Überblick

Best of Lebensmittelseuchen

Regina Philipp, 9. Juni 2011, 11:29

BSE, Vogelgrippe und SARS haben in Österreich keine Opfer gefordert - Die Angst vor Ehec ist trotzdem groß

Das Geschäft mit der Angst floriert hervorragend, denn die Welt wird in regelmäßigen Abständen von Lebensmittelseuchen heimgesucht. Ungebrochen sind die Hysterie in der Bevölkerung und die Überforderung von Behörden und Ministerien. Ein rationaler Umgang mit dem Thema scheint unmöglich, und das, obwohl viele andere Infektionskrankheiten weit mehr Tote fordern.

Der Wahnsinn macht die Runde

Die Mutter aller lebensmittelinduzierten Seuchen ist der Rinderwahnsinn. Vermutlich sind scrapiekranke Schafe der Ausgangspunkt dieser tödlichen Erkrankung. Die Kadaver der Tiere wurden in England jahrelang zu Tiermehl verarbeitet und gelangten so in die Futtertröge der Rinder. 1986 stirbt in Großbritannien die erste Kuh an der BSE (Bovine Spongiforme Enzephalopathie). Seit Ende der neunziger Jahre halten Experten einen ursächlichen Zusammenhang zwischen dem Verzehr von BSE-infiziertem Rindfleisch und einer neuen für den Menschen gefährlichen Creutzfeldt-Jakob-Variante für sehr wahrscheinlich. 

Typisch für diese neue Erkrankung: Die Patienten sind relativ jung (circa 30 Jahre) und die Symptome erinnern anfänglich an eine Depression. Wahnvorstellungen und Halluzinationen können auftreten und im weiteren Verlauf verlieren die Betroffenen ihre kognitiven und physischen Fähigkeiten. Die Erkrankung endet immer tödlich. 

Erreger von BSE und der Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung sind Prionen. Diese körpereigenen Eiweißstoffe finden sich bei erkrankten Rindern und Menschen in veränderter Form und führen innerhalb eines Jahres zum Zelltod. Im fortgeschrittenen Stadium präsentiert sich das Gehirn schwammartig durchlöchert.

Die Ursache der klassischen (sporadischen) Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung ist unbekannt und tritt mit einer Häufigkeit von 1:1 Million Einwohner pro Jahr auf. Demnach erkranken in Österreich circa acht Menschen jährlich daran. In Großbritannien starben bislang etwa 100 Menschen an der neuen Variante. In Österreich ist diese noch nicht aufgetreten. Das tatsächliche Infektionsrisiko lässt sich schwer einschätzen. Experten vermuten jedoch, dass die eingeführten Kontrollmaßnahmen zu einer Reduktion des Erkrankungsrisikos geführt haben. 

Erinnern Sie sich noch an SARS? 

Ein Arzt aus der südchinesischen Provinz Guangdong leistet der ersten weltweiten Epidemie des 21. Jahrhunderts Vorschub. Der infizierte Mediziner übernachtet am 16.November 2002 in einem Hotel in Hongkong und steckt dort innerhalb weniger Stunden 16 Gäste an. Der Erreger, das SARS-assoziierte Coronavirus, verbreitet sich anschließend weltweit. Insgesamt sterben von 8422 Infizierten 916 Menschen an der Krankheit, die sich wie eine atypische Lungenentzündung präsentiert. 2003 wird der letzte Erkrankungsfall in Taiwan registriert. In Österreich entpuppt sich der einzige Verdachtsfall als normale Grippe. Der Ausgangspunkt von SARS findet sich übrigens in einer chinesischen Delikatesse. Der Arzt hatte zuvor eine infizierte Schleichkatze gegessen.
SARS (Severe Acute Respiratory Syndrome) ist eine Atemwegserkrankung, die mit hohem Fieber, Husten und Atembeschwerden beginnt. In vielen Fällen folgt eine Lungenentzündung. Eine Übertragung der Erkrankung von Mensch zu Mensch über Tröpfchen gilt als gesichert. Die Symptome treten zwei bis sieben Tage nach Ansteckung auf. Eine Behandlung erfolgt ausschließlich symptomatisch. 

Vom Menschen ausgebrütet

2005 versetzt die Vogelgrippe Europa in Angst und Schrecken. Bis 2003 breitet sich das Virus zunächst in Ostasien aus, 2005 folgt Europa, 2006 Afrika. Amerika und Australien sind nach wie vor nicht betroffen. Der Ursprung von H5N1 findet sich bereits 1996 in China, wo das hoch pathogene Virus das Geflügel in Geflügelfarmen dahinraffen lässt. Viele Zehnmillionen Vögel sind seither daran verendet oder wurden getötet um eine Ausbreitung der Seuche zu verhindern. Bis 2006 sterben weltweit 148 Menschen an der Erkrankung.

Die Vogelgrippe ist ein Sammelbegriff für Erkrankungen durch vogelpathogene Influenza-Viren der Gruppe A. Die größte Bedeutung hat Influenza A/H5N1, der Erreger der klassischen Geflügelpest. Die Erkrankung endet bei Vögeln in der Regel tödlich, beim Menschen kommt es zu schweren systemischen Erkrankungen. 

H5N1 wird über Kot, Speichel und Tränenflüssigkeit infizierter Tiere übertragen. Für Geflügel ist die Erkrankung hochansteckend. Eine Übertragung auf den Menschen erfolgt nur in direktem Kontakt mit kranken oder verendeten Vögeln. Typisch für die Vogelgrippe beim Menschen ist der akute Krankheitsbeginn. Es zeigen sich die typischen Grippesymptome, wie Fieber, Husten, Kopf- und Halsschmerzen. Teilweise treten auch Bauchschmerzen, Durchfall und Erbrechen auf. Mehr als die Hälfte der Patienten stirbt innerhalb weniger Tage an einem Lungenversagen. Diese hohe Todesrate lässt sich möglicherweise dadurch erklären, dass viele Fälle als "normale" Grippe eingestuft werden. 

Seit ihrem Höhepunkt im Winter 2005/2006 hat sich die Vogelgrippensituation weltweit entspannt. Ausbrüche sind weitgehend auf asiatische Länder beschränkt. In Europa wird das Virus wiederholt in Wildvögeln und vereinzelt auch in Geflügel nachgewiesen. Erkrankungsfälle beim Menschen sind in Österreich bislang nicht bekannt. Seit 2006 steht Indonesien mit der Inzidenz und einer Letalität von über 80 Prozent weltweit an der Spitze. Übertragungen von Mensch zu Mensch sind als Einzelfälle in Vietnam, Kambodscha, Indonesien und Pakistan aufgetreten. 

Zurück zu Schaf und Rind

Seit Anfang Mai 2011 sorgt in Deutschland Ehec für Aufregung. Der Erreger löst blutige Durchfälle aus und kann zu der schweren Komplikation, dem sogenannten HUS (hämolytisch urämischen Syndrom) führen. 

Der natürliche Lebensraum des Bakteriums ist der Darm von Rindern, Schafen, Ziegen und Wildtieren. Das enterohämorrhagische Escheria coli ist zwar hochansteckend, für die Tiere selbst aber harmlos. Menschen dagegen können schwer erkranken, wenn der Keim über den Kot eines Wiederkäufers akquiriert wird. Eine Gefahrenquelle ist auch Obst oder Gemüse, wenn diese Nahrungsmittel mit Gülle gedüngt werden. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist möglich. Die Inkubationszeit liegt zwischen zwei und 10 Tagen.

In Deutschland sind bisher 25 Menschen an dem Darmkeim gestorben. Mehr als 2700 Fälle und Verdachtsfälle und mehr als 650 HUS Fälle und Verdachtsfälle sind registriert. In Österreich ist bislang eine Infektion in Wien bei einer deutschen Touristin aus Niedersachsen registriert. Die Urlauberin war bereits vor der Einreise infiziert. Seit gestern gibt es auch in Salzburg einen bestätigten Ehec-Fall. Der Zustand der 82-jährigen Patientin ist stabil. Acht Verdachtsfälle der letzten zwei Wochen haben sich als negativ herausgestellt. (derStandard.at, 09.06.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 103
1 2 3
der gleiche
03
19.6.2011, 10:55
Eine Bitte...

Die Bildunterschrift oben ist wohl etwas fehlgeleitet. Wie können bitte die Tiere "verantwortlich" sein für die Infektionen?
Dass die meisten dieser durch Tiere verursachten Krankheiten aus der Massentierhaltung resultieren, sollte ja klar sein. Dass die Tiere dann auch noch verantwortlich dafür sein sollen, dass sie ihr Leben lang unter so grausamen Umständen gehalten werden (wo man nur erkranken kann), ist wirklich nur mehr ein schlechter Witz.
Wenn dann auch noch so viele so blöd sind und das unterstützen: selber Schuld.
Aber bitte nicht den Tieren die Schuld in die Schuhe schieben.
Also bitte ändern sie die Bildunterschrift. In dieser Form wirkt sie einfach nur absurd.

Irr Doom
03
19.6.2011, 10:41
"Wiederkäuer, Geflügel und Kleinsäuger zeigen sich für...

...eine Vielzahl von lebensmittelinduzierter Infektionen verantwortlich."

Diese bildunterschrift ist absoluter schwachsinn. Frau Philipp, bitte denken Sie darüber nach und ändern Sie sie dann so, dass dadurch die tatsächlichen umstände beschrieben werden. Hier ein anstoß für Ihre überlegungen:

"Wiederkäuer, Geflügel und Kleinsäuger erkranken der schlechten, unwürdigen und widernatürlichen Behandlung durch den Menschen wegen. In ihrer Beschränktheit essen Menschen dann das Fleisch und die Körpersekrete dieser Tiere und werden ebenfalls krank."

n. urser
02
10.6.2011, 12:34
ganz einfach

die menschen verzichten auf die zufuhr von allen tierischen und pflanzlichen lebensmitteln, worauf die erde alsbald....

IchHabeImmerRecht
00
10.6.2011, 10:15
Und der Ausweg?

Ich wußte immer schon, dass die Fiona ein g'scheites Mädel ist. Also, die Fensterbänke und Balkone zur eigenen Aussaat verwenden; statt die Klospülung zu verwenden, ab ins Sackerl mit dem Gackerl. Da weiß man, mit was man düngt. Ein Minischwein kann sich auch ein Jeder halten - und das nächste Schnitzel ist gerettet. Im Aquarium kann man locker seine nächsten Fischstäbchen wachsen sehen.

dasGrausen
00
10.6.2011, 15:05

und die verteufelte schweinegrippe erst (h1n1?)... brr

na seawas ...
05
@Redaktion

Guter Artikel! Ich denke, es waere ganz hilfreich, die Relationen dieser "Seuchen" zu alltaeglichen Erkrankungen wie Grippe herzustellen. Oder sogar weiter - zu den toedlichen Unfaellen im Strassenverkehr, usw ...

Wieviele Menschen sterben jaehrlich (weltweit) an der Grippe - und wieviele sterben/starben (weltweit) an EHEC, SARS, ... ?

Quargelbrot
13

Der ganze Artikel ist viel zu lang.

Im Grunde reicht ein Satz, um das alles zu beschreiben und die panischen Angstlemminge zu zeichnen:

"Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben"

Aguafiestas
00
Angst? Hysterie?

Was hat es mit Angst zun tun, wenn die Menschen als Vorsichtsmaßnahme keine Sprossen oder Gurken kaufen? Wenn ich mich vor einer Autofahrt anschnalle, dann tue ich dies schließlich auch nicht weil ich panische Angst vor einem toedlichen Unfall habe, sondern einfach weil der Nutzen im Vergleich zum Aufwand sehr hoch ist.

Übrigens sind SARS und die Vogelgrippe in einem "Best Of Lebensmittelseuchen" wirklich fehl am Platz.

zeamount
01
13.6.2011, 08:32

die vergleichbare reaktion des autofahrers ist aber nicht das anschnallen - das entspricht dem gründlichen waschen des gemüses oder das selektive einkaufen. wenn man aufgrund solch eines berichtes gar nicht mehr auto fahrt, wären wir schon näher dran.

salaam aleikum
00
Dann versuchen sie mal zu erklären...

...weshalb sich so viele nicht anschnallen, eltern ihren kids keine radhelme aufstzen, radfahrer vornehmlich als autistische stuntfahrer wahrgenommen weden, so viele unfälle im haushalt passieren...

?

Aguafiestas
00

Ich habe nur kritisiert, dass hier jenen Menschen die risikobewusst handeln, unterstellt wird Angst und Panik zu haben. Die Panikmache der Medien ist zwar evident, jedoch führt sie nicht zu einer Massenhysterie, sondern zu einem vorsichtigeren Einkaufsverhalten der Bevölkerung.

Dass es natürlich auch Menschen gibt die sich für unverwundbar halten, steht auf einem anderen Blatt und hat nichts mit meiner Argumentation zu tun.

Chien de Pique
02

SARS als Lebensmittelseuche finde ich jetzt schon ein bisschen phantasievoll. Ja, es ist durch das wahrscheinlich Essen von Tieren auf den Menschen übergesprungen, aber das war's auch schon, danach spielte es keine irgendwie relevante Rolle mehr; tatsächlich zählte die weitere Übertragung durch kontaminierte Nahrung zu den unwahrscheinlichsten Transmissionswegen überhaupt, praktisch nicht beschrieben.
Da könnte man dann auch Ebola als Lebensmittelseuche anführen (Verspeisen von Affen) oder evtl. HIV (dito).

angehender Medientechniker
 
00
Mich würd ja interessieren,

was jetzt passieren würde, wenn die Gesundheitsbehörden jetzt verkünden würden, dass Fleisch auch am EHEC-Virus schuld sein könnte.

Was wollen dann manche Leute?

kaliope1
00
wenn man den gedanken weiterspinnt, die paranoia weiter schürt,

dann verhungern wir möglicherweise vor dem vollen kühlschrank

Karli Marxi
01

Was haben Erdmännchen mit Lebensmittelseuchen zu tun?! Wenn man einen Artikel über LEBENSMITTELseuchen schreibt, wäre es vielleicht sinnvoll auf das Foto 4 Lebensmittel zu geben um nicht einfach den Ruf unschuldiger Tiere zu zerstören!!!
Save the Meerkats!

Jimmy Hpunkt
01
Sehr richtihg

www.erdmaennchen.at

glycerine02
02
kein Erdmännchen,

sondern eine Schleichkatze. Und die wiederum ist ein Reservoir für Coronaviren (SARS).

Ich finds eigentlich ganz nett, wenn da mal Bilder dabei sind, die ein bisschen zum nachdenken anregen und nicht so 0815-Bilder, wie sie jeder erwarten würde.

der Blade
02
»Best of Lebensmittelseuchen«

made my day :D

popokatepetl
12
Und es ist wieder einmal bemerkenswert, wie spurlos...

das an der Fleischindustrie wieder mal vorbeigehen wird, der wir durch ihre Haltungsbedingungen diese ganzen Seuchen überhaupt verdanken...

wie wäre es mal mit einer guten Reportage über dieses Thema?

Niemend bekommt EHEC von einer GURKE.

kaliope1
03

ein tierarzt tätigte mal den ausspruch:" kühe aus mutterkuhhaltung sind erschreckend gesund!" sie sind nämlich das ganze jahr über draußen, werden also weitestgehend artgerecht gehalten. tierfabriken schaden nicht nur den tieren, sondern auch den konsumenten tierischer produkte.

Chien de Pique
11

Die Haltungsbedingungen allein sind es nicht, all das kommt so oder ähnlich ja in der Natur vor - und gerade wenn man sich im Urwald irgendein Wildtier einfängt oder verschiedene Tierarten zusammentreffen (was im klassischen arkadischen Idyll wahrscheinlicher ist als in der barbarischen industriellen Massenhaltung), ist ein Überspringen und Adaptieren besonders wahrscheinlich. Bei BSE sieht es natürlich anders aus, da waren an der Ausbreitung die entsetzlichen industriellen Fütterungspraktiken unmittelbar schuld.

Allmächtiger Satan
01

Was kann die Fleischindustrie dafür? Solange das Menschenvieh Fleisch frisst, wird es auch damit gefüttert. Keiner zwingt es dazu.

FranzKpunkt
30

Fleisch ist nun mal das hochwertigste Nahrungsmittel das wir kennen, ausserdem nichts geht über ein Steak, medium raw, mit whiskey sauce und curley frieds. Mhm ich glaube ich gehe heute mal wieder essen.

kazikame
110
Was essen wir wirklich?

Der Erreger Escherichia coli O157:H7 verursacht in den USA jährlich 73.000 Erkrankungen und 61 Todesfälle.Der Erreger der Krankheit stammt von Wiederkäuer, vor allem von Rindern.Er kann mit der Nahrung, insbesondere mit rohem Fleisch oder Rohmilch,Rinderhackfleisch,Salami in den menschlichen Darm gelangen.Weitgehend unbekannt ist, dass nur die Tiere eine gefährlich erhöhte Zahl an E coli 157 Bakterien im Darm haben,die mit Mais oder Weizen gefüttert wurden.Kühe wurden von der Evolution darauf getrimmt, ihre Lebensenergie aus Gras und Heu zu gewinnen.In der konventionellen Landwirtschaft wird den Kühen Mais verfüttert, damit sie schneller wachsen und mehr Fleisch produzieren.

http://www.3sat.de/page/?sou... index.html

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 103
1 2 3

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.