"Elevator Repair Service" spielen Hemingways "The Sun Also Rises" ("Fiesta") im Museumsquartier
Wien - Zunächst einmal: Ernest Hemingways berühmter Zwischenkriegsroman
The Sun Also Rises (zu Deutsch: Fiesta) ist ein Segen für die
Getränkeindustrie. Ein Häufchen nicht mehr ganz junger Amerikaner säuft,
schwätzt und liebt sich durch das vor Lebenslust vibrierende Europa der frühen
1920er-Jahre. In Ermangelung alltagstauglicher Lebensentwürfe - man befindet
sich schließlich in der Fremde - gießen sich die Nebenerwerbsdichter Jake,
Robert und Bill Unmengen von Whiskey, Martini oder Rioja auf die Lampe.
In der Halle G des Wiener Museumsquartiers, wo das New Yorker
Theaterkollektiv Elevator Repair Service zum wiederholten Male seine
Festwochen-Aufwartung macht, spielt man nicht lange um den heißen Brei herum.
Regisseur John Collins hat als Schauplatz für seine treuherzige
Hemingway-Dramatisierung eine schicke Bar gewählt. Dort, auf roten
Kachelfliesen, unter dem Schutz einer beeindruckenden Galerie von Flaschen,
begraben die Vertreter einer "Lost Generation" alle Abarten der fortschreitenden
Zerrüttung unter einer wahren Flut von Alkoholika.
Die Produktion The Select (The Sun Also Rises) ist denn doch ein wenig
zu schön, um wahr zu sein: Der im Krieg um seine Männlichkeit gebrachte Jake
Barnes (Mike Iveson) führt als kongenialer Erzähler freundlich und kompetent
durch das Gebirge von Hemingways Prosa, die Schauspieler vollbringen wahre
Wunder an Flexibilität. Doch hat man die Vorlage auch einigermaßen vollständig
um den Schmutz und jenen Mutwillen erleichtert, der Hemingways "Coolness",
seinen grandiosen, selbstmitleidigen Machismo im Kern ausmacht.
Der Brandy gluckert als Geräuschprobe in die großteils leer bleibenden
Gläser. Hübsche Tanzchoreografien lockern das stark redelastige Geschehen auf,
der berühmte Stierkampf im Pamplona wird als Klapptischmassaker mit aufgeklebtem
Hörnerpaar nachgestellt. Ob das reicht? Immerhin kann man Fiesta jetzt
aus dem Urlaubsseesack herausziehen und zu Hause lassen. (Ronald Pohl/ DER STANDARD, Printausgabe, 9.6.2011)