Kleine Freiheit

12. Juni 2011, 15:04
3 Postings

Hier wird man auch ohne Bootsführerschein Kapitän: auf den flämischen Kanälen im Hinterland der belgischen Nordseeküste

Ein einsamer Feldweg führt ans Ufer des Nieuwpoort-Duinkerke-Kanals bei De Panne. Heruntergedrücktes Gras in zwei parallelen Spuren beweist, dass hier mal jemand versuchsweise mit dem Auto zwischen den Disteln bis auf ein paar Meter an die Böschung herangefahren ist. Ein paar Wochen mag das her sein. In der Mitte der Spur, die sich die Natur gerade zurück holt, steht jetzt ein kleiner Grill mit vier Scheiben Fleisch und ein paar Würste. Autos gibt es diesen Abend nicht im flachen, weiten, grünen Land. Nur zwei Pferde verschwinden weit in der Ferne plötzlich hinter dem Horizont: Abendessen am Ufer, Stopp für eine Nacht in der Weite Flanderns - kein Steg, keine Poller weit und breit im Hinterland der belgischen Nordseeküste.

Seit ein paar Minuten stecken zwei vierzig Zentimeter lange Metallpflöcke zwischen den Pusteblumen im Boden. Mit dem Hammer hat sie ein Urlaubs-Matrose gerade in die Böschung geschlagen, um das Hausboot daran fest zu machen. Zwei Reiher spähen nun aus sicherem Abstand beim Grillen zu. Später schaut ein freundlich wedelnder Hund vorbei und fragt mit Blicken, ob ihn nicht womöglich jemand auf einen Knochen einladen mag. Sterne klettern an den Himmel und irgendwann holt an Bord einer die Gitarre heraus, hockt sich im Schneidersitz aufs Vorschiff und schmettert "I am sailing" - für die Kraniche und die Sterne. Am Ende bellt der Hund vom Pusteblumenufer aus irgendetwas auf Flämisch, was wahrscheinlich "Zugabe" heißt. Oder "endlich einen Knochen her!"

Belgiens Wasserstraßen sind für Hausboot-Urlauber noch ein Geheimtipp. So richtig scheint sich noch nicht herumgesprochen zu haben, dass auf vielen Gewässern Flanderns für Freizeit-Skipper kein Bootsführerschein mehr erforderlich ist. Anders als etwa auf den holländischen Kanälen ist noch vergleichsweise wenig los. Landratten können unbedrängt einen ersten Versuch als Kapitän auf Zeit wagen und sich ein Hausboot leihen. Nach einer kurzen Einweisungsfahrt sind sie auf sich gestellt, können vom Steuerstand unter Deck oder vom Freideck aus lenken, mit demselben Hebel Gas geben oder das Tempo drosseln, mit dem Rückwärtsgang bremsen.

Frühnebel hängt am nächsten Morgen geisterhaft über dem Schiff. Von Sonnenstrahlen und dem Duft von Kaffee und Frühstückseiern lässt er sich schnell vertreiben. Vor einer halben Stunde erst hat der Alltag "Aufstehen!" gerufen. Wellen haben das Boot plötzlich schaukeln und an den Tauen zerren, die luftgefüllten Stoßfänger zwischen Rumpf und Ufer scheuern und quietschen lassen. Eine Schute ratterte mit viel zu schneller Fahrt und großer Bugwelle Richtung Oostende, ließ das viel kleinere Hausboot auf dem Kanal tanzen und holte die schlummernde Besatzung in die Wirklichkeit zurück. Mehr noch als den Freizeit-Kapitänen gehören die Kanäle im flachen Polderland den Binnenschiffern, die Fahrpläne einzuhalten haben - selbst im stillen und irgendwie verkehrsberuhigten Belgien.

"Früher war alles entspannter", sinniert später Schleusenwärter Chris Boutte aus Ieper, der den Job seit über 30 Jahren macht: "Da begann der Betrieb, wenn das erste Boot da war. Heute melden sie sich schon im Voraus per Handy an, vereinbaren feste Uhrzeiten für die Schleusungen. Das ist Stress. Früher kam einer, manchmal keiner. Heute muss ich die Schleusentore an manchen Tagen drei-, viermal auf und zu kurbeln." Er grinst, zwinkert mit dem linken Auge und scheint trotzdem nicht allzu sehr unter der vermeintlichen Hektik seines Arbeitstages zu leiden. Gemeinsam mit einem Kollegen ist Boutte für drei Schleusen zuständig. Will jemand die mittlere passieren, schwingt er sich aufs Fahrrad und radelt am Uferweg des Ieper-Ijezer-Kanals ein paar Umdrehungen schneller voran als das Boot und bereitet die Schleusung vor - oder schickt seinen Kollegen aus der Gegenrichtung vorbei. Zeit zum Plaudern bleibt trotzdem immer.

Der Reiz der Reise durch Flandern liegt ohnehin in der Gemächlichkeit. Niemand bucht dort ein Hausboot, um Streckenrekorde aufzustellen, zumal die erlaubte Höchstgeschwindigkeit ohnehin nur acht Stundenkilometer beträgt. Die meisten mieten es, um den eigenen Lebensrhythmus herunter zu bremsen, immer wieder anzuhalten, das grüne Land aus anderer Perspektive zu sehen - und so etwas wie ein Ferienhaus mit zu haben. (Helge Sobik/DER STANDARD/Rondo/09.06.2011)

Share if you care.