Kapital fließt wieder nach CEE zurück, jedoch weniger als vor der Krise. Die Region ist von ausländischem Kapital abhängig
Wien - Ausländische Investoren kehren nur zögerlich nach Osteuropa zurück.
2010 verzeichneten fünf der neuen EU-Mitgliedstaaten sinkende Zuflüsse an
Kapital aus dem Ausland, zeigt eine Studie des Wiener Instituts für
Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW). Die ausländischen
Direktinvestitionen (FDI) sind 2010 in Bulgarien, Estland, Ungarn, Polen und
Rumänien gefallen. Insgesamt sind die FDIs in Osteuropa leicht, um neun Prozent,
gestiegen. Unter FDI werden Beteiligungskapital wie Aktien, reinvestierte
Gewinne und Kredite von Mutter- an Tochterunternehmen zusammengefasst. Nach der
Krise hatten sich die Direktinvestitionen von 112 Milliarden Euro auf knapp 55
Mrd. Euro halbiert. Mit dem aktuellen Wachstum würde es aber noch bis 2017
dauern, bis das Vorkrisenniveau in der gesamten Region wieder erreicht ist.
Gabor Hunya, WIIW-Ökonom, erwartet aber für 2011 einen stärkeren Aufschwung,
FDI nach Osteuropa sollten um 30 Prozent steigen, von 60,9 auf 79,2 Mrd. Euro.
"Wir rechnen mit einer Erholung in Tschechien, Polen, Ungarn und der Slowakei",
sagte der Ökonom. Doch gerade Russland soll mit einem FDI-Wachstum von 15 Mrd.
Euro ein Gros des ausländischen Kapitals anlocken. In jenen Staaten, die noch
von der Krise betroffen sind, wie etwa Rumänien und Bulgarien, sollte die
Investoren-nachfrage weiter verhalten sein. Das ist für Hunya ein schlechtes
Zeichen, sei doch das "Wachstum in Osteuropa noch nicht unabhängig von
ausländischem Kapital".
Vorsicht
Die Vorsicht von Investoren ist für Hunya schnell nachvollziehbar. "Die Krise
hat die Profitrate von ausländischen Direktinvestition gedrückt", so Hunya. Nur
in Tschechien und Russland würde sie bei mehr als zehn Prozent liegen. In
Rumänien und Lettland sind die Gewinne auf knapp ein Prozent gefallen, in
Bulgarien, Ukraine, Kroatien und Serbien liegen sie unter fünf Prozent.
Osteuropa könnte aber laut Hunya von einem Trend bei der Standortwahl von
Unternehmen profitieren. Es gebe international eine starke Tendenz zu
"near-shoring", also der Verlagerung von Standorten nur in nähere Staaten, um
Transport- und Investitionskosten niedriger zu halten. Hunya geht davon aus,
dass Zentral- und Osteuropa für Unternehmen der Eurozone attraktiv sein könnte.
Ausländischen Direktinvestitionen bleiben für das Wachstum in Osteuropa
weiterhin wichtig. Im Schnitt würden 60 Prozent der Produktion und 80 Prozent
der gesamten Exporte in kleineren Ländern wie Tschechien oder Ungarn auf
ausländische Firmen entfallen, erklärt der WIIW-Ökonom. "Die ausländischen
Unternehmen sind zudem die ersten, die von einem Aufschwung in Deutschland
profitieren können." Österreich ist mit einem Marktanteil von 11,6 Prozent nach
Zahlen aus 2009 das drittwichtigste Herkunftsland von FDI für die zehn
osteuropäischen EU-Mitglieder. (Lukas Sustala, DER STANDARD, Printausgabe, 8.6.2011)