Die Kultur auf die Tapete bringen

7. Juni 2011, 19:19
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Der österreichische Kulturphilosoph Herbert Lachmayer lehrt in Ausstellungen "Geschmacksintelligenz"

Er setzt dabei auf eine Mischung aus Raumkunst plus freie Rede in tapezierten Räumen.

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Das Da Ponte Research Center liegt in einem ruhigen Innenhof unweit des Wiener Burggartens. Seinen Namen hat das Zentrum vom italienischen Librettisten Lorenzo Da Ponte, der für seine Texte zu den Opern Figaros Hochzeit, Don Giovanni und Così fan tutte berühmt wurde.

Mozart und das 18. Jahrhundert sind daher auch wichtige Forschungsthemen an dem außeruniversitären Forschungsinstitut, aber beileibe nicht die einzigen. Der Themenstrauß ist so bunt, dass er mit einer Kurzbeschreibung kaum zu fassen scheint. Es sei denn, man versucht es im Stil von Douglas Adams: die Musik, die Geschichte und der ganze Rest. Darum geht es hier.

Raumkunst plus Rhetorik

Was es damit auf sich hat, weiß der Institutschef, Herbert Lachmayer, Anfang 60, mit weißen, kurzgeschorenen Haaren. Er öffnet die Eingangstür und beginnt sofort zu erklären, was er und seine Mitarbeiter am Institut so tun. Er assoziiert, ventiliert, springt von Thema zu Thema - und hört nicht auf damit.

Doch im Gegensatz zur herkömmlichen Dauerrede ist Lachmayers Redefluss eine Tugend, eine Vermittlungsstrategie: Lachmayer ist Ausstellungsmacher. "Staging knowledge" heißt sein Konzept, mit dem er in Österreich, Deutschland, England und den USA auftritt. Übersetzt heißt das etwa: Raumkunst plus Rhetorik, Wissensvermittlung mit ästhetischen Mitteln.

"Wir reden die Ausstellungen herbei", sagt Lachmayer. Als er vor fünf Jahren an der Wiener Albertina eine Ausstellung zum Thema Mozart zeigte, habe er drei Monate lang täglich vier Stunden vor Publikum durchgeredet. Unter den Zuhörern waren etwa Riccardo Muti und Richard von Weizsäcker, aber auch Blinde, Pensionisten und Schüler. Die Vielfalt der Adressaten sei bewusst gewählt: "Ich arbeite mit Wissenschaftern und Künstlern zusammen, unterrichte an Universitäten und zugleich immer auch an Schulen. Wir wollen keine elitären Veranstaltungen." "Staging knowledge" sei eine Anleitung zur geistigen Selbstermächtigung, ein Versuch der Demokratisierung der Kultur.

Expertenwissen sei für den Besuch seiner Ausstellungen nicht notwendig, sagt Lachmayer. Was zähle, sei einzig und allein die Vorstellungskraft. "Ich sage immer: Es geht vor allem um die ,real virtuality' des Denkens - von ,virtual reality' haben wir ohnehin genug." Eine zentrale Rolle in Lachmayers Ausstellungen spielen bildhaft sprechende Tapeten, mit denen er die Ausstellungsräume auskleidet, "hermeneutic wallpapers" nennt er sie.

Lachmayer entwirft diese Tapeten zusammen mit der Künstlerin Margit Nobis, sie sollen den kulturellen Kontext des Themas zu einem assoziativen Muster verdichten und die Besucher zur Konversation anregen. Bei der Schau Gustav Mahler - Produktive Dekadenz in Wien um 1900 im Österreichischen Kulturforum Berlin waren auf den hermeneutischen Tapeten neben Mahler auch des Komponisten Entourage sowie Vertreter des Fin de Siècle zu sehen: Alma Mahler, Sigmund Freud und Berta Zuckerkandl etwa.

Typische Muster

Als Hintergrund diente ein Stoffdetail von Dagobert Peche, das, wie Lachmayer erklärt, nicht nur als typisches Muster der Wiener Werkstätte gelesen werden könne, sondern auch als "geheime Notenschrift oder psychotische Gewächse von Wahnvorstellungen". Wie man von Peche zur Psychose in wohlgeformten Worten springt, kann man auch lernen: Lachmayer unterrichtet "Staging knowledge" an der Kunst-Uni Linz als PhD-Studium, seit kurzem ist er auch als Gastprofessor an der Stanford University tätig, wo er mit US-Studenten vergleichende Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte und Schamanismus zur erzählenden Raumkunst verarbeitet. Das sei, sagt Lachmayer, auch eine Form der Wissenschaft. "Es heißt immer: De gustibus non disputandum. Stimmt nicht: Über Geschmack kann man sehr wohl streiten! Ich nenne das Geschmacksintelligenz."

Beim Wissenschaftsfonds FWF sieht man das auch so. Dieser fördert Lachmayer nun im Rahmen des "Programms zur Entwicklung und Erschließung der Künste". Seit Bewilligung seines Forschungsprojekts im Frühjahr 2011 hat der Raumkunst-Didaktiker vier Ausstellungen abgeschlossen, drei weitere werden in diesem Jahr folgen. Die Themen: digitale Heimat, Konstruktion der Gegenwart sowie die Aufklärung in Wien und Weimar.

Eine Prise Subversion wird wohl auch diesmal dabei sein. Das passende Motto hat Karl Kraus bereits vor hundert Jahren vorgegeben: "Und das Chaos sei willkommen, denn die Ordnung hat versagt!" (Robert Czepel/DER STANDARD, Printausgabe, 08.06.2011)

  • Die Schau "Gustav Mahler - Produktive Dekadenz in Wien um 1900" wurde im Österreichischen Kulturforum Berlin gezeigt.
    foto: thomas mueller

    Die Schau "Gustav Mahler - Produktive Dekadenz in Wien um 1900" wurde im Österreichischen Kulturforum Berlin gezeigt.

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