fischer: "Bis jetzt haben wir uns bei der Auswahl unserer Modelle hauptsächlich auf Zufälle und Bekanntschaften verlassen und uns nur auf Porträts und Namen beschränkt. Wir möchten nun aber einen anderen Weg einschlagen und einen kurzen Abriss der Lebensgeschichte mitliefern." Ab Herbst möchten die beiden Fotografen, die jeweils durch ihre Väter zum Fotografieren motiviert wurden, Großfamilien zu ihren Migrationsgeschichten befragen und neben den Bildern auch ausführliche Texte liefern.

Ästhetischer und integrativer Anspruch

Magdalena Żelasko möchte mit ihren Bildern mehr als nur ästhetischen Ansprüchen genügen: „Mit Ästhetik allein unterscheiden wir uns nicht von den anderen Galerien, wo Bilder auch nur mit Datum und Name ausgestellt werden. Hauptsache, die Bilder kommen authentisch rüber, das ist uns wichtig". Zu diesem Zwecke werden die porträtieren Personen an Orten fotografiert, an denen sie sich besonders wohl fühlen, in ihrer eigenen Wohnung oder einem Wiener Kaffeehaus, auf der Hundewiese in einem Park etc. „Die Menschen sollen sich an ihren Lieblingsorten wohl fühlen, wir möchten keine gestellten Fotos herzeigen", erzählt Żelasko.

Gero Fischer bestätigt: "Gestellte Fotos sind eine ganz andere Liga, mit anderen Regeln und anderen Inhalten. Das kann man auch machen, Fotos, auf denen die Leute sich selbst kaum wiedererkennen, gepinselt und gespachtelt." Im Rahmen dieser Ausstellung soll es jedoch darum gehen, dass das Foto in einer Lebensgeschichte eingebettet ist.

Was bedeutet für mich Heimat? Was bedeutet Wien?

Um diesen Lebensgeschichten auf die Spur zu kommen, bitten die beiden Fotografen die Porträtierten, je zwei Aussagen für sich zu Ende zu führen: "Heimat bedeutet für mich... / Wien ist für mich..."
Für den in der griechischen Hauptstadt geborenen Eri Bakali ist Wien beispielsweise „mein Lebensraum, manchmal eine einseitige Liebe. Ich habe Wien sehr gerne, es würde mich freuen, wenn ich der Stadt auch nicht ganz egal wäre." Für die aus Serbien stammende Musikerin Jelena Popržan ist Wien "die Stadt, in der ich lebe, arbeite und liebe, und in der ich beschränktes Bleiberecht habe." Ganz ohne Wermutstropfen kommt der DJ und Producer Taylan Cay aus: "Wien ist für mich... die schönste und lebenswerteste Stadt der Welt. Meine Stadt."

Vernissage von Gero Fischer & Magdalena Żelasko: Neue Heimat Wien III. Porträts von ZuwandererInnen.

15.06.2011
Ausstellungseröffnung: 18:30 Uhr
Ausstellungsdauer: 15. Juni - 1. August 2011

Galerie auf der Pawlatsche
AAKH, Spitalgasse 2-4/Hof 3
c/o Institut für Slawistik
1090 Wien

 

  • Branislav Nikolić, Medienberater für audio/visuelle Kommunikation
    foto: gero fischer

    Branislav Nikolić, Medienberater für audio/visuelle Kommunikation

  • Jelena Popržan, Musikerin
    foto: magdalena żelasko

    Jelena Popržan, Musikerin

  • Magdalena Żelaskound Gero Fischer in der Galerie auf der Pawlatsche
    foto: olivera stajic

    Magdalena Żelaskound Gero Fischer in der Galerie auf der Pawlatsche

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