Greenpeace: "Es war reine Desinformation"
Wien (APA) - Die Bilder haben die Menschen in aller Welt geschockt: Rauchschwaden steigen über dem Atomkraftwerk Fukushima Eins auf, die Dächer der Reaktoren sind durch Explosionen nach der Naturkatastrophe zerstört. Ganze Dörfer und Städte liegen nach dem Megabeben und dem Tsunami vom 11. März in Trümmern. Zigtausende Alte und Kinder, Männer und Frauen, die in Wohlstand gelebt hatten, stehen plötzlich zusammengedrängt in kargen Notlagern an Essensausgaben Schlange. Der Ausblick ist alles andere als gut. Greenpeace befürchtet, dass das Gebiet rund um das Atomkraftwerk zu einer ähnlichen "Todeszone" wurde wie die Gegend um Tschernobyl - wie man dem havarierten Werk wieder Herr werden könnte, ist offenbar ungewiss.
In der Kritik steht vor allem Tepco: Greenpeace wirft dem Betreiber unter anderem vor, das Ausmaß der Katastrophe völlig heruntergespielt zu haben. "Es war reine Desinformation", sagte Niklas Schinerl, Atomsprecher von Greenpeace. Als viele Experten bereits von Kernschmelzen in mehreren Reaktoren ausgegangen sind, stufte die internationale Atombehörde IAEA den Störfall auf Stufe 4 bis 5 auf der INES-Skala ein. "Es war von Anfang an die höchste Stufe 7", sagte der Greenpeace-Experte. Erst im April wurde das Unglück auch offiziell auf Stufe 7 angehoben.
Angst vor Massenpanik
Grund für die verzögerte Information der Öffentlichkeit über den GAU war nach Ansicht des Tokioter Politikprofessors Koichi Nakano die Angst vor einer Massenpanik. "Jetzt haben sich die Menschen an die Situation gewöhnt", sagte er. "Tepco hofft wahrscheinlich, dass die Reaktionen jetzt weniger dramatisch ausfallen." Das Wort Kernschmelze sei mit großen Ängsten verbunden. Es sei gut möglich gewesen, dass die Menschen versucht hätten, aus der Metropole Tokio zu fliehen.
Inzwischen lässt sich die Situation in Fukushima aber nicht mehr schön reden. Bei der Katastrophe dürfte es in einigen Reaktoren zu einer so starken Kernschmelze gekommen sein, dass sich der Brennstoff durch die Reaktordruckbehälter gefressen hat. Die Regierung entschuldigte sich bereits und gestand ein, dass Japan auf solch einen schlimmen Unfall nicht vorbereitet war.
Kein konkreter Plan
Zudem ist auch noch völlig ungewiss, wie es in Fukushima weitergehen soll. Der Betreiber ist von seinem ursprünglichen Versprechen, das havarierte Werk bis Jahresende unter Kontrolle zu bekommen, wieder abgerückt. Es kommen zwar von Tepco immer wieder Vorschläge, wie man der Katastrophe Herr werden könnte, aber einen tatsächlichen Plan dürfte es nicht geben. "Ich wüsste auch nicht, was sie tun können", gab sich Schinerl pessimistisch.
Die Auswirkungen auf das Meer sind ebenfalls noch nicht abzusehen. Im Kraftwerk Fukushima Eins tritt seit Beginn der Katastrophe Radioaktivität in die Umwelt aus. Inzwischen droht radioaktiv kontaminiertes Wasser auch aus einem zweiten Atomkraftwerk in den Pazifik zu fließen. Der Betreiber Tepco überlegt, die verstrahlte Flüssigkeit aus dem AKW Fukushima Zwei (Daini) ins Meer zu leiten. Zusätzlich lässt die beginnende Regenzeit die Pegel der stark verseuchten Wassermassen in den Reaktoren steigen. Die Frage der Entsorgung ist nach wie vor ungelöst. Es wird befürchtet, dass erneut verstrahltes Wasser ins Erdreich oder ins Meer gelangen könnte. (APA)