"Rheingold"

Wagners Weise singe leise

Stefan Ender , 9. Juni 2011, 17:31
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    foto: david baltzer

    Die Götter müssen verrückt sein: Max Hopp, Cathleen Baumann, Yuka Yanagihara, Olivia Grigolli und Mila (v. li.). Foto: David Baltzer

David Martons Adaption von Richard Wagners "Rheingold" befreit das Werk von allem Klangrausch und berauscht gerade deshalb

Wien - Der Mensch hat die Götter, so viel dürfte mittlerweile allgemein bekannt sein, nach seinem Ebenbild geschaffen - jedenfalls der griechische, der römische und der germanische Mensch. Die zeitliche Behausung der Götter ist die Ewigkeit, jene des gemeinen Menschen der Alltag.

Gemein, also gierig nach ewiger Jugend, Geld und Macht, sind die Götter in David Martons Einrichtung von Wagners Rheingold natürlich auch, aber sie sind auch ziemlich menschlich. Jedenfalls wohnen sie so: in einem bibliophilen Wohnzimmer, einem Wallpaper-Walhall, das über einem Rohbau thront. Der Rhein: ein kleines Aquarium. Das Orchester: ein Klavier. Die Sänger: sind Schauspieler (eine Bereicherung). Oben rechts, gleich neben der Göttercouch, sitzt, werkt und wütet in einem kleinen Kabuff eine weitere Gottheit der Produktion: Christoph Homberger. Der tolle Tenor, der mit Jan Czajkowski (am kleinen Schwarzen) und Martin Schütz (Sounds) die musikalische Einrichtung verantwortet, gibt einen äußerst wagnerianisch anmutenden Bühnenweltenlenker, der die Akteure zum Leitmotiv-Zapping antreibt, gesangliche Auswüchse harsch unterbindet ("keine Arien!"), Chorproben leitet (wundervoll) oder mal selbst singt (noch viel wundervoller).

Mit, neben und unter Homberger ereignen, verwandeln, verselbständigen sich Bruchstücke der Partitur - strahlende Bläsersätze werden zu zarten Pianissimo-Chören, heldische Motive permutieren zu flokatiteppichkuscheligen Jazz-Arrangements oder werden auf ihr rhythmisches Skelett reduziert und mit Messer und Gabel auf eine Festtafel gescheppert. Hier, im Mittelteil der Inszenierung, montiert Marton Rheingold-fremde Texte in den Ablauf - wenn er etwa Wagners These der Reinheit der Kultur als eine in einem Saufgelage geborene Schnapsidee inszeniert.

Manchmal ist es lauter als bei Wagner, noch öfter aber ist es viel, viel leiser. Denn der Castorf-Adept Marton - er hat für das Burgtheater schon Peter Eszterházys Harmonia caelestis vermusiktheatralisiert - leistet bei Wagner, was Dorothys Hund Toto beim Zauberer von Oz gemacht hat: Er zieht den schweren Samtvorhang der Musiktheater-Mache weg, entzieht Wagner die Intensivierungsapparaturen des Bühnenzaubers und des Klangrausches. Überraschung: Die melodischen, harmonischen und rhythmischen Torsi faszinieren so fast noch mehr.

Wenn Wotan ("fantastisch": Max Hopp) und Fricka (darstellerisch genial, gesanglich mutiger als Erika Pluhar: Olivia Grigolli) ihre Spannungen im Götterhaushalt laienhaft singend erörtern, nimmt man ihnen diese erstmals ab. Verblüffend auch, wie sympathisch Wagners "Weltgedicht" plötzlich wirkt, wenn es a cappella gesungen oder - noch besser - volle Kanne geschrien wird (Benjamin Höppners Alberich: ein cooler Vorstadt-Ficker).

Im Ende kauern alle unter dem Klavier und singen leise, Czajkowsky klimpert Wagner, Homberger summt ihn. Und Wagner summt wahrscheinlich irgendwo lächelnd mit - nicht als Musik-Gott, sondern als alltäglicher Mensch. (Stefan Ender, DER STANDARD - Printausgabe, 10. Juni 2011)

Weitere Vorstellung: Theater Akzent, 10. Juni, 19.30 Uhr.

Zu sehen ist in David Martons "Rheingold"-Adaption auch bei den 2. KunstFestSpielen Herrenhausen in Hannover am 14. und 15. Juni.

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11 Postings
schlittschuhbasis
00
10.6.2011, 17:03
off topic off topic off topic

Hallo, Postinggemeinde,

ich suche noch ganz dringend
2 Karten für "Wüstenbuch" am 16.6.
(Donnerstag, geht leider nur an dem Tag).
Preis egal.
Hat irgendjemand 2 Karten übrig oder gute Kontakte zu Schwarzmarkthändlern? ;-)

dapostlingmasta
00
10.6.2011, 14:44
wer macht da ein rotstricherl überall? .... ????????

weil sich jemand für etwas interessiert????

Toller ABEND WARS!!!!

Ist dieser Rotstrichler etwa eine(r) von den halblautstarken Saalverlassern gestern?

Meinung kundtun wär doch was, oder?
War auffällig übrigens und nicht zu überhören/sehen, an welchen genauen Stellen die Leut gestern, aufstanden und gingen.... bei der ersten Koppulationsszene.... bei "keine Arien, bitte!".... bei der woga weia auf dem Tisch tanz Szene (die war übrigens sehr lustig)
immer wen´s nicht beim "reinen Wagner" blieb... wenn ein bißerl rumgepatzt wurde...
sollt ma gar nicht glauben dass das jemanden aufregen kann....

:-))))

Eiffel LaTour
11
10.6.2011, 11:13
Das klingt wirklich interessant

Da leider im Artikel nicht erwähnt wird, wo man das sehen kann, gehe ich nach einer Google Recherche davon aus, dass es in Dresden ist? Weiss jemand, ob es auch eine Vorstellung in Österreich gibt?

Das Vorhaben klingt gewagt, aber ist sicherlich eine interessante Interpretation, die ich gerne sehen würde.

plasticfly
01
10.6.2011, 13:58

hingehen - habe schon lange keinen so amüsanten und faszinierenden abend erlebt, jetzt kann ich mir vielleicht auch Wagner anhören

IchbinIch5
11
10.6.2011, 11:36

Als Gastspiel bei den Wiener Festwochen im Theater Akzent - Heute Abend letzte Vorstellung!

Eiffel LaTour
11
10.6.2011, 11:54

Danke für den Hinweis!

Hm... das wird knapp :-)

IchbinIch5
11
10.6.2011, 11:57

Zahlt sich aber aus, sich um Restkarten anzustellen ;-)

Léonor de Guzman
11
10.6.2011, 10:11
da freu

ich mich wohl schon auf heute abend

zweckpessimistra
10
diesseits von gut und böse (im angesicht des alltäglichen...)

marton, czajkowsky und das ensemble machten wagners musik hörbar.... auch für antiwagner freaks.... ;-)

IchbinIch5
11
10.6.2011, 00:43

Stimmt ;-)

dapostlingmasta
10
feiner kommentar

weckt neugier die wir heute abend stillen werden... ;-)

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