Schüler untersuchen Postings

9. Juni 2011, 09:00
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Zusammen mit Wissenschaftlern untersuchen Wiener Gymnasiasten den Diskurs über Migration und Bildung in den Online-Foren

Die Schüler der Klassen 7A und 7B des Bundesrealgymnasiums Radetzkystraße haben ein abwechslungsreiches Schuljahr hinter sich. Zusammen mit Wissenschaftlern der Universität Wien und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften haben sie sich mit diskriminierendem und rassistischem Sprachgebrauch auseinandergesetzt und Gespräche mit Experten, Journalisten und Politikern geführt. Die beiden siebenten Klassen haben am Sparklig Science-Projekt "migration.macht.schule" mitgemacht und den Diskurs über Migration und Bildung in den Online-Foren der Tageszeitung derStandard.at untersucht.

Wissenschaftliches Werkzeug für den Alltag

"Wir haben ein Thema gewählt, mit dem Schüler auch in ihrer Lebenswirklichkeit etwas anfangen können. Zudem wollten wir auch neues Datenmaterial untersuchen. Leserkommentare oder sogenannte Postings haben sich sofort angeboten, weil sie einerseits sehr beliebt sind und oft zum Diskussionsgegenstand gemacht werden, anderseits wissenschaftlich kaum untersucht werden", erklärt Niku Dorostkar, vom Institut für Sprachwissenschaft der Universität Wien das Projektsetting. Den Schülern wurde im Laufe des Projektes mit der kritischen Diskursanalyse ein Werkzeug zur kritischen Analyse zur Verfügung gestellt, mit dem sie auch "im Alltag rassistische Diskurs- und Argumentationsstrategien erkennen können", so die Wissenschaftler.

Keine richtige Diskussion

Das Projekt widmete sich aber nicht ausschließlich trockener, computerunterstützter Textanalyse. Das Rahmenprogramm war sehr umfangreich und brachte Abwechslung in den Schulalltag. Jasmin Schuster fand vor allem den Workshop mit der NGO Zara interessant. Man redet und drückt sich bewusster aus, meint die Schülerin. Den Internet-Foren gegenüber sei sie aber jetzt sehr negativ eingestellt. "Ich finde es sehr traurig, was das geschrieben wird", meint Jasmin. "In den Foren findet keine richtige Diskussion statt", sind sich die SchülerInnen einig.

Subjektive Standpunkte

Die grundsätzliche und durchaus kontroverse Frage, ob Internet-Foren "sinnvoll oder nur ein Ventil sind", ob sie den Diskurs fördern oder behindern, sei auch intensiv diskutiert worden, bestätigen Dorostkar und sein Projekt-Kollege Alexander Preisinger von der Österreichische Akademie der Wissenschaften. Auch die subjektiven Standpunkte der Schüler seien im Rahmen der diversen Projekt-Aktivitäten besonders wichtig gewesen, betont Preisinger. Die Schülerinnen haben viel aus ihrer eigenen, bzw. aus der Migrationsgeschichte ihrer Eltern in Form von Kommentaren und Erörterungen in das Projekt eingebracht und auch den Umgang miteinander reflektiert.

"In den beiden Klassen sind junge Leute mit 15 verschiedenen Muttersprachen. Das Thema hat hier besonders gut gepasst", bestätigt die Lehrerin Christa Ertl. "Es fand eine sehr bewusste Auseinandersetzung mit der kulturellen Vielfalt statt".

Selbständiges Arbeiten

Abgesehen von der inhaltlichen Auseinandersetzung mit den spannungsgeladenen Themen Migration, Diskriminierung und Integrationsdebatte seien vor allem die neuen Arbeitstechniken für ihre Schüler bereichernd gewesen, meint die Lehrerin Susanna Söls. "Zahlreiche Gruppenarbeiten und die Möglichkeit sich selbst zu präsentierten, haben allen etwas gebracht", so Söls. Arbeiten, die sich deutlich vom Schulalltag unterscheiden, wie etwa das Durchführen von Interviews oder die Diskursanalyse, wurden freudig angenommen und mit großer Begeisterung gemacht, berichtet Christa Ertl. "Neue Arbeitsformen werden hier sehr geschätzt", so die Lehrerin.

Deadlines sind wichtig

Die Teilnahme am Projekt hat das selbständige Arbeiten sehr gefördert, bestätigt auch die Schülerin Julia Stanzel. "Das braucht man in Zukunft sicher im Studium und in der Forschung. "Ich weiß jetzt, was Deadlines bedeuten, obwohl ich sie nicht immer eingehalten habe", erzählt Julias Mitschüler Ammar Al Mihyawi lachend. Ammar wir nach der Matura Psychologie studieren und ist überzeugt, dass ihm die Arbeitstechniken, die er beim Projekt "migration.macht.schule" kennengelernt hat, weiterhelfen werden.

"Nicht kariererelevant"

Das Programms Sparkling Science will in erster Linie die Kombination hochwertiger Forschung mit Nachwuchsförderung an der Schnittstelle zwischen Schule und Universität verwirklichen. Schüler sollen sehr früh einen Einblick in die Wissenschaft bekommen. Der Wissenschaftsbetrieb profitiert aber auch davon, meint Rudolf de Cillia, der wissenschaftliche Leiter des Projektes "migration.macht.schule". "Hier bekommen wir eine andere Sichtweise. Die Wissenschaft wird auf den Boden der Realität geholt, und zwar der Realität der Jugendlichen", meint de Cillia. Kariererelevant sei die Teilnahme an solchen Projekten aber nicht. "Schaut man sich im Universitätsbetrieb um, sieht man, dass solche Projekte nicht Mainstream sind, aber die Wissenschaft muss praxisrelevant sein", plädiert der Sprachwissenschafter de Cillia. (Olivera Stajić, 8. Juni 2011, daStandard.at)

  • Poster-Analyse: SchülerInnen präsentieren ihre Ergebnisse.
    foto: "migration.macht.schule"

    Poster-Analyse: SchülerInnen präsentieren ihre Ergebnisse.

  • Das wissenschaftliche Projekt-Team: Rudolf de Cillia, Niku Dorostkar, Alexander Preisinger (v.l.n.r.)
    foto: "migration.macht.schule"

    Das wissenschaftliche Projekt-Team: Rudolf de Cillia, Niku Dorostkar, Alexander Preisinger (v.l.n.r.)

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