Demenz

Die Brücke wird schmäler und schmäler

Philip Bauer, 14. Juni 2011, 09:18
  • Artikelbild
    foto: derstandard.at/philipp bauer

Das Leben mit Demenzkranken ist eine Herausforderung - derStandard.at-Redakteur Philip Bauer erinnert sich an eine von Verlust geprägte Zeit

Ja, ich habe auf Dich getrunken. Es war Dein 97. Geburtstag, also habe ich ein Glas bestellt. Du verstehst das, warst einem feinen Tropfen nicht abgeneigt, noch lieber trankst Du einen Pfiff Bier. Ich habe nicht geraucht, wie Du es stets von mir gefordert hattest. Und das obwohl Du selbst jahrzehntelang am Nikotin hingst. In der Nacht verließt Du das Haus und gingst zur Not Kilometer, um an Zigaretten zu kommen, so erzählt es Deine Tochter, meine Mutter. Aber bei der Geburt meiner Schwester, hast Du die Zigarette von einem Tag auf den anderen zur Seite gelegt, um der Enkelkinder willen. Immer wieder hast Du mir diese Geschichte erzählt, Du wolltest Deinen Willen und Deine Liebe dokumentieren. Als es Dir allmählich schlechter ging, mahnte Deine Tochter die ihre, an Deinem Zustand seien die Zigaretten schuld. Eine 96-jährige Frau als abschreckendes Beispiel für meine rauchende Schwester, das hättest auch Du als militante Nichtraucherin ziemlich lustig gefunden.

Um unserer gemeinsamen Geschichte gerecht zu werden, stieß ich im Uni-Campus im Alten AKH auf Dich an. Während andere Kinder sich auf dem Spielplatz versammelten, waren wir beide nämlich am Weg in die dortige Augenklinik. Jeden Tag saßen wir im Warteraum der Sehschule, in einem langen, lieblosen Gang mit unglaublich vielen Holzstühlen. Die Erinnerungen an meine Kindheit in den späten Siebzigern werden von diesen Bildern geprägt. Du hast die Mühsal für ein Kleinkind erträglich gemacht, hast einen übermotivierten Jungen trotzdem bei Laune gehalten. Ich wollte die Welt aus ihren Angeln heben, stattdessen: Sehschule. Jeden Tag endlos scheinende Übungen, um die Sehkraft zu stärken. Der Löwe musste in den Käfig, aber er wollte nicht. Alles damit der Bub wieder ordentlich sehen kann, jede Geduld dieser Welt.

Auf der Suche nach dem Zuhause

Kürzlich habe ich unsere gemeinsamen Fotos studiert, vor allem jene aus den letzten Jahren. Man sieht öfters wie ich Dich zurückhalte, Du hattest keine Geduld und auch keinen Sinn mehr für Fotografen. Vielleicht wolltest Du nach Hause gehen, diesen Wunsch hast Du immer wieder geäußert. Ich hätte ihn Dir gerne erfüllt, aber Du warst zuhause. Seit rund dreißig Jahren in derselben Wohnung. Ich ließ es Dich wissen. "Ich bin doch nicht blöd", hast Du mir dann entgegen geschleudert. "Natürlich nicht" war meine Antwort, Du brachtest mich in Verlegenheit. Ich weiß, es war keine Absicht. Dein Zustand war die Folge einer Multi-Infarkt-Demenz, kleine Schlaganfälle ließen die Gehirnzellen absterben.

Auch ich arbeite an meiner Erinnerung. Habe ich die ersten Anzeichen übersehen, leichte Veränderungen in Deinem Verhalten nicht ernst genommen? Ja, ich denke so war es. Der Übergang verlief schleichend, zunächst war es nur der VHS-Videorecorder. Es hätte mich stutziger machen müssen, dass Du mich so oft um Hilfe batest. Du warst damals 86 Jahre alt und die Technik, mit der Du schon berufsbedingst nie Probleme hattest, schien Dich plötzlich zu überfordern. Unvergessliche Schimpftiraden hast Du gegen den Videorecorder, dieses "elendige Klumpert", abgefeuert. Die Einführung des Euro war Dir auch ein Dorn im Auge: der Wechselkurs, die neuen Scheine, die Münzen ließen Dich verzweifeln. Du hast die Verkäufer meist selbst das Geld aus Deiner Börse nehmen lassen, auch dieses neue Vertrauen zu fremden Menschen war Dir nicht ähnlich.

Weniger Vertrauen erweckte mein Anrufbeantworter. Zwei Dutzend Mal dieselbe aufgebrachte Frage, warum ich denn nicht abheben würde. Leider fehlte mir damals die notwendige Ruhe. Ich war 27 Jahre alt, genervt und zog den Stecker. Die Probleme konnte ich damit aber nicht aus der Welt schaffen. Wir wohnten unweit voneinander entfernt, ich traf Dich auf der Straße. Du schienst die Orientierung verloren zu haben, hast die Situation aber gekonnt überspielt. Kurz darauf hat Dich die Polizei nach Hause gebracht, Du warst eines Nachmittags verschwunden und wurdest an der Bar eines fernen Fitnesscenters aufgegabelt. Als die Polizei Dich nach Hause bringen wollte und sich nach Deiner Adresse erkundigte, hast Du nur gemeint: "Jetzt stellen Sie sich nicht so blöd, Herr Inspektor."

Ein Lernprozess für alle

Es kam die Zeit, als Du jeden Deiner Mitmenschen herzhaft "Schatzi" nanntest. Dies barg freilich den Vorteil, dass Du Deine Tochter nicht mehr von der Gemüsehändlerin unterscheiden musstest. Ob nun ich oder der Installateur den Raum betrat, die Formalitäten glichen sich an. Der Verlust aller abstrakten Gedanken ließ Dich regelrecht aufblühen. Das ständige Hadern mit dem Tod und die damit einhergehende Angst waren mit einem Schlag verschwunden. Ebenso Deine Selbstständigkeit, man konnte Dich nicht mehr Dir selbst überlassen. Auf Deine alten Tage konntest Du so wenigstens noch ein paar Wörter slowakisch lernen.

Der Umgang mit Deiner Krankheit war für Deine Familie ein Lernprozess. Instinktiv beachtet man bereits nach den ersten Erfahrungen die von Experten vorgegebenen Regeln: Überfordern Sie den Patienten nicht. Kein Problem! Bewahren Sie den Respekt vor dem Kranken. Natürlich! Behalten Sie Ihren Humor. Gerne doch! Versuchen Sie ruhig und geduldig zu bleiben. Ich versuche es! Und zuletzt noch ein wichtiger Tipp: Sprechen Sie möglichst in kurzen Sätzen und unterstreichen Sie das Gesagte mit Mimik, Gesten und Berührungen.

Eine nahezu unverwüstliche Kraft

Eben diese Berührungen wurden immer wichtiger. Mit welcher Vehemenz Du meine Hand hieltst, ließ mich die Zuneigung längst vergangener Tage spüren. Nein, die Umstände haben uns nicht entzweit. Ich fühlte mich in meine Kindheit zurückversetzt. Weil wir uns wieder die Hände hielten, weil der Generationskonflikt, der mich lange von Dir entfernt hatte, keine Rolle mehr spielte. "Da mein Vater nicht mehr über die Brücke in meine Welt gelangen kann, muss ich hinüber zu ihm", schreibt Arno Geiger in seinem Buch "Der alte König in seinem Exil". Aber unsere Brücke wurde schmäler und schmäler. Oft kam mir der Gedanke, es könne nun nicht mehr schlimmer kommen. Es war jedes Mal ein Irrtum. Du verlorst nicht nur Deine Logik, Dein Gedächtnis, Dein Wissen, Deine Erfahrungen sondern nach und nach auch Deine Motorik und Deine Sprache. Selbst von den wenigen Wortfetzen blieb nichts mehr übrig.

Und trotz aller Widrigkeiten sah ich in Dir eine nahezu unverwüstliche Kraft. Wie oft warst Du im Spital? Und wie oft haben Dich die Ärzte abgeschrieben? Immer wieder hast Du sie eines Besseren belehrt, immer wieder. Aber irgendwann musste einer Recht behalten. Ich saß an Deinem Bett und strich durch Deine Haare, als Dein Atem flacher wurde. Dein Leben war so viel mehr als diese letzten Jahre. Du bleibst bei mir. (Philip Bauer; derStandard.at; 14. Juni 2011)


Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 63
1 2
Emil Zatopek
00

danke für diesen aussergewöhnlich schönen beitrag!

Angelika70
00
21.6.2011, 14:44

Danke!

Uschile
00
16.6.2011, 12:45

danke!

rosentod
21
16.6.2011, 01:16

Danke für diesen berührenden und - in diesem Kontext sehr selten! - völlig religionsbefreiten Text.

Billy21
00
18.6.2011, 10:28
Rosentod

Schliesse mich diesen Worten an.

Dr. 2Much
01
15.6.2011, 14:37
Dein Leben war so viel mehr als diese letzten Jahre.

Genau darauf kommt es an. Schön, wenn man eine Oma hat, auf die man trinken kann - meine waren, leider, beide für die Katz'! (Würde ich da das Glas erheben, ich würde mich verschlucken. Aber dafür hatte ich mit meinen Eltern Glück, das kann auch nicht jeder behaupten.)

Sie sollten ein neues Genre aufmachen, Herr Bauer, denn Sie schreiben sehr lesenswert über Krankheiten! Wahrscheinlich, weil Sie diesbezüglich nicht neutral sind.

think think
04
15.6.2011, 06:43
Wie Wahr...

Meine Erfahrungen mit meiner 94 jaehrigen Mutter deren Bruecke jetzt so schmall wurde ,dass sie mich als ihren Sohn nicht mehr erkennt..decken sich voll mit diesem wunderbaren Artikel.
Trotzdem,oder gerade deswegen ist meine Beziehung zu meiner, von meiner Frau und mir Zuhause gepflegten Mutter, tiefer als in meinen jungen Jahren.

Wuensche allen Betroffenen viel Kraft und Liebe fuer diesen schweren Lebensabschnitt.

xxx...yyy...
01
15.6.2011, 04:45
ein netter artikel

ein wenig zu *tränendrüsendrück* für meinen geschmack - ich habe so etwas auch miterleben dürfen (müssen) mit meiner uroma nach dem zweiten schlaganfall und ihr drei lange jahre beim dahinsiechen zuschauen dürfen (da in häuslicher pflege). grausam. für alle beteiligten.

ich habe für mich beschlossen - sofern ich nicht durch einen schlaganfall plötzlich "weg" bin - alles zu tun, um meiner familie und mir selber, solches zu ersparen.

denn das habe ich und haben v.a. meine angehörigen nicht verdient.

Yilmaz Gülüm
04
14.6.2011, 23:16
Oft kam mir der Gedanke, es könne nun nicht mehr schlimmer kommen. Es war jedes Mal ein Irrtum.

Trifft es ziemlich genau! Wirklich berührender Text, danke

Ohne Ende
01
14.6.2011, 22:37
Der arme Löwe

ich wollte nicht dass er in den Käfig muss. Da verlor die Schwester den letzten Rest ihrer geringen Gutmütigkeit... (Hanusch-Spital 1978)

...danke für diese Zeilen, dass man immer weinen muss wenn so ein altes kleines Kind einen verlässt. Würden sie alt und grantig wärs leichter...

lady jane
00
14.6.2011, 21:38

schön.
traurig.
bewegend.

yourworstnightmare
00
14.6.2011, 21:18

Der gute alte "Pfiff Bier"... Eine liebevolle Erinnerung an die alten Damen meiner eigenen Kindheit.

vanadium
00
14.6.2011, 21:05
Wunderschön.

Vielen Dank

Delilah
04
14.6.2011, 21:03
Großes Lob!

Ich habe seit über 10 Jahren keinen Kontakt mehr zu meiner Oma. Ständig sagt man sich "Irgendwann fahrst hin. Irgendwann klärst du das und dann passt's wieder. Irgendwann demnächst...". Habe dann vor kurzem erfahren, dass sie mittlerweile schwer dement ist und niemanden mehr erkennt. Ich habe zu lange gewartet, nun ist es zu spät und ich bereue es schrecklich! Danke, für diesen tollen, ehrlichen Artikel. Ich kann mit Worten gar nicht beschreiben, was er in mir ausgelöst hat.

sonja1978
11
14.6.2011, 19:57

konnte den artikel in der firma nicht fertig lesen - wer will schon den kollegen mit roten augen gegenüberstehen... wie erklären? wegen einem artikel? geh bitte...
jetzt zu hause fertig gelesen. wer kennt nicht jemanden, bei dem es ähnlich war? jeder hat irgendjemanden einmal so gerne gehabt und doch nur mehr in gedanken die vergangenen jahre besprechen können.
danke für die offenen worte.

Anita Zielina
13
14.6.2011, 19:15
Danke

...für diesen wirklich besonderen Text. Kommt selten vor, dass ich bei Texten Tränen in den Augen habe, hier war es so - hat mich an selber erlebtes erinnert...
Danke Philipp!

baroli
11
14.6.2011, 18:48

Ein schöner, ehrlicher, menschlicher Artikel.
Ich bedanke mich.

schottseitnkind
01
14.6.2011, 17:56
RESPEKT HERR BAUER

Mayte
01
14.6.2011, 17:55
Danke!

Auch ich habe eine Oma, die an Demenz erkrankt ist. Ich gehe sie fast täglich besuchen. Sie weiß weder, dass ich ihre Enkelin bin, noch wie ich heiße. Natürlich tut es weh Abschied zu nehmen - täglich. Aber sie lächelt mich noch an, ich muss mit ihr Grimassen schneiden und wir lachen auch miteinander. Dass sie mal eine starke Frau war, weiß sie heute nicht mehr. Sie ist glücklich, wenn man ihre Hand hält. Sie redet nicht mehr viel, beobachtet die anderen.
Es ist halt ein Abschied unter Lebenden. Aber, ich weiß wie sie mal war, und so behalte ich sie auch in Erinnerung ...

Florian Niederndorfer
02
14.6.2011, 16:59
Große, nahegehende, eindrucksvolle Geschichte

Danke dafür!

Totaler Durchblicksstrudel
00
14.6.2011, 16:23

Meine Oma ist 93 und ... :((

hec1
08
14.6.2011, 16:02
Sehr einfülsamer Bericht

Ich gebe es zu, mir kamen die Tränen als ich diesen
ausdrucksvollen, einfühlsamen Bericht gelesen habe.
Eine Wohltat dies in einer Tageszeitung lesen zu können.
danke...

jaeh74
04
14.6.2011, 15:39
Es gibt sie doch noch, die Artikel

mit Gefühl, Respekt und voll menschlicher Liebe. So traurig er ist, so toll ist er doch in Worte verpackt. Ich verneige mich, danke auch dem Standard !

andrea v
03
14.6.2011, 15:37
Danke!

christine schatz
03
14.6.2011, 15:37
schön

ein sehr feiner und schöner text. danke philip!

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 63
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.