Dialog

"Europa muss vom hohen Ross heruntersteigen"

Walter Müller, 9. Juni 2011, 18:46

Deutscher "Thinktank"-Leiter warnt vor globaler ökonomischer Bedrohung des Kontinents

Leibnitz - Griechenland, Portugal Spanien: Die Europa durchlaufenden Finanz- und Budgetkrisen sind salopp genommen eigentlich ein Lercherl - gemessen an der globalen ökonomischen Bedrohung des Kontinent. Das sagt - sinngemäß - Meinhard Miegel. Europa werde "vom hohen Ross absteigen" müssen, da der Kontinent in den nächsten Jahren von der globalen Entwicklung eingefangen und letztlich zurückfallen werde.

Der Gesellschaftswissenschafter Miegel - einst Kompagnon des CDU-Politikers Kurt Biedenkopf und jetziger Vorstandschef einer deutschen Denkwerkstatt - blieb am Donnerstag mit seiner pessimistischen Vorschau in einer Diskussion der Reihe "Geist und Gegenwart" zum Thema "Wirtschaftsmacht Europa" im steirischen Schloss Seggau natürlich nicht unwidersprochen. Claus Raidl, Präsident der Oesterreichischen Nationalbank, hielt Miegel entgegen, dass Europa bei allen wirtschaftlichen Kennzahlen durchaus beträchtliches Potenzial besäße und global mithalten könne. Standard-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid, die die Diskussion moderierte, hakte bei Miegel nach, warum er partout die Krise in Europa kleinspiele. Nein, er orte durchaus eine Krise, aber eben nicht jene, die momentan unter der "Rettungsschirm-Debatte" laufe - sondern eine viel umfassendere, die den ganzen Kontinent betreffe. Europa verliere zusehends seine "unglaublich privilegierte Rolle", verliere an Terrain, indem andere Kontinente und Staaten dynamisch an Europa heranwachsen. Europa werde es nicht mehr schaffen, hier gegenzusteuern.

Infineon-CEO Monika Kircher-Kohl ortete ebenfalls eine ökonomische Machtverschiebung zugunsten neuer Zentren in Asien und Südamerika. Europa könne aber durch technologisches Know-how entgegenhalten. Dazu allerdings, fügte Ex-Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank, Gertrude Tumpel-Gugerell an, müsse dieses Potenzial über die Bildung angeschoben werden. Tumpel-Gugerell: "Wir müssen die Bildungsdebatte viel radikaler führen." Es gehe um die Umsetzung der Potenziale.

Hier hakte Raidl ein. Es müssten mehr nationale Kompetenzen in die EU verlagert werden - auch wenn dies den Nationalstaaten-Politikern nicht gefalle. Europa müsse endlich auf der Weltbühne als Europa auftreten. Caritas-Präsident Franz Küberl sah hinter den aktuellen Krisenerscheinungen vor allem auch das Problem "Reichtum versus Armut". Raidl nickte: "Die Verteilungsfrage wird sich verschärfen. National und international."(Walter Müller, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.6.2011)

Gramurcki
00
22.6.2011, 09:08
Die Verteilungsfrage wird sich verschärfen.

Wieviele Hackler benötigt es eigentlich, um einen Milliardär zu finanzieren?

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