Verdienter Sieg, verfehlter Test

8. Juni 2011, 22:46
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Österreich war beim 3:1 gegen Lettland dominant, konnte aber einige alte Schwächen nach wie vor nicht ausbügeln - Eine Taktikanalyse

Wer im Vorfeld des freundschaftlichen Länderspiels zwischen Österreich und Lettland an der Sinnhaftigkeit des Spiels gezweifelt hat, wurde in der Grazer UPC-Arena eines Besseren belehrt. Die Gäste erwiesen sich als optimaler Gegner für die ÖFB-Mannschaft. So lieferte das 3:1 einige Rückschlüsse, die nach der ansehnlichen 1:2-Niederlage gegen Deutschland gefragt waren.

Österreich startete abermals mit dem 4-4-1-1 gegen das klassische 4-4-2 der Letten. Die Innenverteidigung erfuhr einen Umbau, Dag machte rechts für Junuzovic Platz und vorne durfte Sturm-Stürmer Kienast statt Hoffer ran. Die Gäste begannen das Spiel sehr tief stehend mit beiden Viererketten eng beeinander und aufs Zentrum konzentriert. Sie überließen den Österreichern vor allem auf den Flanken zu viel Platz und setzten das defensive Mittelfeld nicht unter Druck, sodass zu Beginn sogar Kulovits offensive Ambitionen zeigen konnte. Er war bei einem schönen Konter, den Junuzovic aus 20 Metern abschloss (8.), und einer Chance von Harnik (10.) maßgeblich beteiligt. Als die Letten dem Mittelfeld wenig später näher auf die Pelle rückten, war das aber schnell wieder vorbei.

Die Österreicher zeigten hingegen in dieser Phase ein gutes Offensivpressing, attackierten bei Ballverlust sofort und waren auch in der Rückwärtsbewegung immer nah am Mann. Dank der lettischen Spielanlage entpuppte sich das Testspiel als optimales Biotop, um Weiterentwicklungen von Österreichs Schwäche zu testen - das Erzeugen von Chancen aus dem Spiel, wenn man eine konzentrierte Abwehr ausspielen muss. Es war für den Erkenntnisgewinn gut, dass die Mannschaft nicht schon eine dieser frühen Chancen nutzen konnte, sondern im Prinzip bis zum 2:1 nach über 80 Minuten immer ein Tor erzielen musste. Es bot Gelegenheit, sich die offensiven Varianten genau anzusehen.

Die Zentrale

Das folgende soll explizit kein Vorwurf an Kulovits sein. Er tat was er kann mit vollem Einsatz und machte dabei kaum Fehler. Wenn es einmal darum geht einen Vorsprung zu ermauern oder im Mittelfeld einen Manndecker einzusetzen, kann er eine wichtige Rolle spielen. Ansonsten ist er aber genau die Art von Sechser, die in Österreichs Team schon seit Jahren ein zu antiquiertes Verständnis von ihrer Position zeigen. Wenn er angespielt wird, wird der Ball selten nach vorne gespielt, sondern oft zurück in die Verteidigung. Er ist weder ein herausragender Verteiler von Bällen an die Flanken noch eine Macht im Kurzpassspiel und die Aktionen in denen er einen Gegner überspielt, haben Seltenheitswert. Ein Vorstoß kommt von ihm nur dann, wenn ihn der Gegner wirklich komplett ignoriert - wie die Letten in ihren schwachen ersten 15 Minuten. "Er ist für uns eine Bereicherung", meinte Teamchef Constantini trotzdem zu seiner Leistung.

Daran, dass nur ein Sechser kreative Akzente setzt, krankt das österreichische Spiel - vor allem das Kurzpassspiel, das der ÖFB laut Harniks Aussage nach dem Spiel erst kürzlich mal eben entdeckt hat. Im Moment hängt es viel zu stark von Baumgartlinger ab. Es geht hinten etwas vor den Innenverteidigern vom Austrianer aus, muss aber - zumindest im 4-4-1-1 - vorne auch zusammen mit Harnik und einem von der Seite kommenden Mittelfeldspieler von ihm weitergeführt werden. Sonst entstehen dort keine der vielzitierten Dreiecke, die ein Kurpassspiel braucht. Deshalb reicht es auch selten dazu, sich bis in eine gefährliche Zone zu arbeiten - meist enden die Aktionen einige Meter nach dem Mittelfeld.

Ein Gegner muss im Prinzip Baumgartlinger nur besonders stark pressen oder defensiv beschäftigen, und schon ist das ÖFB-Spiel nur durch einen großartigen Tag von ihm zu retten. Die Letten erkannten das zur Mitte der ersten Hälfte und zogen ihre Mittelfeldzentrale näher an die heimische heran, was deutliche Wirkung zeigte. Erst in der 38. Minute kamen die Österreicher wieder zu einer Chance (Junuzovic per Kopfball am Fünfer), von der sich die Gäste allerdings merkbar die Schneid abkaufen ließen. Interessant war in dieser Phase auch der Seitentausch von Alaba und Junuzovic, der anscheinend mit dem Teamchef nicht abgesprochen war, für ihn aber in Ordnung ging.

Ein gewisses Integrationsdefizit im Team muss man Kienast attestieren. Bei Sturm übernimmt er recht oft die Rolle einer Anspielstation fürs Mittelfeld, gegen Lettland trat er da nicht so oft in Erscheinung, schienen auch seine Laufwege noch nicht an die Mitspieler angepasst. Er würde sicher mehr Einberufungen benötigen.

Im Vergleich

Wenn man sich etwa ansieht, wie Manchester United dieses System spielt, hat Spieleröffner Carrick dort nicht die Aufgabe, gleichzeitig permanent hinter den Stürmern und vor der Abwehr kreativ zu wirken. Sein Nebenmann ist - egal wie er heißt - ebenfalls jederzeit fähig, eine vertikale Bewegung loszutreten, was auch gegnerische Kräfte in dieser Zone bindet und Rooney (dessen Position bei Österreich Harnik füllt) mehr Platz gibt. Wer eine Mittelfeld-Viererkette fährt, hat heutzutage in der Mitte zwei vielseitige Spieler und keinen puren Zerstörer mehr. Die gute Nachricht: Es gibt für den zweiten zentralen Mittelfeldspieler Alternativen in Österreich, die das Spiel moderner anlegen können - einige davon mussten diesmal verletzt absagen (Leitgeb, Pehlivan...). Wie etwa Sturms Weber sich da im Team tut, hat Constantini in Graz leider nicht getestet.

Dass der Trainer in der 62. Minute (den augenscheinlich nicht müden) Baumgartlinger vom Feld nahm und Kulovits dort mit noch mehr Verantwortung beließ, tat dem Spiel der Österreicher nicht gut. Obwohl Constantini zeitgleich ein 4-1-3-2 mit Junuzovic in der Zentrale installierte, in dem endlich dieser oft verwaiste Raum  zwischen Mittelkreis und Strafraum hätte befüllen können, half das dem Kurzpassspiel kein bisschen. Stattdessen musste Junuzovic mangels nachrückender Anspielstation permanent nach hinten und auf die Seiten ausweichen.

Die Flanken

Besser funktionierte über gesamte Spielzeit das österreichische Flügelspiel. Es ist auf beiden Seiten etwas unterschiedlich ausgeprägt. Links rückt Fuchs meist bis 20-30 Meter vor die Grundlinie und flankt von dort. Für die Crosses von der Grundlinie ist Alaba zuständig (siehe das Tor gegen Deutschland). Klein, der abermals eine gute Leistung zeigt, hingegen läuft rechts als Verteidiger meist die volle Distanz und wird dort zum Beispiel vom weiter in die Mitte rückenden Junuzovic freigespielt. Das war eine der gefährlichsten Varianten der Österreicher, die fast all ihre Chancen über die Flügel erarbeiteten.

Die weit aufgerückten Verteidiger haben allerdings auch eine Schattenseite, und die betrifft das Spiel vom Tormann weg. Die beiden lettischen Stürmer markierten meist die Innenverteidiger, wenn Gratzei am Ball war, sodass dem mangels seitlicher Hilfe oft nur der hohe Ball nach vorne blieb. Das ist keine optimale Spieleröffnung, besonders wenn man mit einer eher kleinen gegen eine eher große Mannschaft antritt.

Ein weiteres österreichisches Feature, das man in den letzten Spielen beobachten konnte, sind die präzisen Spielverlagerungen. Immer wieder schlagen Baumgartlinger und Alaba weite Bälle, die den Gegner beim Verschieben herausfordern. Baumgartlinger macht das vor allem, wenn er etwas weiter nach rechts rückt und links Alaba sieht. Alaba bricht schonmal seinen Run an der Seitenlinie ab um ganz auf der anderen Seite Junuzovic zu bedienen. Letzteres führte zur bereits angesprochenen Möglichkeit von Harnik in der 10. Minute.

Kein mangelndes Glück

Am Glück mangelte es in diesem Spiel jedenfalls nicht. Die Letten verwerteten dank zweier Gratzei-Glanztaten, bei denen jeweils ein Innenverteidiger nicht gut aussah (Dibon stand einmal zu weit vom Gegner entfernt (22.), Ortlechner verschätzte sich bei einem hohen Ball völlig (29.) erst ihre dritte gute Torchance. Die entstand aus einer schnell abgespielten Standardsituation im Mittelfeld und der blitzartigen Überforderung der ÖFB-Abwehr. Kulovits kam zur Aushilfe etwas zu spät, das restliche Mittelfeld war deutlich zu weit vom Geschehen entfernt. Plötzlich war ein gastierender Innenverteidiger mit im Strafraum und die Letten mit 4:3 in der Überzahl. Klein musste sich am langen Eck für einen Gegner entscheiden und erwischte dabei halt den falschen.

Ein wirklich schwerer Dämpfer für die Freude über diesen Testsieg war aber, dass es Österreich nicht gelang, den alles in allem doch eher schwachen Gegner aus dem Spiel zu knacken. Die handvoll zwingender Möglichkeiten wurden vergeben, die drei Tore fielen ausschließlich aus Standardsituationen, die man aber zumindest geübt zu haben schien. 

Der Lohn fürs Freistoßtraining

Auffällig waren zwei Varianten. Eine davon hat man bereits gegen Deutschland gesehen. Fuchs und ein zweiter Spieler stellen sich links vor dem Strafraum zum ruhenden Ball. Der zweite Spieler - in diesem Fall Junuzovic - läuft an, biegt dann links an der Mauer vorbei ab, und Fuchs schießt eine vom Tor weggedrehte Flanke aufs lange Eck. Harnik hätte so gegen Deutschland fast getroffen, kam auch gegen Lettland zu einem Kopfball (13.) und schlussendlich entstand das 2:1 der Österreicher aus dieser Variante - wobei die Flanke dort etwas weiter auf Ortlechner ging, der Harnik in der Mitte anspielte. Für zukünftige Spiele wäre es allerdings ratsam, diesen Trick auch einmal anders auszuspielen. Gut vorbereitete Gegner werden nicht mehr überrascht sein. Erfreulich war, dass der Freistoß aus einer Drucksituation vor dem Strafraum entstand.

Anders war das 1:1. Dass Royer (ohne jede Option und mit dem Rücken zu zwei Gegenspielern) rechts vor dem lettischen Tor unnötig gelegt wurde, muss man eher einem glücklichen Zufall zuschreiben. Die präzise geschlagene Freistoßflanke von Alaba (wieder stand Junuzovic daneben) und der schöne Kopfball von Dibon entstammen auch eher dem Standardrepertoire. Aus derselben Position versuchten Alaba und Junuzovic allerdings fünf Minuten später per Doppelpass in den Strafraum vorzudringen. Man hat sich im Team anscheinend Gedanken gemacht.

Aus taktischer Hinsicht war das 3:1 in der 93. Minute eines Testspiels gegen dezimierte, frustrierte Letten nicht mehr besonders aussagekräftig. Schön gespielt war der schnelle Vorstoß der zum Elfer führte trotzdem. Man hätte sich gewünscht, dass (der nach für Kienast gekommene, 62.) Hoffer den Ball einfach ins Tor versenkt hätte, darf sich aber auch darüber freuen, dass Österreich doch noch Tore aus Strafstößen schießen kann. Es wäre nicht unlogisch, Harnik in Zukunft diese Aufgabe dauerhaft zuzuteilen.

Fazit

In der ersten Hälfte zeigten die Österreicher eine gute Leistung und ein in Ansätzen erkennbares Kurzpasspiel. In der zweiten wurde man für die Arbeit belohnt, ohne zu glänzen. Während man einige neue Qualitäten zeigte, blieben mit der Chancenauswertung aber auch der Chancenerarbeitung aus dem Spiel heraus zwei große und alte Schwäche vorhanden.

Hätte dieses Spiel vor einiger Zeit stattgefunden, könnte man es als viel versprechenden Beginn betrachten. Der komplette Doppeltermin könnte Hoffnung geben. Es sind Ansätze einer gewissen Idee zu erkennen, die zwar noch nicht ganz funktioniert, die sich aber weiterentwickeln lässt. Genau so würde man sich das von einem Teamchef erwarten, der eine Mannschaft frisch übernommen hat. Aber Constantini ist seit 20 Spielen Trainer und ist in der heißen Phase seiner Amtszeit. Die Spiele in dieser ersten Jahreshälfte sind die entscheidenden Eintragungen seiner Bewerbungsmappe für die WM Qualifikation 2014.

Und die sieht so aus, als hätte der Teamchef seinen Aufbau der vergangenen beiden Jahre nach den bitter misslungenen Spielen gegen Belgien und die Türkei verworfen und würde nun etwas Neues probieren. Darauf weist auch das Systemwirrwarr hin. Gab es gegen die Türkei ein ängstliches 4-3-3, daheim gegen Belgien ein flügelloses 4-2-3-1 (das man eigentlich für jene passende Formation hielt, die Constantini letztes Jahr gefunden habe und oft spielen ließ) und in den Niederlanden auch noch ein 4-1-4-1, war nun plötzlich sowohl gegen die starken Deutschen als auch die schwachen Letten ein bisher nicht dagewesenes 4-4-1-1 das für passend befundene System. Auch die Aussagen von Spielern, diesen neuen Ansatz eines Kurzpassspiels hätte man erst kürzlich gefunden, weisen darauf hin. Das kann man positiv als Erkennen von Fehlern interpretieren, aber eben auch als ressourcenverschwendendes Trial-and-Error-System in Abwesenheit einer schon viel zu lange eingeforderten Philosophie. (tsc, derStandard.at, 8.6.2011)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Alexandrs Starkovs hat sein Team 2004 bereits einmal zu einer EM geführt. Dietmar Constantini ist wohl mit allen Trainern der österreichischen Geschichte gemein, sich nicht sportlich für eine Euro zu qualifizieren.

  • Mit diesen Formationen gingen die Mannschaften ins Spiel. Die Letten waren im Zentrum zu Beginn zu weit von den Österreichern weg, und sahen dadurch klar unterlegen aus, sie konnten dieses Problem dann allerdings einigermaßen beheben und zwangen die Österreicher dazu, viele hohe Bälle in den Strafraum zu schlagen.
    grafik: derstandard.at/ballverliebt.eu

    Mit diesen Formationen gingen die Mannschaften ins Spiel. Die Letten waren im Zentrum zu Beginn zu weit von den Österreichern weg, und sahen dadurch klar unterlegen aus, sie konnten dieses Problem dann allerdings einigermaßen beheben und zwangen die Österreicher dazu, viele hohe Bälle in den Strafraum zu schlagen.

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