Wiener Wissenschafter und ihre schlechten Englisch-Kenntnisse

9. Juni 2011, 13:01
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Wie kann man Wien als Forschungsstandort attraktiver machen? Uni-Beauftragter Alexander Van der Bellen startete Diskussionsprozess

In seiner neuen Rolle als Uni-Beauftragter der Stadt Wien hat der ehemalige Vorsitzende der Grünen, Alexander Van der Bellen, ein Ziel: Er will die Bundeshauptstadt als Forschungsstandort attraktiver machen. Forscher aus der ganzen Welt sollen nach Wien kommen und eine Internationalisierung herbeiführen. 

Am Mittwochabend lud er prominente Gäste in die Urania, mit denen er über Voraussetzungen und Aufholbedarf in Sachen Forschen in der Stadt diskutierte: Sabine Seidler, designierte Rektorin der Technischen Universität Wien, Thomas A. Henzinger, Präsident des Institute of Science and Technology (IST) Austria und Ranko Markovic, Künstlerischer Leiter der Konservatorium Wien Privatuniversität.

Bereits vor wenigen Wochen hatte Van der Bellen im Interview mit derStandard.at die These aufgestellt, dass Forscher aus dem Ausland sich möglicherweise in Österreich aufgrund des Alltagsfaschismus nicht wohl fühlen könnten. "Was ist mit einem indischen Forscher, der einen Turban trägt und in Wien Straßenbahn fährt? Man muss das offen aussprechen. Wir haben Probleme mit dem Alltagsfaschismus. Beeinträchtigt das nicht auf die Dauer den Forschungsstandort Wien und damit die wirtschaftlichen Perspektiven?"

Die Aussage wiederholte Van der Bellen an diesem Abend und erntete - wenn auch in abgeschwächter Form - Zustimmung von den Podiumsgästen.

"Kluge Köpfe mit klugen Köpfen wechselwirken"

So berichtete etwa Sabine Seidler von der TU Wien von bürokratischen Hürden; wenn es etwa darum geht, dass nicht-deutschsprachige Forscher ihr Visum oder auch nur eine Kreditkarte beantragen wollen. Sie verlangte aber in erster Linie, dass die Stadt Maßnahmen entwickelt, um die Forscher in Wien untereinander besser zu vernetzen - auch über die Fachgrenzen hinaus. Forschung funktioniere dann, wenn "kluge Köpfe mit klugen Köpfen wechselwirken können."

Thomas Henzinger meinte, dass Wien als Forschungsstandort "unheimlich attraktiv", das aber gar nicht wichtig sei. Viel entscheidender sei die wissenschaftliche Qualität, die in den einzelnen Einrichtungen geboten werde. Etwa die Fokussierung auf die Spitzenforschung oder flache Strukturen wie am IST, die das Arbeiten erleichtern.

"Menschen mit Visionen eine Chance geben"

In Ranko Markovic' Einrichtung, der privaten Kunstuni der Stadt Wien, sind 60 bis 65 Prozent aller Studierenden Nicht-Österreicher. Ähnlich verhält es sich beim Lehrpersonal. Seiner Meinung nach müssen die Forschungseinrichtungen Signale an die Forscher senden, "dass sie hier gewollt werden". Man müsse ihnen das Gefühl geben, "dass Menschen mit Visionen eine Chance haben". Das sei auch Aufgabe der Marketingabteilungen der Universitäten.

Schlechtes "English-Knowledge"

Doch woran liegt es nun, dass Österreich in Sachen Forschung und Entwicklung im internationalen Vergleich nachhinkt? Im Publikum wurde von mehren Seiten der Verdacht geäußert, dass die Englisch-Kenntnisse der Wissenschafter oft nicht ausreichen und, dass das zu Problemen führt. "Das English-Knowledge" ist extrem schlecht, meinte eine Vertreterin der Meduni Wien. Bei internationalen Konferenzen werde gestottert, sagte ein anderer. Die schulische Ausbildung müsse verbessert werden.

Zustimmung gab es in dieser Frage auch seitens des Podiums. Die Wichtigkeit von Englisch als Fachsprache - auch was die Anwendung schon bei den Abschlussarbeiten betrifft - wurde unterstrichen. Wobei Markovic entgegenhielt: "Bei uns ist die Regel so, dass es egal ist, in welcher Sprache die Abschlussarbeit verfasst wird. Hauptsache derjenige, der sie zu benoten hat, versteht, was geschrieben wurde." (rwh, derStandard.at, 9.6.2011)

  • Alexander Van der Bellen: Für Visa-Erleichterungen für Spitzenforscher.
    foto: ichmachpolitik.at

    Alexander Van der Bellen: Für Visa-Erleichterungen für Spitzenforscher.

  • Der Uni-Beauftragte der Stadt Wien diskutierte unter der Leitung von der ehemaligen ÖH-Chefin Barbara Blaha mit: Sabine Seidler (TU Wien), 
Thomas A. Henzinger 
(IST) und Ranko Markovic, Künstlerischer Leiter der 
Konservatorium Wien Privatuniversität.
    foto: ichmachpolitik.at

    Der Uni-Beauftragte der Stadt Wien diskutierte unter der Leitung von der ehemaligen ÖH-Chefin Barbara Blaha mit: Sabine Seidler (TU Wien), Thomas A. Henzinger (IST) und Ranko Markovic, Künstlerischer Leiter der Konservatorium Wien Privatuniversität.

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