Christian Thielemann wird Chef der Salzburger Osterfestspiele
Dirigenten gibt es reichlich. Nur ganz wenigen von ihnen traut man jedoch zu, aus Musik sternstundenhaft Substanz herauszuholen. Was Wunder also, dass man diese Herrn mit Angeboten überhäuft und ihnen ihre Exzentrik verzeiht.
Auch Christian Thielemann ist in dieser luxuriösen Position: Bei den Bayreuther Festspielen, wo er als Wagner-Dirigent längst eine zentrale Position innehatte, war er im Gespräch für eine offizielle Funktion. Sein Name war auch im Umlauf, als es darum ging, die Nachfolge von Staatsoperndirektor Ioan Holender zu regeln. Natürlich wurde Thielemann, 1959 in Berlin geboren, auch für die Salzburger Festspiele genannt; und als Gerüchte aufkamen, zwischen den Berliner Philharmonikern und ihrem Chef Simon Rattle würde es kriseln, brachte man Thielemann ins Spiel.
Dass aus all dem nichts wurde, war für den bekennenden Konservativen (im Sinne von: Tradition bewahren), der sich über die deutsche Provinz hochgearbeitet hat, leicht zu verschmerzen. Über Jahre war Thielemann Musikchef an der Deutschen Oper Berlin - wo er einst als Korrepetitor lernte -, bis er sich überraschend zurückzog, um nach München als Chef der dortigen Philharmoniker zu wechseln, von denen er nach einem Zwist um die Vertragsverlängerung auch schon wieder geschieden ist. Egal. Ab 2012 wird Thielemann Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden, mit der er also ab 2013 bei den Salzburger Osterfestspielen zu hören sein wird.
Man sieht: Im vollen Bewusstsein seines Marktwertes gönnt sich Thielemann etwas Sprunghaftes, zu dem auch gehört, spontan Aufführungen abzusagen, wenn er das Gefühl hat, wieder Kräfte sammeln zu müssen. Dies mag für Veranstalter unangenehm sein - doch ist es nur die Folge eines kantig daherkommenden Dirigierstils, der vor allem dem Wagner- und Strauss-Repertoire durch verzehrende Energie hohe Unmittelbarkeit verleiht.
Produktive Ruhelosigkeit allein wird bei den Osterfestspielen jedoch nicht reichen. Thielemann, der die Originalklangbewegung eine Mode nennt, wird ein Konzept vorlegen müssen, das Attraktivität und Kontinuität garantiert. Andererseits: Mit der Übernahme der Osterfestspiele tritt er als Retter eines von Karajan gegründeten Festivals an. Für einen Karajan-Verehrer genug Motivation also, um aus einem unerwartet in Erfüllung gegangenen Traum keinen Albtraum werden zu lassen. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD - Printausgabe, 8. Juni 2011)