Der Alltag nach Anschlag auf Flüchtlingswohnheim

8. Juni 2011, 13:42
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Neue Überwachungskameras: Mehr hat sich seit der Explosion im September nicht verändert - Ein Lokalaugenschein

Leise Gitarrenmusik begrüßt jede Besucherin und jeden Besucher. Vier Männer sitzen auf den Treppen vor der Eingangstüre. Sie plaudern, rauchen und zupfen an den Instrumenten. Dass zwei Saiten fehlen, scheint sie nicht zu stören. Auch nicht, dass die oberste Stufe beschädigt ist. Sie hat seit dem 11. September 2010 einen Sprung. An dem Tag zündeten Unbekannte einen Sprengkörper vor dem Caritas-Flüchtlingswohnhaus in der Grazer Mitterstraße. Vor dem Haus, in dem die vier Männer wohnen.

Bis jetzt hat die Polizei keine Ahnung, wer den Sprengsatz gezündet hat (Der Standard berichtete). Spekulationen, es könnte sich um eine Aktion der rechten Szene gehandelt haben, haben sich weder bestätigt noch zerstreut.

160 Euro zum (Über)leben

Insgesamt 37 Personen aus etwa zwanzig Nationen leben in der Mitterstraße in Einzelzimmern. Als einzige Einrichtung ihrer Art biete das Flüchtlingswohnheim außerdem eine regelmäßige medizinische und psychologische Betreuung, erzählt Susanne Afify, die durch das Haus führt.

Die AsylwerberInnen mit erhöhtem Betreuungsbedarf seien alle Selbstversorger und müssten mit etwa 160 Euro im Monat ihren Lebensunterhalt begleichen. Ausgezahlt werde alle zwei Wochen. "Arbeiten dürfen sie ja nicht", sagt Afify. Ein wenig Geld könnte aber jedeR durch gemeinnützige Arbeit im Wohnheim dazuverdienen. Fünf Euro in der Stunde etwa für das Reinigen der Sanitäreinrichtungen. Von dem Angebot würde aber nur etwa ein Viertel der BewohnerInnen Gebrauch machen. Das liege aber nicht an fehlender Lust oder Faulheit sondern an den individuellen Vorgeschichten und Traumata der BewohnerInnen.

Eifriges Schrauben in der Fahrradwerkstatt

Anders sei das bei der Fahrradwerkstatt, die jeden Mittwoch im Erdgeschoß des Hauses stattfinde. Ein älterer Herr, der schon lange Zeit bei der Caritas tätig war, habe sich bereit erklärt, mit den AsylwerberInnen an ihren kaputten Rädern zu schrauben oder ihnen ein neues Rad zur Verfügung zu stellen. Mit Begeisterung würden laut Afify die BewohnerInnen die Schraubenzieher und Ersatzteile in die Hände nehmen und an den Fahrrädern herumbasteln. Den Arbeitslärm kann man dann in allen Gängen des Wohnheims hören.

Aber auch wenn gerade niemand dem älteren Herrn hilft, richtet er die Sachspenden her. In der ganzen Werkstatt stehen restaurierungsbedüftige Vehikel herum. Oft fehlt nur ein Rad oder ein Sattel, manchmal müssen aber auch größere Reparaturen getätigt werden. Herrscht im Erdgeschoß reges Treiben, so ist es im zweiten Stock des Hauses umso ruhiger. Nur ein großes Regal mit Büchern in allen Sprachen und eine Schultafel mit chinesischen Schriftzeichen füllen den Aufenthaltsraum.

Sprachenvielfalt

Früher wären hier Deutschkurse abgehalten worden, sagt Afify. Die Studentinnen, die die BewohnerInnen unterrichtet hätten, seien allerdings schwanger geworden. Ersatz sei seit einem Jahr nicht mehr in Sicht. Dabei wäre das Interesse bei vielen AsylwerberInnen da. Offizielle Deutschkurse müssten die Leute laut Teamleiter Bernhard Windhaber selbst bezahlen. "Und bei dem geringen Taschengeld, das sie zur Verfügung haben, sind selbst dreißig Euro pro Kurs unerschwinglich:"

Verständigungsschwierigkeiten gebe es aber laut Afify trotz der Sprachenvielfalt kaum. "Wenn man sich nicht mit Worten unterhalten kann, dann steigt man eben auf Hände und Füße um." Außerdem könnten sich viele BewohnerInnen zumindest ein wenig auf Deutsch unterhalten und würden für Neuankömmlinge oft als DolmetscherInnen fungieren.

Senioren als PartnerInnen

Eine Möglichkeit die Sprachfähigkeiten zu trainieren und entwickeln seien auch die Ausflüge in das Seniorenheim Strassgang in Graz. Zwei bis sechs ausgesuchte BewohnerInnen würden etwa alle drei Wochen mit einer Betreuerin oder einem Betreuer zu den Senioren fahren.

Die Idee hinter der Kooperation sei gewesen, dass man die beiden Gruppen am Rande der Gesellschaft zusammenführe und ihnen so zu mehr Selbstbewusstsein verhelfe, erzählt Afify. Mitkommen könnte eigentlich jedeR der Lust habe. Es gebe laut Wildhaber nur eine Vorgabe: er oder sie müsse stabil sein und mit dem Thema Tod zu Recht kommen. "Wir wollen nicht, dass die Bewohner dann in ihre Fluchtraumata zurückfallen, wenn sie mit den alten Menschen in Kontakt kommen."

20 Jahre Wartezeit

Für viele seien die Ausflüge aber eine willkommene Abwechslung zum Alltag im Wohnheim und dem Warten auf einen subsidiärer Schutz und die offizielle Anerkennung als Flüchtling. Auch auf den Treppen vor dem Flüchtlingswohnheim ist das Thema Warten allgegenwärtig. Ein etwa 35-jähriger Mann aus dem Irak weiß ganz genau, wie lange er schon geduldig sein muss. "Fünf Jahre und zwei Monate lebe ich hier und ich weiß noch immer nicht, was mit mir geschieht."

Andere warten noch länger: Ein Herr aus dem Iran erzählt, dass er bereits seit zwanzig Jahren in Österreich ist und noch immer keine Antwort auf seinen Asylantrag bekommen habe. Von den fast vierzig BewohnerInnen habe laut Afify in letzter Zeit nur ein junger Mann aus Afghanistan den Flüchtlingstitel zuerkannt bekommen. Und das auch erst seit ein paar Wochen. Er lebt seit acht Monaten in Graz. "Jetzt suche ich Arbeit, damit ich bald ausziehen kann", erzählt er. Für die anderen heißt es aber weiterwarten, obwohl sie schon vor ihm den Asylantrag eingebracht haben.

Überwachungskameras

Seit dem Anschlag hat sich eben nicht viel geändert, nur, dass Überwachungskameras über dem Eingang und an jeder Hausseite montiert wurden. Außerdem sei "der Anschlag im Unterbewusstsein noch immer präsent und ich denke manchmal daran", erzählt Christine Aigner vom Betreuungsteam des Hauses. Windhaber ergänzt: "Es ist eben nie ans Licht gekommen, wer den Sprengkörper zündete, obwohl die Polizei intensiv ermittelte."

Mit solch einer Aktion habe man nicht gerechnet. Immerhin sei man laut Windhaber mit den Nachbarn immer gut ausgekommen. Initiativen gegen das Asylheim habe es nur bei dessen Eröffnung im Juli 2006 gegeben. Damals machte vor allem die FPÖ gegen die Einrichtung für AsylwerberInnen mit erhöhtem Betreuungsbedarf mobil. (Bianca Blei, derStandard.at, 8.6.2011)

  • Eine Gitarrensaite fehlt. Das stört den jungen Mann aus Afghanistan aber wenig.
    derstandard.at/blei

    Eine Gitarrensaite fehlt. Das stört den jungen Mann aus Afghanistan aber wenig.

  • Die letzte Spur des Sprengkörpers: Eine Kerbe in der Treppe.
    derstandard.at/blei

    Die letzte Spur des Sprengkörpers: Eine Kerbe in der Treppe.

  • Seit dem 11.9.2010 werden alle Eingänge mit Videokameras überwacht.
    derstandard.at/blei

    Seit dem 11.9.2010 werden alle Eingänge mit Videokameras überwacht.

  • 36 Einzelzimmer stehen für AsylwerberInnen zur Verfügung.
    derstandard.at/blei

    36 Einzelzimmer stehen für AsylwerberInnen zur Verfügung.

  • In der Fahrradwerkstatt werden jeden Mittwoch Sachspenden repariert.
    derstandard.at/blei

    In der Fahrradwerkstatt werden jeden Mittwoch Sachspenden repariert.

  • Die Schultafel im Aufenthaltsraum verwaist indessen - Lehrermangel.
    derstandard.at/blei

    Die Schultafel im Aufenthaltsraum verwaist indessen - Lehrermangel.

  • "Die letzten Paradiese der Menschheit" liegt neben fremdsprachigen Büchern im Regal.
    derstandard.at/blei

    "Die letzten Paradiese der Menschheit" liegt neben fremdsprachigen Büchern im Regal.

  • Seit über fünf Jahren wartet dieser junge Iraker auf Nachricht vom Staat.
    derstandard.at/blei

    Seit über fünf Jahren wartet dieser junge Iraker auf Nachricht vom Staat.

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