"Der Bezug zur Saison ist fast nicht mehr da"

9. Juni 2011, 12:40
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Der Spagat im Bio-Fachgeschäft zwischen Vollsortiment und Regionalität

Wien - Im Bioladen in Wien-Mauer geht es wie immer gemächlich und entspannt zu. Von der Lebensmittelkrise ist hier kaum etwas zu bemerken - höchstens ein Kunde, der scherzt: "Ich nehm noch zwei Killer-Gurken."

Eines hat sich allerdings schon geändert: Die Kundschaft schaut nun genauer hin, woher das Obst und das Gemüse eigentlich kommt. "Derzeit ist einfach keine Äpfel-Saison", erläutert Esche Schörghofer, der den Bioladen "aus gutem grund" betreibt. "Trotzdem fragen die Leute schon im März: Gibt's frische Äpfel?" Die gibt's - aber die kommen derzeit aus Argentinien, die Zwiebel aus Ägypten, die Paprika aus Israel.

"Das ist das Problem in Österreich", lächelt Schörghofer. "Im Winter wollen alle Schnee, damit der Skitourismus funktioniert - und frische Gurken und Paradeiser auf dem Tisch. Und wenn dann die heimische Ware kommt - sind alle im Süden auf Urlaub." Am 7. Juni hat Schörghofer die ersten Biogurken aus Österreich eingeschlichtet. Davor waren dort Feldgurken aus Italien.

Die Menschen seien es eben gewohnt, "immer alles aus aller Welt auf dem Tisch zu haben. Der Bezug zur Saison ist fast nicht mehr da. Aber jetzt, wo man draufkommt, dass es Biogurken aus Spanien gibt, werden wir Greißler in die Auslage gestellt, als hätten wir die Globalisierung erfunden." Dabei ist kaum jemand bewusst, dass etwa die Erdbeersaison in einer Region nur zweieinhalb Wochen dauert. "Jetzt heißt es, man darf kein Gemüse aus dem Ausland kaufen - aber gleichzeitig verkauft der Landwirtschaftsbetrieb der Stadt Wien seine Erdäpfel nach England."

Heimische Glashaus-Gurken

Gleichzeitig müsse man schon die Frage stellen: Was ist nachhaltiger? Die Gurken aus dem österreichischen geheizten Glashaus - oder die italienische Feldgurke? Wie die Bilanz ausfällt, ist keine Frage - da die durch den Verkehr produzierten CO2-Emissionen in der gesamten Produktions-, Transport- und Lagerkette lediglich fünf Prozent ausmachen.

"Unser oberstes Prinzip ist daher die Qualität", betont Schörghofer. Die eine Seite ist, dass er wenn möglich grundsätzlich Demeter-Produkte anbietet. Die andere Seite ist: "Im Winter gibt es bei uns halt keine Erdbeeren aus Spanien, Trauben aus Südafrika. Und keine Tomaten, weil im Winter die Qualität nicht passt. Höchstens ein paar Cherry-Tomaten, damit das Rotbedürfnis in der Küche befriedigt wird."

Bei einem Geschäft mit Vollsortiment und 2000 Produkten gibt es daher nur eine mögliche Strategie: Bezug aus dem Bio-Großhandel - und dazu das Angebot lokaler, saisonaler Spezialitäten. "Anders kann kein Bioladen überleben." Da gibt es etwa aktuell die österreichischen Mairüben, "die eh keiner kennt", weiß Schörghofer.

"Im Grunde muss jeder Kunde selbst entscheiden, was ess ich und was kauf ich ein." Und das bedarf viel Aufklärung und kann nicht von einem Tag auf den anderen umgestellt werden. "Ich persönlich mag im Winter überhaupt keine Gurken. Die sind zu kalt, die wirken ja sehr kühlend. Im Winter ess ich lieber Kraut- oder Erdäpfelsalat."

Schörghofer grübelt schon lange darüber nach, warum gerade beim Essen die Regionalität so hochgehalten wird. "Das Gemüse muss am besten aus dem Garten vom Nachbarn sein. Aber bei allen anderen Sachen ist uns das vollkommen egal - beim Handy, in dem 60 Metalle stecken, bei der Kleidung aus Fernost, da ist uns das vollkommen wurst."(Roman David-Freihsl, DER STANDARD; Printausgabe, 9.6.2011)

  • Esche Schörghofer kombiniert Bio-Großhandel mit lokalen, saisonalen Spezialitäten.
    foto: david

    Esche Schörghofer kombiniert Bio-Großhandel mit lokalen, saisonalen Spezialitäten.

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