BSE, Vogelgrippe und SARS haben in Österreich keine Opfer gefordert - Die Angst vor Ehec ist trotzdem groß
Das Geschäft mit der Angst floriert hervorragend, denn die Welt wird in regelmäßigen Abständen von Lebensmittelseuchen heimgesucht. Ungebrochen sind die Hysterie in der Bevölkerung und die Überforderung von Behörden und Ministerien. Ein rationaler Umgang mit dem Thema scheint unmöglich, und das, obwohl viele andere Infektionskrankheiten weit mehr Tote fordern.
Der Wahnsinn macht die Runde
Die Mutter aller lebensmittelinduzierten Seuchen ist der Rinderwahnsinn. Vermutlich sind scrapiekranke Schafe der Ausgangspunkt dieser tödlichen Erkrankung. Die Kadaver der Tiere wurden in England jahrelang zu Tiermehl verarbeitet und gelangten so in die Futtertröge der Rinder. 1986 stirbt in Großbritannien die erste Kuh an der BSE (Bovine Spongiforme Enzephalopathie). Seit Ende der neunziger Jahre halten Experten einen ursächlichen Zusammenhang zwischen dem Verzehr von BSE-infiziertem Rindfleisch und einer neuen für den Menschen gefährlichen Creutzfeldt-Jakob-Variante für sehr wahrscheinlich.
Typisch für diese neue Erkrankung: Die Patienten sind relativ jung (circa 30 Jahre) und die Symptome erinnern anfänglich an eine Depression. Wahnvorstellungen und Halluzinationen können auftreten und im weiteren Verlauf verlieren die Betroffenen ihre kognitiven und physischen Fähigkeiten. Die Erkrankung endet immer tödlich.
Erreger von BSE und der Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung sind Prionen. Diese körpereigenen Eiweißstoffe finden sich bei erkrankten Rindern und Menschen in veränderter Form und führen innerhalb eines Jahres zum Zelltod. Im fortgeschrittenen Stadium präsentiert sich das Gehirn schwammartig durchlöchert.
Die Ursache der klassischen (sporadischen) Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung ist unbekannt und tritt mit einer Häufigkeit von 1:1 Million Einwohner pro Jahr auf. Demnach erkranken in Österreich circa acht Menschen jährlich daran. In Großbritannien starben bislang etwa 100 Menschen an der neuen Variante. In Österreich ist diese noch nicht aufgetreten. Das tatsächliche Infektionsrisiko lässt sich schwer einschätzen. Experten vermuten jedoch, dass die eingeführten Kontrollmaßnahmen zu einer Reduktion des Erkrankungsrisikos geführt haben.
Erinnern Sie sich noch an SARS?
Ein Arzt aus der südchinesischen Provinz Guangdong leistet der ersten weltweiten Epidemie des 21. Jahrhunderts Vorschub. Der infizierte Mediziner übernachtet am 16.November 2002 in einem Hotel in Hongkong und steckt dort innerhalb weniger Stunden 16 Gäste an. Der Erreger, das SARS-assoziierte Coronavirus, verbreitet sich anschließend weltweit. Insgesamt sterben von 8422 Infizierten 916 Menschen an der Krankheit, die sich wie eine atypische Lungenentzündung präsentiert. 2003 wird der letzte Erkrankungsfall in Taiwan registriert. In Österreich entpuppt sich der einzige Verdachtsfall als normale Grippe. Der Ausgangspunkt von SARS findet sich übrigens in einer chinesischen Delikatesse. Der Arzt hatte zuvor eine infizierte Schleichkatze gegessen.
SARS (Severe Acute Respiratory Syndrome) ist eine Atemwegserkrankung, die mit hohem Fieber, Husten und Atembeschwerden beginnt. In vielen Fällen folgt eine Lungenentzündung. Eine Übertragung der Erkrankung von Mensch zu Mensch über Tröpfchen gilt als gesichert. Die Symptome treten zwei bis sieben Tage nach Ansteckung auf. Eine Behandlung erfolgt ausschließlich symptomatisch.
Vom Menschen ausgebrütet
2005 versetzt die Vogelgrippe Europa in Angst und Schrecken. Bis 2003 breitet sich das Virus zunächst in Ostasien aus, 2005 folgt Europa, 2006 Afrika. Amerika und Australien sind nach wie vor nicht betroffen. Der Ursprung von H5N1 findet sich bereits 1996 in China, wo das hoch pathogene Virus das Geflügel in Geflügelfarmen dahinraffen lässt. Viele Zehnmillionen Vögel sind seither daran verendet oder wurden getötet um eine Ausbreitung der Seuche zu verhindern. Bis 2006 sterben weltweit 148 Menschen an der Erkrankung.
Die Vogelgrippe ist ein Sammelbegriff für Erkrankungen durch vogelpathogene Influenza-Viren der Gruppe A. Die größte Bedeutung hat Influenza A/H5N1, der Erreger der klassischen Geflügelpest. Die Erkrankung endet bei Vögeln in der Regel tödlich, beim Menschen kommt es zu schweren systemischen Erkrankungen.
H5N1 wird über Kot, Speichel und Tränenflüssigkeit infizierter Tiere übertragen. Für Geflügel ist die Erkrankung hochansteckend. Eine Übertragung auf den Menschen erfolgt nur in direktem Kontakt mit kranken oder verendeten Vögeln. Typisch für die Vogelgrippe beim Menschen ist der akute Krankheitsbeginn. Es zeigen sich die typischen Grippesymptome, wie Fieber, Husten, Kopf- und Halsschmerzen. Teilweise treten auch Bauchschmerzen, Durchfall und Erbrechen auf. Mehr als die Hälfte der Patienten stirbt innerhalb weniger Tage an einem Lungenversagen. Diese hohe Todesrate lässt sich möglicherweise dadurch erklären, dass viele Fälle als "normale" Grippe eingestuft werden.
Seit ihrem Höhepunkt im Winter 2005/2006 hat sich die Vogelgrippensituation weltweit entspannt. Ausbrüche sind weitgehend auf asiatische Länder beschränkt. In Europa wird das Virus wiederholt in Wildvögeln und vereinzelt auch in Geflügel nachgewiesen. Erkrankungsfälle beim Menschen sind in Österreich bislang nicht bekannt. Seit 2006 steht Indonesien mit der Inzidenz und einer Letalität von über 80 Prozent weltweit an der Spitze. Übertragungen von Mensch zu Mensch sind als Einzelfälle in Vietnam, Kambodscha, Indonesien und Pakistan aufgetreten.
Zurück zu Schaf und Rind
Seit Anfang Mai 2011 sorgt in Deutschland Ehec für Aufregung. Der Erreger löst blutige Durchfälle aus und kann zu der schweren Komplikation, dem sogenannten HUS (hämolytisch urämischen Syndrom) führen.
Der natürliche Lebensraum des Bakteriums ist der Darm von Rindern, Schafen, Ziegen und Wildtieren. Das enterohämorrhagische Escheria coli ist zwar hochansteckend, für die Tiere selbst aber harmlos. Menschen dagegen können schwer erkranken, wenn der Keim über den Kot eines Wiederkäufers akquiriert wird. Eine Gefahrenquelle ist auch Obst oder Gemüse, wenn diese Nahrungsmittel mit Gülle gedüngt werden. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist möglich. Die Inkubationszeit liegt zwischen zwei und 10 Tagen.
In Deutschland sind bisher 25 Menschen an dem Darmkeim gestorben. Mehr als 2700 Fälle und Verdachtsfälle und mehr als 650 HUS Fälle und Verdachtsfälle sind registriert. In Österreich ist bislang eine Infektion in Wien bei einer deutschen Touristin aus Niedersachsen registriert. Die Urlauberin war bereits vor der Einreise infiziert. Seit gestern gibt es auch in Salzburg einen bestätigten Ehec-Fall. Der Zustand der 82-jährigen Patientin ist stabil. Acht Verdachtsfälle der letzten zwei Wochen haben sich als negativ herausgestellt. (derStandard.at, 09.06.2011)