Ziffernnoten sind ein "Hemmschuh", meint Bildungssprecher Walser - Er setzt auf Kompetenz statt Faktenwissen
Wie so vieles im österreichischen Schulsystem stammen auch die Ziffernnoten aus dem 19. Jahrhundert. Die Grünen haben sich schon öfter gegen dieses System der Leistungsbeurteilung ausgesprochen. Nun fordern sie in einem Entschließungsantrag die "weitesgehende Abschaffung der Ziffernnoten, jedenfalls an den Volksschulen". Stattdessen sollen die Leistungen von Schülern mit anderen Methoden, wie beispielweise Pensenbüchern, in die Lernfortschritte eingetragen werden, und lernzielorientierter Beurteilung überprüft werden.
ÖVP will Noten beibehalten
Bisher werden die Leistungen von Schülern mit Prüfungen und Tests, die benotet werden, bewertet. Die ÖVP hat in ihrem Bildungskonzept klargestellt, dass sie an den Noten festhalten will. In alternativpädagogischen Schulen wie der Montessori-Schule oder den Waldorfschulen werden Leistungen anders beurteilt. Auch in Finnland und Schweden, die bekanntlich bei der PISA-Studie sehr gut abgeschnitten haben, gibt es keine Ziffernnoten. Die Bildungsreform von Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ), sieht Bildungsstandards vor - hier wird festgehalten, welche Kompetenzen Schüler ab einer bestimmten Schulstufe können müssen. Diesen Weg wollen die Grünen nun auch im Schulalltag gehen.
Sein Idealbild der Leistungsbeurteilung und -feststellung zeichnete Harald Walser, Bildungssprecher der Grünen bei einem Hintergrundgespräch. Gemeinsam mit Angela Schulster von der Universität Klagenfurt, die beim Projekt IMST (Innovationen machen Schulen Top) Leiterin der Themas "Prüfungskultur" ist.
Ziffernnote "fataler Hemmschuh"
"Die Ziffernnote ist vor allem in der Volksschule ein fataler Hemmschuh", erklärt Walser. Sie entscheide darüber, ob ein Kind ins Gymnasium oder in der Hauptschule komme. Dabei würden Noten "wenig bis nichts über die Leistung" der Schüler aussagen, so der Grüne Bildungssprecher. Noten würden bei vielen jungen Menschen vor allem Blockaden schaffen. "Wir wollen Neugierde wecken, keine Panik bis zur nächsten Schularbeit", sagt der ehemalige Schuldirektor eines Gymnasiums.
Mehr Transparenz
Die Grünen forden deshalb in ihrem Entschließungsantrag, dass es den Schulen einfacher gemacht wird, Leistungen von Schülern anders als mit Ziffern zu bewerten. Demnach soll der Lehrer am Anfang des Schuljahres seinen Schülern klar machen, welche Kompetenzen sie sich im Lauf der folgenden Semester erwerben sollen. Dies würde mehr Transparenz schaffen, so Walser. In Pensenbüchern, sollen Lehrer den Lernfortschritt von Kindern vermerken, was dem Bildungssprecher zu Folge zu mehr Motivation führen würde.
Kommission statt Lehrer
Am wichtigsten ist für Walser die Rückmeldung ans System. Eine unabhängige Kommission soll ein bis zwei Mal jährlich die Kompetenzen der Schüler erfassen, damit Lehrer, Direktoren und das Unterrichtsministerium wissen, wo es Probleme gibt und was die Schüler noch lernen müssen. Dieses System würde dazu führen, dass "die Lehrer mit den Schülern in einem Boot sitzen", so Walser. Damit hätten sie nicht mehr die Aufgabe eines Richters, sondern eines Coaches.
Mit den Bildungsstandards, die Ministerin Claudia Schmied (SPÖ) bis 2012 einführen will, wird dieser Weg bereits gegangen. In der Leistungsbeurteilungsverordnung, in der die Lehrer erfahren, wie sie die Leistungen von Schülern anhand von Noten beurteilen sollen, schlägt sich diese Kehrtwende weg von der Überprüfung von Faktenwissen in Richtung Kompetenzorientierung allerdings noch nicht zu Buche. Genau das fordern nur die Grünen in ihrem Entschließungsantrag.
Warum aus ihrer Sicht eine Kompetenzüberprüfung besser als Noten ist, erklärt Angela Schuster von der Universität Klagenfurt so: "In Mathematik müssen die Schüler bei jeder Schularbeit die Hälfte der Punkte erreichen, um ein 'Genügend' zu bekommen. Das kann aber heißen, dass ein Schüler nie die Wahrscheinlichkeitsrechnung gekonnt hat".
Walser: "Ich bin Vertreter des Leistungsprinzips"
Was entgegnet Walser nun jenen, die Noten befürworten, da sie Schüler zu Leistungen anspornen? "Eine Note ist keine Leistungsbeurteilung, Noten sind eben nicht vergleichbar", sagt der Bildungssprecher. Eine Arbeit eines Schülers würde von unterschiedlichen Lehrpersonen mit "Sehr gut" oder "Ungenügend" beurteilt. "Ich sage: Die ÖVP verhindert Leistung und ich bin der Vertreter des Leistungsprinzps", so Walser. (lis, derStandard.at, 9.6.2011)