"Österreich braucht einen Paradigmenwechsel und ein modernes Verständnis für Forschung"

7. Juni 2011, 19:09
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Aber wie kann man das Ziel der Forschungsstrategie erreichen?

3,76 Prozent Forschungsquote bis 2020: Dieses Ziel ist nun in der Forschungsstrategie festgeschrieben. Aber wie könnte man es erreichen? Es diskutierten der Ökonom Andreas Schibany, die FFG-Chefs Henrietta Egerth und Klaus Pseiner und Voestalpine-Forschungschef Peter Schwab. Moderation: Peter Illetschko.


STANDARD: Das magische Ziel, 3,76 Prozent der Bruttoinlandsprodukts bis 2020 für Forschung auszugeben, ist in der Forschungsstrategie definiert. Es fehlt aber ein Finanzierungsplan, und angesichts des derzeitigen Budgetdefizits und der gegenwärtigen Forschungsquote von 2,76 Prozent fragen sich Kritiker, wie das binnen neun Jahren gelingen soll. Haben Sie eine Idee?

Egerth: Man wird den Hebel bei den Unternehmen ansetzen müssen. Schon jetzt werden etwa fünf Milliarden von insgesamt 7,8 Milliarden Euro von der Wirtschaft in die Forschung gesteckt. Das muss beim sehr ambitionierten, klaren Ziel 3,76 Prozent Forschungsquote umso mehr geschehen, zumal man den privatwirtschaftlichen Finanzierungsanteil von derzeit rund 60 auf mindestens 66, besser 70 Prozent erhöhen will. Das braucht natürlich eine entsprechende Anschubfinanzierung durch die öffentliche Hand. Es gibt viel Spielraum für Interpretationen der österreichischen Forschungsstrategie, aber da sehe ich einen ganz klaren Auftrag an die FFG. Anschubfinanzierung ist genau das, was wir machen.

Schwab: Spielraum für Interpretation ist eine treffende Formulierung. Mir ist das zu viel Spielraum. Ich hätte gerne konkret gelesen, wie sich die Regierung den Weg zu 3,76 Prozent Forschungsquote vorstellt. Österreich ist nun nach einer kurzen, aber sehr heftigen Krise wieder am besten Weg, ein prosperierender Wirtschaftsraum zu werden. Da sollte man doch klare Vorstellungen haben, wie man das Land weiterbringt, damit es zu keiner Stagnation kommt. Ich freue mich aber, dass die Strategie eine klare Botschaft für Forschung enthält.

Schibany: Das Strategiepapier ist schon gut gemeint, es zeigt ein sehr fantasievolles Wollen. Der Weg zu den 3,76 Prozent Forschungsquote ist aber wirklich nicht beschrieben. Keine Zeile wurde darüber verloren. Im diesjährigen Forschungs- und Technologiebericht kann man nachlesen, dass das Ziel, eine Quote von 3,76 Prozent zu erreichen, massive zusätzliche Kosten mit sich bringen würde. Im öffentlichen Sektor allein zwischen 200 und 300 Millionen mehr pro Jahr. Das ist gewaltig. Und es tut sich für mich die Frage auf, wie das Geld am besten investiert werden soll. Reicht es, einfach mehr zu investieren und "more of the same" zu fördern? Ich glaube nicht. Da sollte es einen Paradigmenwechsel der öffentlichen Förderung geben.

Schwab: Ich denke: Jeder Euro mehr für die Forschung wäre ein Gewinn für den Standort. Man muss natürlich die sich ändernde Marktsituation beachten. Und mehr Unternehmen zu Forschung und Entwicklung bringen.

Pseiner: Genau das machen wir doch. Mit Instrumenten wie dem Innovationsscheck versuchen wir mehr heimischen KMUs das Thema schmackhaft zu machen. Die Wirtschaft nimmt das Angebot sehr gut an. Es gibt neu aufgesetzte Humanressourcen-Programme wie "Praktika" – auch da wird ein Anreiz geschaffen, um talentierte Nachwuchskräfte für F&E in die Unternehmen zu holen.

STANDARD: Zurück zum Thema "more of the same": Was genau bedeutet das, und was sollte man, gesetzt den Fall, es gibt das nötige Geld dafür, stattdessen tun?

Schibany: Österreich hat innerhalb der OECD-Länder eine der höchsten Förderquoten. Irgendwann kommt der Punkt, wo "mehr" nicht "mehr Qualität" bedeutet, denn der Großteil davon ist völlig unspezifisch. Man müsste, statt nur mehr Geld in den Fördertopf zu stopfen, den Innovationsbegriff, der in österreichischen Unternehmen sehr veraltet ist, neu und viel breiter als bisher definieren. Der ganze Prozess von der Idee zur Innovation bis zum Produkt ist viel zu wenig in den Köpfen der Entscheidungsträger. Vieles davon entzieht sich einer Förderung. Man könnte auch den akademischen Sektor für Innovationen viel besser nützen – das heißt, mehr für die Gründung von Start-ups tun. Programme, die den Wissenstransfer von der Uni in Richtung Wirtschaft fördern, gibt es ja – zum Beispiel die Christian-Doppler-Labors oder Comet. "More of the same" ist für mich zum Beispiel: die Erhöhung der Forschungsprämie von acht auf zehn Prozent. Das ist großteils reine Subvention und in seiner gegenwärtigen Form wirkungsloses Fördergeld.

STANDARD: Wieso wirkungslos?

Schibany: Man kann nicht nachvollziehen, ob ein nachhaltiger Nutzen für F&E gezogen wird.

Schwab: Das sehe ich nicht so. Die Idee, die Forschungsprämie zu erhöhen, halte ich für hochgescheit. Der bürokratische Aufwand ist überschaubar. Und vor allem können Forscher an ihren Projekten weiterarbeiten und müssen ihre Arbeit in kein thematisches Konzept zwängen, um über ein bestimmtes Programm den Förder-Euro zu bekommen. Letztlich hilft die Prämie bei der Argumentation in Krisenzeiten. So fällt es Konzernchefs leichter, die Forschungsausgaben in Krisenzeiten nicht zu bremsen.

Schibany: Sie sehen zu wenig, was mit der Forschungsprämie gemacht wird. Es profitieren auch Handelsunternehmen, die keinen Cent in F&E stecken. Daran zeigt sich, dass es da mehr Regulierung braucht und eine Erhöhung der Prämie allein noch keinen nachhaltigen positiven Einfluss auf die Unternehmensforschung hat.

Pseiner: Wenn es fehlgelenkte Mittel gibt, dann müsste man einen Teil der Forschungsprämie in die direkte Förderung umlenken. Hier wird das Geld nach Wettbewerbskriterien vergeben, nicht nach dem Faktor "möglichst große Breitenwirkung".

Schwab: Mir ist es neu, dass Handelsketten eine Forschungsprämie kassieren können. Dass das nicht geht, unterschreibe ich. Ich frage mich aber, wie man da einen Riegel vorschieben kann.

Schibany: Indem nur jene Unternehmen Nutznießer der Prämie sein dürfen, die schon einen Förderantrag bei der FFG eingereicht haben. Das ist kontrollierbar.

Pseiner: Man braucht eine Wirkungsanalyse. Derzeit ist es für uns zum Beispiel nicht möglich, unsere Förderinstrumente mit der Forschungsprämie abzustimmen. Da fehlt die Transparenz. Wie hat das Geld gewirkt? Was wurde bewirkt? Deswegen wäre ein differenzierteres Ausgestalten der Forschungsprämie sinnvoll.

Schwab: Das soll mir alles recht sein, wenn die Bürokratie nicht überbordet. Da muss man als Forscher während eines geförderten Projekts eine Zettelwirtschaft auf sich nehmen, die es in sich hat.

Egerth: Das kann ich für die FFG so nicht stehen lassen. Wir haben unsere Abläufe standardisiert, auf elektronische Einreichung umgestellt, unser Serviceangebot ausgebaut. Und wir sorgen im Rahmen unserer Möglichkeiten für rasche und unbürokratische Geldflüsse.

Schwab: Ich meine nicht die Geldflüsse. Ich spreche von der laufenden Dokumentation über Arbeitsbögen, die die Forscher ausfüllen müssen. Das empfinde ich als mühsam. Niemand wird in einem Projekt Daumen drehen, sondern forschen – und sich an Zeitpläne halten. Da schaut schon das Unternehmen darauf.

Pseiner: Wir verursachen sicher keine Zettelwirtschaft. Wir vergeben Steuergeld – und das muss einer gewissen Kontrolle unterliegen. Auch intern werden Sie jedem Projekt eine gewisse Struktur geben, um in absehbarer Zeit zu einem Ziel zu kommen.

STANDARD: Die Diskussion in der österreichischen Forschungscommunity ist reich an Partikularinteressen wie diesem – verliert man vielleicht dabei zu sehr das Gesamtziel aus den Augen?

Egerth: Möglich. Ich sehe das Ziel 3,76 Prozent als ein klares Signal, aber auch als psychologischen Anreiz. Das Ziel muss ein Paket aus Forschung und Bildung sein, ein modernes Gesamtbild.

Schibany: Ich würde davor warnen, nur nach mehr und nach unbürokratisch zu verteilendem Geld zu schreien. Das kann nicht das Ziel sein. Daran kann man den Wohlstand eines Landes absolut nicht ablesen. Die höchsten Steigerungsraten in der F&E-Quote hat Portugal – man weiß, dass es dem Land nicht gut geht. Sinkende Quoten hat Schweden, und diesem Land geht es gut. Es ist hier gelungen, die Mittel so effizient einzusetzen, dass ein Höchstmaß an Produktivität erzielt wird. Nur so kann man Wachstum ermöglichen und aus der gegenwärtigen Krise herauskommen. Die Quote ist nicht wichtig. In Österreich fehlt einiges zum Wachstum, Zum Beispiel eine Bildungsreform. Um als Innovationleader aufzutreten, muss man da effizientere Schritte setzen.

Schwab: Da braucht es mehr Investitionen. Man sollte in Zukunft auch jedem Wissenschafter Unternehmergeist beibringen. Es gibt viel zu wenige Gründungen aus dem akademischen Bereich.

STANDARD: Ein bekanntes Problem. Gibt es konkrete Gründe? Welche Schritte kann man da setzen?

Pseiner: Das mag am Bildungssystem liegen, vielleicht auch an den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Aber wir versuchen da gegenzusteuern. Mit AplusB-Zentren, um an Unis Gründungen zu unterstützen, oder mit Hightech-Start-up-Förderungen.

Egerth: Wir haben in Österreich keine Kultur des Scheiterns. Wer scheitert, hat verloren. Dabei sollten wir Scheitern als Chance verstehen, als Lernprozess.

Schibany: Na ja, niemand scheitert gern. Das Verhältnis dazu könnte entspannter sein. In den USA wird das Scheitern aber als Erfahrung betrachtet, als Chance, um es beim zweiten Mal besser zu machen. Hier gibt es nicht viele, die es mehrfach probieren. Es gibt dafür relativ viele, die erfolgreich bleiben – im Verhältnis zur geringen Zahl der Gründungen. Aber bei Gründungen geht es nicht nur um Geld, sondern auch um Ideen und Businessmodelle.

Egerth: Mit Risikokapital könnte man die Unternehmensforschung weiter ankurbeln wie das in Österreich ja auch schon oft passiert ist, an Standorten, wo dann mit anderen Unternehmen, mit Uni-Instituten und außeruniversitären Forschungsinstituten so etwas wie ein Cluster entstanden ist. Davon bräuchte man hierzulande mehr. (DER STANDARD, Printausgabe, 08.06.2011)

Henrietta Egerth, Jahrgang 1971, studierte Handelswissenschaften an der Kepler-Uni Linz. Sie ist seit 2004 gemeinsam mit Klaus Pseiner Geschäftsführerin der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft FFG.

Klaus Pseiner, Jahrgang 1956, studierte Biologie und war bei der ESA, ehe er Geschäftsführer der Austria Space Agency (heute Bestandteil der FFG) wurde.

Andreas Schibany, Jahrgang 1966, studierte Philosophie, Soziologie und Volkswirtschaft an der Uni Wien und arbeitet als Ökonom am Zentrum für Wirtschafts- und Innovationsforschung der Joanneum Research in Wien.

Peter Schwab, Jahrgang 1964, studierte Technische Physik und ist seit 2002 Forschungschef der Voestalpine.

  • Gruppenbild mit Innovationsexperten: Klaus Pseiner (links außen), FFG-Geschäftsführer, zeigt auf die Mitdiskutanten. Ökonom Andreas Schibany (Zweiter von links) ist skeptisch, wenn es darum geht, "mehr Geld" für die Fördertöpfe zu verlangen. FFG-Geschäftsführerin Henrietta Egerth hebt das Gesamtbild eines modernen Landes mit Forschung und Bildung hervor und Voestalpine-Forschungschef Peter Schwab freut sich über die Erhöhung der Forschungsprämie.
    foto: standard/corn

    Gruppenbild mit Innovationsexperten: Klaus Pseiner (links außen), FFG-Geschäftsführer, zeigt auf die Mitdiskutanten. Ökonom Andreas Schibany (Zweiter von links) ist skeptisch, wenn es darum geht, "mehr Geld" für die Fördertöpfe zu verlangen. FFG-Geschäftsführerin Henrietta Egerth hebt das Gesamtbild eines modernen Landes mit Forschung und Bildung hervor und Voestalpine-Forschungschef Peter Schwab freut sich über die Erhöhung der Forschungsprämie.

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