Und Erol geht zum Regenbogen

7. Juni 2011, 18:24
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Reportage aus Mardin, wo am Sonntag ein syrischer Christ für die Kurden antrittt

In Mardin, dem Fleckerlteppich der Volksgruppen in der Türkei, tritt bei den Parlamentswahlen am Sonntag ein syrischer Christ für die Kurden an. Doch viele schreiben das liberaler gewordene Klima der regierenden AKP zu.

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Im Krankenhaus liegen zwei Leichen. Keine gewöhnlichen Toten, es sind Männer der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK). Mehr als zwei Wochen liegen sie schon dort, und das bringt die Familienangehörigen auf und die Sympathisanten der Terrorgruppe. Dann kommt Erol Dora zu den Hunderten von Protestierenden vor dem Eingang des Krankenhauses, ein Christ und Kandidat der Kurdenpartei, und reckt die Arme wie ein Sieger in die Höhe, während die Menge applaudiert. Dora hat einen guten Tag erwischt: Der Staatsanwalt erklärt die DNA-Untersuchungen mit einem Mal für beendet und gibt die Leichen frei. So wird Wahlkampf gemacht in Mardin, tief im Südosten der Türkei.

"Märtyrer sind unsterblich", skandieren junge Frauen, als die Leichen der erschossenen PKK-Kämpfer mit einem schwer bewaffneten Polizeikonvoi abtransportiert werden. Die Kurdenfrage ist ganz offensichtlich nicht gelöst, auch wenn der türkische Regierungschef es so verkündet hat. Es ist eine der Zweideutigkeiten in diesem Wahlkampf, an dessen Ende am Sonntag allen Umfragen zufolge ein historischer dritter Sieg der konservativ-muslimischen Partei von Premierminister Tayyip Erdogan stehen wird.

Erol Dora, ein rundlicher Mann von 47 Jahren, lässt sich stockwerkehoch auf Häuserwänden in Mardin plakatieren. In dieser alten Stadt nahe der syrischen Grenze, wo Kurden, Türken und Araber, Muslime und Christen seit Jahrhunderten zusammenleben, war Dora weitgehend unbekannt. Ein syrisch-orthodoxer Christ für die Kurdenpartei? "Sie haben mich gefragt, und ich habe Ja gesagt", so erklärt er seine Kandidatur für die BDP. "Sie erkennt die Bedeutung der assyrischen Minderheit an", sagt er.

Wie die Kurden dürfen auch die syrischen Christen keinen Unterricht in ihrer Muttersprache haben. Und so kommt es, dass Doras kleine Wahlbusse mit den Regenbogenfarben der Kurden immer wieder von der Polizei gestoppt werden. Dann müssen die Insassen aussteigen, Ausweispapiere zeigen, sich filmen lassen.

"Jede Wahl war wichtiger"

Mardin ist das Patchwork der Türkei, der Fleckerlteppich der ethnischen Minderheiten. 75 Familien der syrisch-orthodoxen Gemeinde gibt es hier noch und eine ganze Straße von Schmuckhändlern mit christlichen Namen. Bald neun Jahre AKP-Regierung scheinen die Grenzen zwischen den Volksgruppen durchlässiger gemacht zu haben. "Jede Wahl war wichtiger für die Demokratisierung", sagt Gabriel Cilli, der einen dieser Juwelierläden führt. Sein Nachbar auf der anderen Straßenseite denkt dasselbe.

"Mit jeder Wahl wird es besser. Die Leute haben heute mehr Freiheit", meint Hasan Cuha, ein Araber. Er verkauft nicht nur CDs in seinem Musikladen, er singt auch - Türkisch, Arabisch, Kurdisch. "Mardin hat seine Identität wiedergefunden", sagt der Sänger. Unter den früheren Regierungen sei die Stadt immer in einem Atemzug mit den Terrorangriffen der PKK genannt worden, Erdogans AKP aber habe Mardin herausgeputzt und dem Tourismus geöffnet.

In der Stadt mit ihren 80.000 Einwohnern wird sich zeigen, wie sehr die AKP zur übergreifenden Volkspartei geworden ist. Doch wie in so vielen anderen türkischen Städten werden den Wählern in Mardin Kandidaten von auswärts vorgesetzt. Das ist eine andere Besonderheit dieser Parlamentswahlen.

Erol Dora arbeitet als Anwalt in Istanbul, stammt aber zumindest aus der Region, aus einem Dorf bei Silopi im Länderdreieck zum Irak und zu Syrien. Muammer Güler, der Kandidat der AKP in Mardin, war lange Gouverneur von Istanbul und ist jetzt der Geheimdienstkoordinator der Regierung. Izzet Ertem, ein Elektroingenieur, der für die Rechtsnationalisten der MHP antritt, ist aus der 250 Kilometer weit entfernten Stadt Elazig abkommandiert worden.

Was zählt, sind der Parteichef und sein Wort. Einen unabhängigen Abgeordneten, der um seine Wiederwahl kämpft, gibt es aber auch. Süleyman Bölünmez ist der Mann der Wohltaten, ein vermögender Unternehmer und Erbauer von Schulen, Krankenhäusern, Wohnungen in Mardin. "Wir danken Süleyman Bölünmez für diesen Basar", steht etwa über dem Eingang zu einem Markt in der Altstadt. Auch ihn will die AKP kleinkriegen.

Christen schwanken

Dora für die Kurden, Güler oder Bölünmez für die Türken und die muslimischen Araber. Die Christen aber schwanken. Dora soll ihre Stimmen einheimsen, das ist der Plan. "Natürlich werden wir ihn unterstützen", sagt der Schmuckhändler Cilli und zweifelt dann doch an der Kurdenpartei BDP mit ihren Autonomieforderungen und den unklaren Aussagen zum Gewaltverzicht: "Die Partei, für die Dora antritt, ist sehr ideologisch. Wir müssen abwarten, wie er sich zu ihr positioniert."

So steht die Koalition der Minderheiten bisher nur auf dem Papier der Wahlliste. Dass die AKP auch um die Christen wirbt, zeigt der Streit um das Kloster Mor Gabriel in der Provinz Mardin. Dort prozessiert der Clan von Süleyman Celebi, einem kurdischen AKP-Abgeordneten, seit Jahren hartnäckig gegen Metropolit und Mönche. Erdogan hat ihn dieses Mal nicht mehr für das Parlament aufgestellt. (DER STANDARD, Printausgabe, 8.6.2011)

  • Vier Stockwerke Erol Dora: Der syrische Christ kandidiert im Südosten 
der 
Türkei für das gelb-rot-grüne Bündnis der Kurden.
    foto: markus bernath

    Vier Stockwerke Erol Dora: Der syrische Christ kandidiert im Südosten der Türkei für das gelb-rot-grüne Bündnis der Kurden.

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    foto: markus bernath
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