Wunschprojekt EWF: Demokratie Nebensache?

Peter Rosner, 7. Juni 2011, 17:40

Wie soll eine zentrale Fiskalpolitik gelingen, wenn schon die innerstaatliche Kontrolle nicht funktioniert?

Im Standard vom 4. Juli entwarf Stephan Schulmeister einen Plan für eine alternative Politik zur Bewältigung der schweren Finanzkrise in Europa. Ich verstehe diesen Plan in einigen Punkten nicht und ersuche um Erläuterung. Schulmeister schlägt die Errichtung eines ‚Europäischen Währungsfonds‘ (EWF) vor, der gemeinsam mit der EZB den Euro-Staaten Finanzmittel zur Verfügung stellt. Er soll dabei die Garantien für alle aushaftenden Kredite dieser Staaten übernehmen. Der Zinssatz soll so niedrig sein, dass die derzeit stark verschuldeten Staaten aus den Schulden herauswachsen können. Das würde freilich das Begehren der Staaten an solchen Kredite steigen lassen. Schulmeister weiß das und schlägt ein Verfahren vor, die Ausweitung der Staatschulden zu begrenzen: Die Vergabe der Mittel an die Mitgliedsländer soll "klaren Richtlinien" unterworfen werden.

Genau das aber ist der Punkt, den ich nicht verstehe. Was können solche Richtlinien bewirken? Soll der EWF prüfen, was die Staaten mit den so erhalten Mitteln machen wollen, so wie eine Bank ihre Kreditnehmer kontrollieren muss? Etwa: Zusätzliche Schulen dürfen gebaut werden, aber ein Eisenbahntunnel nicht? Oder: Bei einer Senkung der Einkommensteuer gibt es Kredit, aber nicht bei einer Senkung von Vermögenssteuern? Wie klar solche Richtlinien auch sein mögen, es wird bei jeder derartigen Kreditvergabe notwendig sein, die Steuereinnahmen, die Staatsausgaben und die geplante Politik des betreffenden bzw. betroffenen Staates zu prüfen und erst danach eine Entscheidung zu treffen.

Technisch ist das möglich. Dieser EWF wäre dann die zentrale fiskalpolitische Instanz für alle Staaten des Eurosystems und müsste dann zwangsläufig deren Souveränität stark beschränken. Das wird derzeit von vielen befürwortet und vielleicht führt tatsächlich kein Weg daran vorbei. Aber wenn man so etwas vorschlägt, dann muss man auch zeigen, wie das mit den üblichen Vorstellungen von Demokratie vereinbar ist, wonach bekanntlich gewählte Regierungen über Steuern und Staatsausgaben entscheiden.

Nehmen wir aber einmal an, dass das Vorhaben gelingt: Es gibt so einen Fonds, er kann mit den Staaten gut und dezent kooperieren, nicht grob bevormundend, wie es dem IWF oft vorgeworfen wird. - Sind gute Ergebnisse zu erwarten?

Zweifel

Ich habe da meine Zweifel. Stephan Schulmeister wird mit mir einer Meinung sein, dass die Fiskalpolitik in Österreich viel zu wünschen übrig lässt, sowohl die Steuern als auch die Staatsausgaben betreffend. Ich vermute sogar, dass wir weitgehend einer Meinung darüber sind, in welche Richtung die Fiskalpolitik geändert werden soll und was die Ursachen für die Probleme sind - Partikularinteressen der politischen Akteure und Dummheit. Ich gehe auch davon aus, dass wir Kollegen in anderen Staaten finden, die ähnliches von ihrem Land berichten können. Nur: Wie kann auf europäischer Ebene gelingen, was weder in Österreich noch in einem der anderen Staaten funktioniert?

Und: Wird dieser EWF dann von Personen dominiert, die erstens von der "richtigen" Theorie überzeugt sind und zweitens keinen Partikularinteressen nachgeben? Schulmeister beklagt, dass die derzeit wichtigsten Akteure - er nennt Schäuble, Lagarde, Juncker, Trichet - zu lange an den Markt geglaubt haben und nationalen Interessen nachgeben müssen. Wer ber auch immer die entscheidenden Positionen in diesem Fonds einnimmt - es werden Personen aus eben diesem Umfeld sein: Banken, Zentralbanken und die dominierenden Parteien der Mitgliedstaaten.

Was sie von den genannten Akteuren unterscheidet, ist nur, dass sie sich keiner Wahl stellen müssen. Sie werden aber wohl weitgehend die gleichen Theorien vertreten und die Expertisen der gleichen Partikularinteressen berücksichtigen.

Wer für die Errichtung eines EWF mit den in diesem Artikel geforderten Kompetenzen eintritt, muss daher erklären, wie dieser Fonds mit staatlicher Souveränität und Demokratie vereinbar und dennoch im gewünschten Sinn wirksam ist. Andernfalls bestünde nämlich die Gefahr, dass Stephan Schulmeister noch viele Gelegenheiten bekommen könnte, die Aktivitäten dieses EWF zu beklagen. (Kommentar der anderen, Peter Rosner, DER STANDARD, Printausgabe, 8.6.2011)

 

PETER ROSNER lehrt am Institut für Volkswirtschaft der Universität Wien.

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15 Postings
rompitasche
12
Schulmeister bleibt seiner Linie stets treu.

egal ob Hochkonjunktur oder Finanzkrise, er ist immer für höhere Staatsausgaben und Schulden.

yasujiro
00
Rosner versteht die klaren regeln nicht?

Na was gibt es denn jetzt, wenn nicht regeln - und die plolitik betont die klarheit, das sonst die finanzmärkte sie nicht glauben.

Herr Rosner war selbst bei siener eigenen versanstaltung dem hemetsberger (uni, 31.5.) zuhören, der gesagt hat, die europäischen Länder sind de facto in einer Fremdwährung (EURO) verschuldet (da sie nicht selbt herr über die "ihre" währung sind.)
Schulmeister geht nur einen logischen schritt weiter, einen währungsfonds zu fordern. Und jeder währungsfonds hat seine regeln, wie auch jede bank. ...
Die Uni-Wien-VW hat sich in der konkreten WiPolitik immer schon schwer getan; Ausnahme Streissler mutiert nun auch wie Sinn auch zu einem Vertreter der lokal-österreichischen-nationalen Interessen.

Selbständiger
01
Dann können zusätzlich zu den

Mastrichtkriterien, den Lissabonvertrag, den EZB-Regeln, den Länderverfassungen halt auch noch die Regeln dieses Steuerverschwendungsbelohnungsfonds gebrochen werden. Ungestraft natürlich. Schmierenkomödie und Volksverarschung, sonst nichts.

Erst sollten diese Verschwender und Verbrecher einmal wegen ihrer bisherigen Verstösse und Vertragsbrüche hinter Gitter, dann kann man über zusätzliche Regeln reden.

yasujiro
00
am besten beides

flotter denker
12
Was Sie da anmerken, waer ja an sich kein Problem

Denn was die Politiker bei uns alles an Bloedheiten auffuehren, nur um gewaehlt zu werden, geht ja auf keine Kuhhaut.
Das Problem liegt viel eher darin, dass vielleicht wirklich Leute, die so denken wie Schulmeister oder Sie einer solchen Institution vorstehen koennten.
Und an Enteignung hab ich nun aber 0 Interesse.
Also lassen wirs lieber

g. b.2
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Ohne "Enteignung" geht es in einem System nicht

Stellt sich nur die Frage, wer und WAS enteignet werden darf ...

ein mensch
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Natürlich gehts

wenn wirtschaftspölotik endlich den platz bekommt, der ihr zusteht: allen menschen dienen.

Ähnlich wie müllabfuhr, wasserbereitstellung etc.

Glücklich und zufrieden leben wollen wir alle.

Und nicht sklavenartig den reichen und mächtigen dienen.

Kapitalismus Luege
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GDP - wie bewirtschaftbar ist ein Land

und nicht mehr GNP, wie reich sind seine Bürger. (Stiglitz)

Ob also Griechen bis 35 bei der Mama wohnen müssen, oder die Spanier 40% Jugendarbeitslosigkeit haben wird weiterhin keinen kratzen.

Es geht um "Compliance" um die "Märkte" (= das Kapital) gut bedienen zu können.

Amenhotep IV
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Ein EWF...

...wäre v.a. ein weiteres Notpflaster um das bestehenede System künstlich am Leben zu erhalten - und wie im Beitrag völlig richtig beschrieben, werden weitere Zentralisierungen zugunsten von EU-Organen, zu weniger Demokratie für die Bürger Europas führen...

Amenhotep IV
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Ein EWF...

...wäre v.a. ein weiteres Notpflaster um das bestehenede System künstlich am Leben zu erhalten - und wie im Beitrag völlig richtig beschrieben, werden weitere Zentralisierungen zugunsten von EU-Organen, zu weniger Demokratie für die Bürger Europas führen...

EUphoriker
11
das gegenteil ist wohl der fall

wenn es keine sozialunion gibt, wird die EU ein instrument des kapitals bleiben. Im übrigen sind es ja eben jene integrationsskeptiker, die der demokratisierung nordafrikas ebenso skeptisch gegenüber stehen.

Amenhotep IV
00
EU(phoriker)

sozialunion - EU instrument kapital - demokratisierung nordafrika zumindest skeptisch - what do you have to say?

bye bye austria
00
"Ich verstehe diesen (Schulmeister-) Plan in einigen Punkten nicht und ersuche um Erläuterung"

Sehr nobel ausgedrückt für das was Schulmeister daherfabulierte.
Das Im-Kreis-Herumbuchen von Schulden und neuschuldenfinanziertes Altschuldentilgen + ständiges Geldmengenwachstum für noch mehr Neuschulden kann man immer wieder Neubenenennen und Beschmücken wie man will: Es wird kein Problem lösen, nur später noch größere (Crashs) erzeugen. Diese dzt. Europa- Politik will sich noch ein paar Jährchen drüberretten, aber dass Europa und die USA keine seriösen Lösungen für ihr nicht mehr wettbewerbsfähiges Pyramidenspiel anzubieten haben, wird langsam immer klarer. Kein Mensch glaubt hier mehr an echte Nettoschuldenreduktionen, "die Märkte" zeigen es auch schon längst: Gold, Immobilien, Commodities rauf, bedeutet eigentlich: Geldwert runter.

yasujiro
00
wenns nicht Blasen sind die den armen Teufeln das Geld aus der Tasche locken und nur umverteilen.

the comedian
 
66
sand in die augen streuen

das ist das geschäft der volkswirtschafts"wissenschaftler"
den vorschlag mit dem argument zu schwierig abtun und auf demokratieprobleme hinweisen.
nur:
verglichen mit dem derzeitigen system privater bankster, die ungeniert geld durch kreditvergabe auf kosten der allgemeinheit schöpfen, da die anfallenden zinsen für dieses reine buchgeld mit steuergeldern bezahlt werden, ist jede alternative demokratisch.
dieses barbarische system muss überwunden werden.
wie ist natürlich zu diskutieren.
etwa:
1. private geschäftsbanken nur als reine depositenbanken (100% deckung).
2. die politische geldschöpfung erfolgt ausschließlich durch den staat. die spezielle eurolösung ist hier natürlich knifflig. keine frage.

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