DVB-T oder die Verteidigung des Grobpixel-Sex

8. Juni 2011, 15:39
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Am Dienstag wurden die letzten analogen TV-Sender abgestellt. In Österreich gibt es fortan nur noch digitales Fernsehen. So der Kühlschrank mitspielt. Chronologie einer gescheiterten Digitalisierung

Digitale Zukunft ist, wenn man die Kühlschranktür öffnet und der Fernsehbildschirm ist schwarz. Bei mir zumindest. Diese Zukunft ereilte mich zum ersten Mal am 26.10.2006 mit der Einführung von DVB-T. Das smarte Kürzel, informierte die eigens zum Start des digitalen Antennenfernsehens eingerichtete Homepage, steht für Digital Video Broadcasting -Terrestrial".

Schwärmerisch wurde dort von "qualitativ hochwertigen Bildern in DVD-Qualität" geworben. Das verheißungsvolle Wörtchen "multimedial" durfte natürlich auch nicht fehlen - und zwar in Verbindung mit dem neuen "mhp MultiText", eine Art Super-Teletext. "Einfacher geht's nicht, einfach einstecken und schauen" lautete die finale Frohbotschaft. Und ich schaute tatsächlich. Nämlich relativ sehr blöd.

Bis dahin war Fernsehen für mich eine einigermaßen archaische Angelegenheit. Ein mediokerer Grundig-Fernseher, dem der gewölbte Bildschirm wie das Auge eines Basedowsche-Erkrankten aus der Eichenfurnier quoll, versorgte mich treu mit ORF1, ORF2 und ATV. Im Grunde genommen diente das Ding nur zur Vergewisserung, dass es dieses "Fernsehen" überhaupt noch gab. Informations- und Filmbedürfnisse wurden schon längst per Internet befriedigt. Aber es war einfach immer schon da. Wie ein alter Kater, der einem trotz seines miesen Charakters irgendwann ans Herz gewachsen ist. 

Urzeitkrebse und Consumer Electronics

Rasch wurde zur Gewissheit, dass mit dem Abschalten der analogen Frequenzen das alte Grundig-Auge erlöschen würde, zumal sich weder die Zimmerantenne noch die DVB-T-Box anschließen ließen. Also musste Neuware her. Neuer Fernseher, eine Digital-Empfangsbox, eine neue Zimmerantenne. Sehr zur Freude des darbenden Elektrofachhandels, den ich gerne mit ein paar hundert Euro unterstützte. Als braver Konsument nahm ich das natürlich duldsam hin: früher hieß die organisierte Abzocke "Urzeitkrebse aus dem Yps", heute eben "Consumer-Electronics".

In der Fernseherabteilung hielt ich mich nicht lange mit kryptischen Kürzeln (HD, HDMI, ...) auf und ließ mich nicht von "dynamischen Kontrasten" becircen. Auch die Info "HDready" ließ ich teflongleich abperlen. Ich kaufe auch kein Auto, das bloß "ABS-ready" ist.

Trotzig erwarb ich einen pervers günstigen Röhrenfernseher, der in einer Ecke vor sich hindämmerte. (Für Flatscreen-Fernseher gilt übrigens dasselbe wie für Terrassen: man sollte einladungsfreudige Bekannte haben, die derlei besitzen). Dazu eine Digital-Zimmerantenne - und natürlich nicht die mit 30 Euro geförderte DVB-T-Box mit dem schicken Super-Teletext. Ich erstand eine mit Steinzeit-Teletext. Schließlich wollte ich auf die grobpixeligen Sex-Anzeigen-Artefakte nicht verzichten. In ein paar Jahren ist das hochdotierte Medienkunst.

Bedauern bei der Info-Hotline

Aufgebaut und verkabelt war der Multimedia-Krempel im Nu. Bloß blieb der Bildschirm schwarz. Verdammt schwarz. "Zu geringe Signalstärke", beschied mir eine Blinkschrift. Traurig blickte ich auf meinen ausrangierten Grundig-Oldie, der nie so verquatscht war, aber immer Bilder ausgeworfen hatte. Sehr energisch blickte ich hingegen danach auf die interaktive Funkversorgungskarte auf der DVB-T-Homepage um festzustellen, dass mein Standort voll Zimmerantennen-Empfangs-ready war. Bei der Info-Hotline wurde mir das Gleiche beschieden und bedauert. Mehr nicht.

Also begab ich mich in diverse Internetforen, um den Verursacher dingfest zu machen. Nach nur wenigen Stunden Recherche, wurde die Zimmerantenne als möglicher Übeltäter identifiziert. Nach ebenfalls nur wenigen Stunden Recherche ermittelte ich das "leistungsstärkste" Gerät seiner Klasse, das ich per Internet in Deutschland bestellte. 

Digital fatal

Nach bloß einer Woche war der Heilsbringer da - und der Fernseher funktionierte. Solange aus der pannonischen Tiefebene nicht starker Wind heranwehte. Dann war wieder Schluss mit "qualitativ hochwertigen Bildern". Starkregen bedeutet übrigens auch fernsehfrei. Mittlerweile hatte ich zur Dame von der DVB-T-Hotline eine eher friktionsfreudige Beziehung aufgebaut.

Ihre perfekt mit Baukasten-Floskeln und -Phrasen abgeölte Stimme verstummte jedoch, als ich ihr von der Kühlschranktür-Nummer berichtete. Tür auf: Bild weg. Tür zu: Bild wieder da - was auch für die daneben liegende Zimmertür gilt. Die muss hingegen geöffnet sein. Ergo kann ich nur bei geschlossener Kühlschranktür, offener Zimmertür, Windstille und eher ariden Wetterbedingungen fernsehen. Theoretisch. Praktisch kann sich die digitale Fernseh-Zukunft verkrümeln. (Stefan Schlögl, derStandard.at, 8.6.2011)

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    foto: dvb-t screens tv spot

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