Kein gutes Zeugnis stellt eine Studie des UNHCR dem Wissen der Österreicher über und ihren Einstellungen gegenüber Asylwerbern aus - Desinformation und Vorurteile dominierten, es herrsche Handlungsbedarf
Wien - In Österreich bestehe großes Unwissen über die Lebenssituation, Bedürfnisse und Rechte von Asylsuchenden, Asylwerbern und Flüchtlingen. Was diese Schutzsuchenden von anderen Ausländern, etwa Einwanderern, unterscheide, sei den meisten nicht ganz klar. Statt dessen dominierten Vorurteile und Negativmeinungen die Diskussion.
Zu diesen Schlüssen kommt die bisher umfassendste, vom UN-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) beauftragte repräsentative Studie zum Thema Asyl in Österreich, die am Mittwoch in Wien vorgestellt wurde. Studienleiterin Sophie Karmasin ließ zwischen 18. Jänner und 1. Februar 2011 insgesamt 1000 Personen befragen. "Die Stimmungslage in der Bevölkerung über Asyl ist für unsere Arbeit extrem wichtig", sagte Christoph Pinter, Leiter der Rechtsabteilung des Wiener UNHCR-Büros.
Die Studienergebnisse bezeichnete er als "erwartbar, aber trotzdem ernüchternd". So stellte sich heraus, dass lediglich 52 Prozent glauben, Asylsuchende kämen wegen politischer Verfolgung nach Österreich. 72 Prozent sind hingegen der Ansicht, sie würden das "in der Hoffnung auf ein besseres Leben" tun: laut Karmasin eine "sehr allgemeine Antwort" , die auf Desinformation über Fluchtgründe und den Inhalt von Asylverfahren schließen lasse. Dass 59 Prozent Asylsuchende als gewaltbereiter und krimineller als andere Gruppen einschätzen, weise in die selbe Richtung.
Dass Asylwerber "auf jeden" oder "fast in jedem Fall besonderen Schutz vor Verfolgung benötigen", meinen überhaupt nur 53 Prozent. Interessant dabei: KronenZeitung-Leser sind zu 49, Österreich-Leser zu 53, Standard-Leser hingegen zu 76 Prozent dieser Meinung: der höchste Anteil unter den Medienkonsumenten. Auch generell stehen Standard-Leser Asylwerbern mit der Note 2,6 auf der Schulskala eins bis fünf unter Medienkonsumenten am positivsten gegenüber.
Etliche Fehlannahmen
Insgesamt stimmt das, was die meisten Österreicher über das Leben und die Versorgung von Asylwerbern zu wissen glauben, mit den Fakten nicht überein. So sind 47 Prozent fälschlicherweise der Ansicht, die Schutzsuchenden hätten Anspruch auf Sozialhilfe, sprich: bedarfsorientierte Mindestsicherung.
Als widersprüchlich stellen sich Wissen und Wollen wiederum beim Arbeitsmarktzugang dar. 33 Prozent glauben, dass Asylwerber nicht nur auf dem Papier, sondern ganz real arbeiten dürfen (stimmt nicht). Doch 54 Prozent meinen, sie sollten das Recht dazu haben. Vergleichbar liberal ist auch die Einstellung zu gut integrierten Langzeitasylwerbern: 53 Prozent sind der Ansicht, man solle ihnen Aufenthalt gewähren.
Für Pinter ergibt sich aus der Studie "dringender und langwieriger Handlungsbedarf". Doch in dem für Asyl- und Fremdenrechtsfragen zuständigen Innenministerium meint Sprecher Rudolf Gollia: "Auf Einstellungen der Menschen direkt Einfluss zu nehmen, ist nicht möglich - und auch nicht gewollt." (Irene Brickner, DER STANDARD; Printausgabe, 9.6.2011)