64 Jugendliche aus aller Welt zeigten bei der internationalen Philosophieolympiade in Wien, dass wahrlich große Denker in ihnen stecken
Wien - "Die Philosophie ist jedem Menschen angeboren. Philosophische Reflexion steckt in jedem von uns, und unser Ziel ist es, dieses grundlegende menschliche Talent zu fördern und junge Leute zusammenzuführen, die sich darüber austauschen wollen. Die Gedanken, die hier entstehen, nehmen sie dann in ihre Heimatländer mit und tragen dadurch zu einer Welt bei, die nachdenkt und somit auch besser werden kann."
So beschreibt Professor Franz Pöll, einer der Hauptorganisatoren der diesjährigen internationalen Philosophieolympiade (Ipo), den Grundgedanken der Veranstaltung, die diesmal in Wien stattfand. Auch die 18-jährige Edle Astrup-Tschrudi aus Norwegen kann ihm beipflichten: "Das Beste an der Ipo sind die Leute und die Gespräche, die sich mit ihnen ergeben. Es ist unglaublich, was für Gedanken sich in den Diskussionen entwickeln, und ich bin froh, teilhaben zu dürfen."
Japans Blick nach vorne
Der Bewerb, der mittlerweile schon zum 19. Mal über die Bühne ging, richtet sich an Schüler zwischen 14 und 19 Jahren, die durch das Schreiben von philosophischen Essays die Möglichkeit nutzen, ihre argumentativen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Dieses Jahr fanden sich 64 junge Menschen aus über 30 Ländern von 26. bis 29. Mai in Wien ein, um am internationalen Bewerb teilzunehmen. Unter den Delegierten waren auch Schüler aus Japan, die mit ihrer Teilnahme ein Zeichen setzen wollten: "Es ist eine große Ehre für uns, hier zu sein. Wie ihr wisst, muss Japan im Moment eine schwierige Zeit durchstehen. Doch durch Projekte wie diese können wir zeigen, dass wir nach vorne blicken."
Österreich stellte als Gastgeberland heuer zehn Teilnehmer, die ihr Essaythema aus vier Zitaten auswählen durften, unter anderem von David Hume über die Grenzen von Geschmack und Vernunft oder auch von Nelson Goodman über das Wesen der Kunst inner- oder außerhalb der Realität. Innerhalb von vier Stunden untersuchten die Schüler Aspekte des menschlichen Seins und Erlebens. Während einige Schüler sich ihre Thesen mit großem Einfallsreichtum fast vollständig selbst aufstellten, basierten die Theorien anderer auf einer rigorosen und genauen Aufspaltung ihres gesammelten Wissens. Dadurch entstanden 64 in jeder Hinsicht völlig einzigartige Essays, die sowohl in Kreativität als auch Wissenschaftlichkeit punkteten.
Abgesehen vom Bewerb beschäftigten sich die Schüler auch in verschiedenen Workshops mit dem Veranstaltungsmotto: "Macht und Ohnmacht der Philosophie". Geleitet von Philosophiestudenten entwickelten sich Diskussionen, die selbst die erfahrensten Jungphilosophen ins Schwitzen brachten: "Wir waren alle sehr beeindruckt von dem großen Vorwissen und dem hohen argumentativen Niveau der Schüler", sagt Helene Sorgner. So besprach etwa eine Gruppe die Rolle der Intuition in der Philosophie und erörterte dabei unter anderem die Natur des Wissens, den Stellenwert der Philosophie als Wissenschaft oder auch, inwieweit Denken und Sprache einander beeinflussen.
Einen Großteil ihrer Freizeit verbrachten die Schüler mit oftmals hitzigen philosophischen Diskussionen, die sich buchstäblich um Gott und die Welt drehten. Angefangen bei politischen Systemen und deren Unzulänglichkeiten bis hin zu Fragen wie "Was ist Freiheit?" oder "Inwiefern existiert altruistisches Verhalten?". Immer wiederkehrende Schlagwörter waren Offenheit, Individualität und Respekt, welcher vor allem dann geübt wurde, wenn sich die Schüler selbst nach stundenlangem Debattieren nicht einigen konnten.
Am Sonntag, dem letzten Tag der Olympiade, fand schließlich im kleinen Festsaal der Hauptuniversität die Preisverleihung statt. Neben dem Erstplatzierten Nikolaj Müller aus Dänemark wurden 20 weitere Schüler, darunter auch Vanessa Gstrein, Patrick Mokre und Franziska Bahl aus Österreich, ausgezeichnet. "Doch die Reihung war für die meisten Teilnehmer eher unwichtig", meint Mitorganisator Gerhard Prade: "Die Schüler haben allein durch das Dabeisein tolle Erfahrungen gemacht. Der Wert der Veranstaltung liegt in meinen Augen vor allem in den Begegnungen und Denkanstößen, die mitgenommen werden. Und genau das war ja auch das Ziel der Olympiade: Die Bedeutung der Philosophie in den Augen der Welt zu verdeutlichen und junge Menschen, die sich mit philosophischen Grundfragen beschäftigen, zu fördern." (Alexandra Vrabl, SCHÜLERSTANDARD, Print-Ausgabe, 8.6.2011)
Link:
Die Essays der Gewinner gibt es hier zum Nachlesen