Inci Dirim, die erste Professorin für Deutsch als Fremdsprache, erklärt, warum sie gegen einen "Rassismus der Sprache" ist
Wien - "Österreich ist schon integrationsbedingt ein
mehrsprachiges Land", sagt Inci Dirim. Und: "Türkisch ist keine
Fremdsprache in Österreich, weil es hierzulande von so vielen
Menschen gesprochen wird." Dirim ist nicht irgendwer: Die in
Deutschland geborene und in der Türkei aufgewachsene Germanistin
bekleidet an der Universität Wien seit kurzem Österreichs erste
Professur für Deutsch als Zweitsprache. Im Gespräch mit der APA
kritisiert sie die oft auf Spracherwerb verkürzte Integrationspolitik
scharf. Das Deutschlernen werde nicht als Instrument des
Eingliederns, sondern zur Ausgrenzung eingesetzt. "Die Wissenschaft
nennt das Linguizismus. Das ist eine spezielle Form des Rassismus,
bei der Menschen wegen ihrer Sprache ausgegrenzt werden."
Minenfeld
Wer mit der Wissenschafterin über ihr Arbeitsgebiet spricht, gerät
sofort in ein Minenfeld, in dem viele innenpolitische Aufreger
versteckt sind: Deutsch vor Zuzug, Deutsch-Prüfungen für Migranten,
Spracherwerb in einem vielsprachigen Umfeld in Kindergärten und
Schulen, Türkisch als Maturafach. "In Österreich hängt der
Bildungserfolg sehr stark von der ethnischen Herkunft ab. Das ist
problematisch für das Bildungssystem eines demokratischen Staates.
Die Schule ist nicht in der Lage, höhere Sprachkompetenzen zu
vermitteln."
Pädagogik der Anerkennung
"Es gibt keine monolinguale Gesellschaft", wehrt sich Inci Dirim
gegen eine von der Politik verteidigte Grundannahme, die längst
überholt sei. "Wir wissen, dass bilinguale Modelle erfolgreich sind -
womit ich aber nicht Deutsch und Englisch meine, sondern Deutsch und
eine Migrantensprache." Stattdessen werde das Gefühl der
Minderwertigkeit vermittelt. "Integration bedeutet Zugehörigkeit und
Anerkennung. Wir müssen daher über eine Pädagogik der Anerkennung
arbeiten. In der Lehrerausbildung ist aber im Moment weder der Umgang
mit Mehrsprachigkeit ein Thema, noch Deutsch als Zweitsprache. Da
haben wir ein Riesenproblem."
Defensive Politik
Am deutlichsten offenbare sich die defensive Haltung der Politik
im Umgang mit Einwanderungswilligen, sagt die Germanistin. "Wenn
Deutscherwerb und Aufenthaltserlaubnis miteinander verknüpft werden,
entsteht ein enormer Druck, aber auch große Ungerechtigkeit. Personen
aus EU-Ländern müssen diese Prüfungen nicht machen. Andererseits gibt
es etwa viele afrikanische Länder, in denen gar keine Deutschkurse
angeboten werden. Durch Instrumente der Ausgrenzung wird ein
überholtes Konzept der Nationalstaatlichkeit, bei dem Volk, Staat,
Sprache und Religion monolithisch ausgebildet sind, verteidigt."
Türkei, Deutschland, Österreich
Sie selbst sei durch eine deutsche Mutter und einen türkischen
Vater zweisprachig aufgewachsen, erzählt Inci Dirim, die ihre
Schullaufbahn in der Türkei absolvierte und in Ankara und Bremen
studierte. Die Situation der in Deutschland und Österreich lebenden
Türken könne sie aber gut nachvollziehen. "Man kann hier auch auf
Türkisch gut durchkommen. Die Menschen haben eben unterschiedliche
Ziele, bei denen auch das Ausmaß an Deutsch, das dafür gesprochen
werden muss, sehr unterschiedlich groß ist."
Türkisch-Matura
Daher sei sie für eine Aufweichung starrer
Normalitäts-Vorstellungen: "Es gibt nicht eine Lösung für alle." Auch
Türkisch könne sie sich nicht nur als Maturafach, sondern auch als
Sprache anderer Maturafächer durchaus vorstellen - in einer fernen
Zukunft allerdings. "Die momentane Aufregung ist umsonst", beruhigt
sie, schließlich gäbe es bisher weder die nötigen Lehrämter noch
entsprechende Unterrichtsmaterialien. Und solange Deutsch jene
Sprache sei, in der auf der Universität gelehrt werde, müsse auch bei
der Studienberechtigungsprüfung Deutsch im Vordergrund stehen, alles
andere wäre absurd.
Bis zu einem offenen, vielsprachlichen Bildungssystem, in dem
Sprachen nicht Hürden, sondern Chancen darstellten, sei nicht nur ein
politischer Wandel, sondern auch enorm viel Arbeit nötig, ist sich
Inci Dirim sicher. Einen Vorschlag für einen ersten Schritt hätte sie
bereits: "Mein dringendster Wunsch an die Wissenschaftspolitik wäre
die Einrichtung von Professuren für Deutsch als Zweitsprache an jeder
Universität und jeder Pädagogischen Hochschule in jedem Bundesland." (APA)