Deutsche Wirtschaft ver­liert 2012 spürbar an Fahrt

9. Juni 2011, 12:15
4 Postings

Der Aufschwung setzt sich zwar fort, weist aber deutliche Bremsspuren auf, größtes Risiko ist die Schuldenkrise

Berlin - Der deutsche Aufschwung verliert im kommenden Jahr nach Einschätzung des Instituts für Weltwirtschaft Kiel (IfW) deutlich an Kraft. Das Bruttoinlandsprodukt werde 2012 lediglich noch um 1,6 Prozent zulegen, nach plus 3,6 Prozent in diesem Jahr, teilte das IfW mit. Der Aufschwung dürfte sich fortsetzen, "wenn auch in deutlich langsameren Tempo". Größtes Risiko sei die immer noch nicht gelöste Schuldenkrise in der Eurozone: Sollte ein Land faktisch insolvent werden, würde das wohl zu Turbulenzen an den Finanzmärkten führen, wodurch auch der Konjunkturverlauf in Deutschland beeinträchtigt werde.

Die Experten sind mit ihrer Prognose für das laufende Jahr optimistischer als noch im Frühjahr. Begünstigt werde die Konjunktur durch niedrige Leitzinsen in der Eurozone, welche die Binnenkonjunktur stimulierten. "Zwar trägt der Außenbeitrag noch gut ein Viertel zur Expansion im Gesamtjahr 2011 bei, ab der Jahresmitte ist jedoch mit einer Schubumkehr zu rechnen", schrieben die Experten. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte ihren Leitzins im April zum ersten Mal seit knapp drei Jahren angehoben. Experten rechnen für Juli mit einer weiteren Anhebung auf dann 1,5 Prozent. Gemessen an der konjunkturellen Entwicklung in Deutschland bleibe der Zinssatz damit aber wohl noch auf längere Zeit niedrig.

Privater Konsum steigt

So dürfte der private Konsum in diesem Jahr um 1,7 Prozent zulegen und damit so stark wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr. Auch für kommendes Jahr zeigten sich die Forscher optimistisch. Dabei stütze die weiter gute Entwicklung am Arbeitsmarkt die Kauflaune der Verbraucher. "Mit Arbeitslosenquoten von 7,0 Prozent in diesem und 6,4 Prozent im nächsten Jahr bleibt Deutschland auf dem Weg zur Vollbeschäftigung", schrieben die Experten. Entspannung sei auch bei der Inflation in Sicht: So dürften die Preise 2012 nur noch um 2,1 Prozent zulegen, nach 2,4 Prozent in diesem Jahr. Allerdings kämen die Preistreiber zunehmend aus dem Inland, nachdem in diesem Jahr noch der steigende Ölpreis wichtigster Grund für die anziehende Inflation sei: Immer mehr Unternehmen könnten Preiserhöhungen durchsetzen, die Löhne stiegen wieder stärker.

Die Exporte dürften dagegen an Fahrt verlieren. Der Außenhandel dämpfe im kommenden Jahr die Wirtschaft sogar. Wichtigster Grund dafür sei, dass die Importe deutlich stärker zulegten als die Ausfuhren. Vor allem Vorleistungsgüter seien in Deutschland gefragt, etwa Baustoffe. Auch Investitionsgüter wie Fahrzeuge und Maschinen würden vermehrt eingeführt. Für kommendes Jahr erwarten die Forscher einen Anstieg der Einfuhren um 7,9 Prozent, nach 7,6 Prozent. Profitieren davon dürften vor allem Unternehmen in anderen Euro-Ländern, schrieben die Experten. (APA/Reuters)

  • Die deutsche Wirtschaft wird sich im kommenden Jahr einbremsen.
    foto: standard/heribert corn

    Die deutsche Wirtschaft wird sich im kommenden Jahr einbremsen.

Share if you care.