Weißt du, wie viel Flaschen leer sind?

8. Juni 2011, 17:04

"Elevator Repair Service" spielen Hemingways "The Sun Also Rises" ("Fiesta") im Museumsquartier

Wien - Zunächst einmal: Ernest Hemingways berühmter Zwischenkriegsroman The Sun Also Rises (zu Deutsch: Fiesta) ist ein Segen für die Getränkeindustrie. Ein Häufchen nicht mehr ganz junger Amerikaner säuft, schwätzt und liebt sich durch das vor Lebenslust vibrierende Europa der frühen 1920er-Jahre. In Ermangelung alltagstauglicher Lebensentwürfe - man befindet sich schließlich in der Fremde - gießen sich die Nebenerwerbsdichter Jake, Robert und Bill Unmengen von Whiskey, Martini oder Rioja auf die Lampe.

In der Halle G des Wiener Museumsquartiers, wo das New Yorker Theaterkollektiv Elevator Repair Service zum wiederholten Male seine Festwochen-Aufwartung macht, spielt man nicht lange um den heißen Brei herum. Regisseur John Collins hat als Schauplatz für seine treuherzige Hemingway-Dramatisierung eine schicke Bar gewählt. Dort, auf roten Kachelfliesen, unter dem Schutz einer beeindruckenden Galerie von Flaschen, begraben die Vertreter einer "Lost Generation" alle Abarten der fortschreitenden Zerrüttung unter einer wahren Flut von Alkoholika.

Die Produktion The Select (The Sun Also Rises) ist denn doch ein wenig zu schön, um wahr zu sein: Der im Krieg um seine Männlichkeit gebrachte Jake Barnes (Mike Iveson) führt als kongenialer Erzähler freundlich und kompetent durch das Gebirge von Hemingways Prosa, die Schauspieler vollbringen wahre Wunder an Flexibilität. Doch hat man die Vorlage auch einigermaßen vollständig um den Schmutz und jenen Mutwillen erleichtert, der Hemingways "Coolness", seinen grandiosen, selbstmitleidigen Machismo im Kern ausmacht.

Der Brandy gluckert als Geräuschprobe in die großteils leer bleibenden Gläser. Hübsche Tanzchoreografien lockern das stark redelastige Geschehen auf, der berühmte Stierkampf im Pamplona wird als Klapptischmassaker mit aufgeklebtem Hörnerpaar nachgestellt. Ob das reicht? Immerhin kann man Fiesta jetzt aus dem Urlaubsseesack herausziehen und zu Hause lassen. (Ronald Pohl/ DER STANDARD, Printausgabe, 9.6.2011)

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14 Postings
Kleanthes
02
Es ist mir schlicht unerklärlich,

wie sich Leute mit anderen Leuten in enge Sitztreihen zusammenpressen lassen, vorher satt Eintritt bezahlen, um sich den guten Roman eines großen Autors, von einem so la la-Regisseur interpretiert servieren zu lassen. Das ist mehr als nur verschmockt, und es drängt sich die Frage auf, ob es sich bei Theatergehern um funktionale Analphabeten handelt.

IchbinIch5
10

Und abgesehen vom Ästhetischen: Ich habe 15 Euro Eintritt bezahlt (zählt das schon als "satt"?) und hatte mit 1:90 Größe wunderbar Platz in der Halle G. Wenn sie also von "engen" Stuhlreihen schreiben frage ich mich: Um Himmels Willen, wie groß sind sie?

Kleanthes
01
Sie haben 15 Euro für ihren Sitz gezahlt?

Und haben sie die ca. 150.- vom Steuerzahler, die da noch drauflagen gespürt, als Sie sich gesetzt haben?

IchbinIch5
10

Spüren Sie die Agrarsubventionen, wenn Sie Essen kaufen? Die Unterstützung des Steuerzahlers, wenn Sie öffentlichen Verkehr benutzen? Merken Sie das Geld, wenn Sie Bildung in Anspruch nehmen? Es gibt Institutionen, die öffentlich finanziert werden sollen und müssen. Punkt.

Kleanthes
10
Nun, das sind alles Subventionen, die der Allgemeinheit zu Gute kommen,

und nicht nur einem dünkelhaften, verspießerten Cluster von Bobos oder Antibobos, die sich für gebildet halten, weil sie ein Theaterabo besitzen.

IchbinIch5
10
10.6.2011, 00:41

Wirklich? Ich kenne Menschen, die haben nie eine Uni besucht und nie ein öffentliches Verkehrsmittel benutzt - auch nie Kinder bekommen und, und, und - und trotzdem wird auch deren Steuergeld für diese (und nich viel andere) Bereiche verwendet. Seltsam, oder? Ich bin mir sogar sicher, dass auch Sie auf die eine oder andere Weise mein Steuergeld "verwenden", so wie ich Ihres ....

IchbinIch5
20
Es ist mir schlicht unerklärlich,

wie Leute die eigene Vorstellung als Non-Plus-Ultra absolutieren und nicht sehen, wie an diesem Abend ein Schweben möglich wird, eine Atmosphäre, die das Lesen so bei mir nie ausgelöst hat. Im Theater entstehen eben viele Ebenen, Zugriffe, Bilder, Welten - und deren Zusammen oder Gegeneinander (Zuseher, Regie, Bühne, jeder einzelne Schauspieler, jedes Wort und jeder Ton) macht den Spaß aus. Es stellt sich mir die Frage, ob es sich bei Leuten wie Ihnen um soziale Analphabeten handelt, die in Ihrem Kunstgenuss eben nicht mit den Welten Anderer in Berührung kommen wollen und mit "ihrem ganz eigenen" Hemingway dann auch zufrieden sind - weil: Mehr gibts nicht!

Kleanthes
01
Sie haben's erfasst:

Leute wie ich sind soziale Analphabeten, weil wir es mögen, alleine Bücher zu lesen, und es nicht nötig haben mit Steuergeldern hoch subventionierte Vermittler zu beschäftigen, die den Mangel an Einbildungskraft, und die Regression ins Kinderalter, als Mutti noch vorgelesen hat, zu kaschieren.

IchbinIch5
10

Stimmt - alleine ein Buch zu lesen oder dies gemeinschaftlich auf einer Bühne zu erfahren sind unterschiedliche Erlebnisse. Wer eines gegen das andere ausspielt zeigt nur, wie beschränkt seine Sicht ist. Und zum Steuergeld: Sie kaufen nur Bücher von Verlagen, die ohne Verlagsunterstützung auskommen? Da ist die Auswahl aber eher ökonomisch, nicht künstlerisch, oder?

Kleanthes
01
Ich finde ihren Dünkel nicht wirklich bemerkenswert, nur sehr

österreichisch. Sie wissen nicht, dass es in anderen Ländern keine Verlagsförderungen gibt. Und Hemingsways Verlag Scribner & Son hatte bestimmt keine.
Aber ich find's gut. Jetzt weiß ich wieder, warum ich nicht ins Theater gehe, und dort neben Zeitgenossen wie Ihnen Platz nehmen muss.
Such's mir halt gerne aus. Nicht nur, was ich lese...

IchbinIch5
10
10.6.2011, 00:39

Na wunderbar, dass Sie offenbar keine Gegenwartsliteratur lesen ... und Danke fürs zu Hause bleiben!

basilikum wurzel
00
zumindest

sind's keine soziopathen

IchbinIch5
20

Wahrscheinlich mein begeisterndstes Festwochen-Erlebnis heuer!

shaki1
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"Weißt du, wie viel Flaschen leer sind?

Ja, 6.

Und das Gebirge in Hemingways Prosa - die Pyrenäen.

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