Weiße Straßenbahnen, schwarze Steine, ausgestopfte Tauben

9. Juni 2011, 11:04
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Der Wiener Regisseur Robert Quitta über das 18. Internationale Theaterfestival in Hermannstadt

Überall würde man das drittgrößte Theaterfestival Europas vermuten – außer in einer rumänischen Provinzstadt. Aber das Festivalul International de Teatru de la Sibiu hat sich von seinen bescheidenen Anfängen (mit drei Aufführungen im Jahr 1993) mittlerweile zu einem regelrechten Groß-Event entwickelt: bei der (soeben zuende gegangenen) 18.Ausgabe fanden in zehn Tagen nicht weniger als 350 Veranstaltungen mit Teilnehmern aus 70 Ländern an 66 verschiedenen Spielorten statt. Mehr los ist nur in Avignon und Edinburgh.

Einen Löwenanteil daran hatten naturgemäß die "einheimischen" Produktionen, besonders die des mitorganisierenden Radu Stanca Nationaltheaters. Gleich vier Inszenierungen des rumänischen Grossmeisters Silviu Purcarete (Faust, Lulu, Metamorphosen, Carnival), drei von Gavriil Pinte, etc.

Am interessantesten davon vielleicht Pintes Projekt zum 100. Geburtstag des "Nihilisten des Jahrhunderts", Emil Cioran, bei dem auserwählte Zuschauer in einer weißlackierten Straßenbahn vom Hermannstädter Friedhof zu Ciorans Kindheitsparadies Rasinari gefahren wurden – und wieder zurück. Zwei Stunden hautnahe Begegnungen mit der verzweifelten Welt des Oberpessimisten und -skeptikers. Ohne Möglichkeiten zur Flucht. Störend dabei nur der (wie bei fast allen rumänischen Regisseuren, ob Purcarete oder Serban) etwas zu ausgeprägte Hang zum symbolisch-poetischen Expressionismus (ausgestopfte Tauben!). Als ästhetischer Widerstand gegen die Ceausescu-Ära mag das ja verständlich gewesen sein, aber mittlerweile wirkt dieser spätsurrealistische Quasi-Einheitsstil doch eher passé.

Eine politische Meisterleistung des Festivals an sich die gleichzeitige Anwesenheit von Gruppen aus Israel, dem Iran und den Vereinigten arabischen Emiraten. Die Israelis präsentierten eine Art Tanzmusiktheaterkabarett auf fellineske Art, die Iraner hingegen eine formal äusserst strenge Hiroshima-Meditation. Wobei man sich angesichts der Themenwahl schon fragen durfte, ob es als reines Amerika-Bashing gemeint war, oder ob sich hinter dem vordergründingen Amerika-Bashing nicht vielleicht doch versteckte Kritik an der Atompolitik der iranischen Regierung verbarg.

Jeglichen rezensorischen Kriterien im engeren Sinne entzog sich das Gastspiel aus dem Emirat Sharjah mit dem Stück "Der schwarze Stein", eigenhändig verfasst von Seiner Hoheit, dem Scheich Dr.Sultan bin Mohammed Al Qasimi. Eine wüste Mischung aus naivem Märchen, Historiendrama, Laientheater, farbenprächtigen Kostümen, kitschigen Dekorationen, High-Tech-Beschallung, Discobeleuchtung, Menschheitspathos und Pradler Ritterspielen.

Da trotz größten Aufwands gerade an einer Übertitelung gespart wurde, war nur schwer zuerkennen, worum es eigentlich ging. Es dürfte sich aber um einen innermoslemischen Bruderkrieg gehandelt haben (mit aktuellen Bezügen), wobei dem Schwarzen Stein ungefähr die Rolle des Ringes der Nibelungen zukam (allerdings sah er letztlich eher braun aus-und schien aus Holz zu sein).

Bös sein konnte man dem enthusiastischen Ensemble aus der Golfregion allerdings nicht, schon gar nicht, als bei noch offenem Vorhang der verbleibende Rest der 85-köpfigen Delegation auf die Bühne stürmte, sich alle gratulierten und abbusselten und anschließend einen ihnen überreichten mickrigen Blumenstrauss voller Inbrunst ansangen und im Triumph wie den World Cup von dannen trugen ... Szenen aus einer anderen Welt.

Aber Szenen wie diese sind es auch, die dieses brutal globale Happening so liebenswert machen, und die man bei wenigen anderen Veranstaltungen sieht.

Festivalgründer, -direktor, Big Boss und Oberzampano Constantin Chiriac (der auch der Mastermind hinter der erfolgreichen Bewerbung Sibius zur Kulturhauptstadt 2007 war), denkt jedenfalls schon weiter.

2012 soll zusätzlich zum Festival auch noch Europas höchstdotierter Theaterpreis PREMIO EUROPA (ging heuer in Sankt Petersburg an Peter Stein) hier verliehen werden. Und innerhalb der nächsten sieben Jahre will er auch noch die von Ceausescu ("hat Hermannstadt gehasst") in die Luft gesprengte altösterreichische Kaserne wieder aufbauen und darin dreu Theatersäle und ein Kongresszentrum unterbringen.

Klingt größenwahnsinnig, aber so klangen seine Projekte des Festivals und der Kulturhauptstadt 1993 schließlich auch. Und wer keine Visionen hat, braucht einen Arzt. (Robert Quitta, derStandard.at, 9. Juni 2011)

  • Bei Gavriil Pintes Projekt zum 100. Geburtstag von Emil Cioran wurden ...
    foto: sibfest

    Bei Gavriil Pintes Projekt zum 100. Geburtstag von Emil Cioran wurden ...

  • ... auserwählte Zuschauer in einer weißlackierten Straßenbahn vom Hermannstädter Friedhof zu Ciorans Kindheitsparadies Rasinari gefahren - und wieder zurück.
    foto: sibfest

    ... auserwählte Zuschauer in einer weißlackierten Straßenbahn vom Hermannstädter Friedhof zu Ciorans Kindheitsparadies Rasinari gefahren - und wieder zurück.

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    Die Iraner präsentierten eine formal äusserst strenge Hiroshima-Meditation.

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