Der Euro-Stabilitätspakt: an inconvenient truth

Leser-Kommentar | 8. Juni 2011, 12:21

Die Fixierung auf das Haushaltsdefizit reicht nicht aus - es muss zu einer stärkeren Einbeziehung der nationalen Schuldenstände kommen

Der Stabilität- und Wachstumspakt (SWP) nimmt einen zentralen Standpunkt im Governance System der Eurozone ein. Mit Aufgabe der nationalstaatlichen währungspolitischen Souveränität wurde es notwendig, die teilnehmenden Mitgliedstaaten zur fiskalpolitischen Mäßigung in irgendeiner Form zu binden. Einzelne Mitgliedstaaten hätten sonst den Anreiz, ein haushaltspolitisches Defizit zu fahren, ohne die währungspolitischen Konsequenzen wie Inflation oder Abwertungsdruck zu tragen. Dieses Trittbrettfahrer-Problem sollte mittels des mit Sanktionsmöglichkeiten ausgestatteten SWP gelöst werden.

Status Quo - Zwei Referenzwerte, ein Verfahren

Die Grundzüge des SWP wurden dabei schon 1992 mit Hinblick auf die Wirtschafts- und Währungsunion im Vertrag von Maastricht festgeschrieben. Artikel 104c zurrte das Grundgerüst des SWP fest. In Protokoll fünf wurden darauf aufbauend die zwei bis heute gültigen Referenzwerte definiert: ein Haushaltsdefizit von maximal minus 3% des BIP sowie eine Gesamtverschuldungsgrenze von maximal 60% des BIP. Der SWP bekam auch ein paar "starke" Arme, um diese Referenzwerte einzuhalten.

Der präventive Arm betraute die Kommission mit der Überwachung der Haushaltslage und der Höhe des öffentlichen Schuldenstandes in den einzelnen Mitgliedstaaten. Für den Fall, dass ein Euroland das zulässige Haushaltsdefizit überschreiten sollte, so kam der korrektive Arm - auch als "Verfahren bei übermäßigem Defizit" oder kurz "Defizitverfahren" bekannt - zum Einsatz. Dabei wird das betroffene Euroland vom Rat, also den anderen Mitgliedsstaaten, zum Defizitabbau aufgefordert und konnte als Sanktion sogar eine Geldbuße aufgebrummt bekommen. Passiert ist das trotz Einleitung mehrerer solcher Verfahren, auch gegen Deutschland und Frankreich, freilich nie. Stattdessen wurde das Verfahren 2005 in einer Reform aufgeweicht und es Mitgliedsstaaten dank neuer Berechnungsmethoden erleichtert unter der 3% Marke zu bleiben.

Als letzten Akt führte die Finanz- und Wirtschaftskrise in jüngster Vergangenheit de facto zu einem zeitweiligen Aussetzen des SWP, bis die Euromitgliedstaaten wieder zu einem normalen Wachstumspfad zurückgekehrt sind. Auch die in einer Arbeitsgruppe unter dem Vorsitz des Europäischen Ratspräsidenten Herman Van Rompuy ausgearbeiteten Reformen, deren Umsetzung für diesen Monat angekündigt ist, wird an der Wirksamkeit des SWP wohl nicht viel ändern.

Die "Erbsünde" - Die Fixierung auf das Haushaltsdefizit

In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu erkennen, dass der SWP seit Maastricht nur auf die Einhaltung eines Referenzwertes abzielt: das 3%-ige Haushaltsdefizit. Als eines der größten Probleme, die mit der Fixierung auf das Haushaltsdefizit einhergehen, bleibt die in der Vergangenheit häufig beobachtete Praxis von Defizitsündern die 3%-Grenze nur kurzfristig zu erfüllen, um so Zeit zu gewinnen und das Defizitverfahren von neuem zu starten. Es bleibt dem Autor dieser Zeilen ein Rätsel, warum man sich bei Reformen des SWP bis heute beharrlich geweigert hat, den zweiten in Maastricht festgelegten Referenzwert - die Gesamtverschuldungsrate von unter 60% des BIP - als Basis des "Defizitverfahrens" zu Grunde zu legen. Der Blick auf die nackten Zahlen bei Eurostat verrät, dass dieser Referenzwert in der Eurozone nur mehr von fünf (!) Ländern eingehalten wird: Estland, Luxemburg, Slowenien, der Slowakei und Finnland.

Eine Komplementierung des bisherigen Sanktionsmechanismus, der sich ausschließlich auf die Höhe des Haushaltsdefizits beschränkt, hin zu einem Mechanismus, der auch die Gesamtverschuldung mit einbezieht, ist lange überfällig. Dies würde zu einer langfristigen Nachhaltigkeit öffentlicher Finanzen statt der Erreichung eines punktuellen Referenzwertes führen. Die ursprüngliche Konzentration auf das Haushaltsdefizit lässt sich historisch vielleicht damit erklären, dass es der politische Wille bei der Schaffung der Eurozone war, auch Italien, Belgien und Griechenland mit einzuschließen, deren Gesamtverschuldung Ende der 90er Jahre bereits deutlich über 60% des BIP lag. Während das Erreichen der Gesamtverschuldungszielmarke nämlich einen Aufgabenzeitraum von Dekaden darstellt, so lässt sich das Haushaltsdefizitkriterium oft sogar innerhalb eines einzigen Jahres erreichen - und genau so schnell wieder vergessen. (Leser-Kommentar, Markus Gastinger, derStandard.at, 8.6.2011)

Autor

Markus Gastinger (31) hat Internationale Wirtschaftswissenschaften und Betriebswirtschaftslehre an der SoWi-Innsbruck studiert. Zwischen 2006 und 2009 absolvierte er den Masterstudiengang European Union Studies am Salzburg Centre of European Union Studies der Universität Salzburg. Er promoviert derzeit am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz.

Heefcleeve
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Ein Artikel, wie aus einer anderen Zeit

Die 60% Gesamtverschuldungsgrenze vom BIP ist Schnee von gestern. Das war eine andere Epoche. Natürlich wird es immer wieder einige Exoten geben, die sich auf Kosten anderer verschulden können (z.B. über Exportüberschüsse oder das Einrichten von Steueroasen), aber ohne grundlegenden Strukturwandel in den "Sparerländern" (z.B. Deutschland, China) kann die Gesamtverschuldung der meisten Staaten nur in eine Richtung gehen, nämlich steil nach oben.
Ist sich der Autor bewusst, dass eine Schuldenbremse der Staaten nur mit einer Guthabenbremse der Privaten einhergehen kann? Bin mir da nicht so sicher...

Reich sein muss sich lohnen!
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Vor allem begrenzt es die Rendite die man aus der Real-Wirtschaft herauspressen kann.
Und ohne Rendite sucht sich das Kapital eben ein anders Land.

Das heißt keine Schulden sind keine Option (sonst flüchtet das Kapital) - mehr Schulden allerdings auch nicht mehr lange (die Zinsbelastung wird einfach zu groß).

Es bleibt nur noch der Crash.

Reich sein muss sich lohnen!
01
Hat der Autor in seinem Studium der Wirtschaftswissenschaften

auch gelernt wie das Geldsystem funktioniert?

Stadtmeisterschaftsfünfter 1992
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Hat 'Reich sein muss sich lohnen' auch noch eine andere Platte? An der haben wir uns jetzt schon abgehört.

avision
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Sie Irren.

Wir stehen am Ende einer Epoche - das goldene Kalb hat die Menschen zu lange in Verblendung und Verwirrung geführt. Der Sinn des Lebens hat mit der Wettbewerbsidee und der Huldigung des Mammons ausgespielt. Ahnen und wissen tun es schon sehr viele Menschen, jedoch das Loslassen ist halt schon so ein Ding, und mitunter sehr Schmerzhaft.
Und ganz viele Menschen wollen es auch nicht Hören!!!

Stadtmeisterschaftsfünfter 1992
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oft frage ich mich, was ihr apokalptiker erst herumplärrt, wenn es echte anzeichen für einen radikalen wechsel von irgendwas gibt. wenn jetzt schon praktisch jede woche die welt untergeht...

aber, um sportlich zu bleiben: was genau glaubst wird denn fast 7 milliarden menschen über nacht zum glirreichen kommunismus (oder wasimmer) bekehren? griechische budgetprobleme? oder gar dieser studrntenaufsatz?

L.B.
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Das 3% Kriterium ist in dieser simplen Form eindeutig schwachsinnige Milchmädchen-Ökonomie. Man müßte die konjunkturelle Lage einerseits berücksichtigen (dh deutlich weniger als 3% in Wachstumszeiten), und andererseits wofür das Geld ausgegeben wird. Schulden für Investitionen zu machen ist etwas anderes als für laufende Ausgaben.

zur 60% Quote: da wird gerne vergessen, dass hier nicht nur der Zähler (Schulden) sondern genauso der Nenner (BIP) relevant sind. Am leichtesten ließe sich die Schuldenproblematik durch höheres Wachstum lösen. Da helfen die neoliberalen Kaputtsparprogramme halt leider gar nicht. Die senken Zähler und Nenner - die Schuldenlast bleibt drückend, aber viel soziales Leid wird verursacht. Ideologiegetriebener Wahnsinn.

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